Medizin Hormontherapie erhöht Brustkrebsrisiko

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16:05 Uhr
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SWR2

Eine Hormontherapie zur Linderung von Wechseljahrsbeschwerden erhöht das Brustkrebsrisiko von Frauen – und zwar auch noch Jahre nach der Therapie.

Offenbar erhöhen künstliche Hormone in den Wechseljahren das Risiko für Brustkrebs viel länger als vermutet. So das Ergebnis einer großen Überblicksstudie im Fachblatt „The Lancet“. Ulrike Till aus der SWR Wissenschaftsredaktion hat sich die Studie angeschaut:

Was genau haben die  Forscher da jetzt herausgefunden?

Die Wissenschaftler haben 58 Studien mit rund einer halben Million Frauen ausgewertet und kommen zu einem ganz eindeutigen Ergebnis: eine Hormontherapie in den Wechseljahren erhöht das Risiko für Brustkrebs. Und zwar umso mehr, je länger eine Frau Hormonpillen schluckt.

Außerdem spielt es eine Rolle, ob Frauen Kombipräparate mit Östrogen und Gestagen verordnet bekommen oder Östrogen alleine. Kombipillen erhöhen das Risiko sehr viel mehr. Trotzdem werden sie besonders häufig verordnet, es sind die üblichen Mittel für Frauen, die noch eine Gebärmutter haben.

Wenn eine Frau fünf Jahre lang täglich so eine Pille mit Östrogen und Gestagen schluckt, steigt ihr Brustkrebsrisiko um zwei Prozent. Das klingt erstmal nicht viel, aber es heißt: von 50 Patientinnen mit Hormontherapie bekommt eine Brustkrebs, die sonst gesund geblieben wäre.

Brustkrebs (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/Jan-Peter Kasper/dpa-Zentralbild/dpa)
Das Brustkrebsrisiko steigt durch die längere Gabe von Hormonpräparaten. picture alliance/Jan-Peter Kasper/dpa-Zentralbild/dpa

Dass das Krebsrisiko durch Hormone steigt, weiß man ja schon länger – was ist jetzt neu an diesen Ergebnissen?

Bisher hatte man vermutet, dass die Brustkrebsgefahr schnell sinkt, sobald Frauen die Mittel absetzen. Aber es ist wohl ein Irrglaube, dass das Risiko danach nur für relativ kurze Zeit etwas höher ist. Die neuen Zahlen zeigen jetzt, dass eine Hormontherapie selbst zehn Jahre nach dem Ende der Behandlung noch zu mehr Brustkrebsfällen führt als üblich. Allerdings gilt das nur für Frauen, die schlank oder normalgewichtig sind.

Bei starkem Übergewicht wirken sich die künstlichen Hormone nicht negativ aus – vermutlich deshalb, weil sehr füllige Frauen sowieso schon ein deutlich erhöhtes Brustkrebsrisiko haben; das steigt dann nicht noch weiter an.

Was heißt das jetzt für Frauen, die im Moment Hormonpillen nehmen?

Die Studie ist ein Warnschuss, aber sie ist auch definitiv kein Grund zur Panik. Es ist sicher sinnvoll, das in aller Ruhe mit dem Frauenarzt oder der -ärztin zu besprechen. Hormone über mehr als fünf Jahre galten schon vorher als besonders riskant, das hat sich jetzt bestätigt.

Wer sie nur für höchstens ein Jahr bekommt, scheint aber auch den neuen Daten nach auf der sicheren Seite. Außerdem empfehlen Experten sowieso, regelmäßig zu prüfen, ob die Hormone überhaupt noch nötig sind. Irgendwann lassen die quälenden Hitzewallungen nämlich auch von alleine nach.

Es ist also sinnvoll, einmal im Jahr zum Beispiel über drei Wochen die Hormondosis zu reduzieren und zu gucken, was passiert. Wenn man die Mittel schlagartig absetzt, sind die Beschwerden meist sofort wieder da, das sollten Frauen möglichst vermeiden.

Hormonpräparate kommen häufig als Mittel gegen Wechseljahrsbeschwerden zum Einsatz (Foto: Imago, imago/Niehoff)
Hormonpräparate kommen häufig als Mittel gegen Wechseljahrsbeschwerden zum Einsatz. Doch gerade bei längerer Einnahme steigt das Brustkrebsrisiko. Imago imago/Niehoff

Vor zwei Jahren hat ja eine Studie im New England Journal of Medicine Entwarnung in puncto Hormontherapie gegeben: Da hieß es, dass das Sterberisiko gar nicht erhöht ist. Wie passt das zusammen?

Das finde ich auch verwirrend - aber es hat mit der unterschiedlichen Fragestellung zu tun: Bei der neuen Studie haben die Forscher nur nach Brustkrebs geschaut, die etwas ältere Studie dagegen hat viele andere Erkrankungen miteinbezogen. Vor allem haben die Wissenschaftler da auch Fälle von Herzinfarkt und Schlaganfall miteinbezogen.

Und bezogen aufs Herz-Kreislauf-System hat sich die Hormontherapie bei Frauen unter 60 sogar leicht positiv ausgewirkt. Da haben viele Frauenärzte gesagt, jetzt ist die Behandlung wieder rehabilitiert – zumindest für eine Therapiedauer bis zu fünf Jahren. Aber die jüngsten Daten schüren jetzt natürlich wieder neue Zweifel. Nutzen und Risiko gegeneinander abzuwägen, bleibt also schwierig. Deshalb sollten Ärzte die Mittel sowieso nur Frauen verschreiben, die wirklich ganz massive Beschwerden haben – das ist höchstens ein Drittel aller Frauen in den Wechseljahren.

Frau in den Wechseljahren (Foto: Imago, SCIENCExPHOTOxLIBRARY)
Hitzewallungen, Stimmungsschwankungen - das sind die wohl bekanntesten Begleiterscheinungen der Wechseljahre. Imago SCIENCExPHOTOxLIBRARY

Was gibt es denn für Alternativen zu Hormonpillen?

Eine gängige Empfehlung ist unter anderem, sich viel zu bewegen. Sport hilft zwar nicht direkt gegen Hitzewallungen, kann aber leichte Depressionen und Schlafstörungen bessern; das sind ja auch häufige Beschwerden. Ob man sich beim Essen einschränken sollte, also etwa scharfes Essen oder Kaffee meiden, ist umstritten.

Und dann gibt es natürlich noch die vielen Pflanzenpräparate, die man rezeptfrei in der Apotheke bekommt: Diese Kapseln, zum Beispiel mit Soja oder Rotklee, sind aber vermutlich auch nicht komplett harmlos. Pflanzenhormone wirken zum Teil ähnlich wie Östrogen, deshalb könnten auch da hohe Dosen über Jahre das Krebsrisiko erhöhen. Das ist bisher aber noch nicht richtig erforscht.

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