Medikamente Lieferengpässe bei Arzneimitteln

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16:05 Uhr
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SWR2

Immer wieder kommt es in Deutschland zu Lieferengpässen bei Arzneimitteln. Einige Impfstoffe, Antibiotika, Mittel gegen Krebs oder Diabetes sind im Moment schwer zu haben. Was sind die Gründe und Gefahren? SWR2 Impuls sprach darüber mit Prof. Wolf Dieter Ludwig. Er ist der Vorsitzende der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft.

Wann spricht man in Zusammenhang mit Medikamenten von einem Engpass?

Man muss generell unterscheiden zwischen Lieferengpässen, bei denen bestimmte Arzneimittel nicht lieferbar sind, aber durchaus Alternativen zur Verfügung stehen. Ein derartiger Lieferengpass hat für die Versorgung der Patienten keine Konsequenzen. Es gibt aber auch versorgungsrelevante Engpässe bei Medikamenten, für die es keine Alternativen gibt. Das bedeutet für den Patienten, dass er möglicherweise auf eine Behandlung warten muss.

Apotheke (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Picture Alliance)
Die Ursachen für Medikamentenengpässe sind vielfältig. Picture Alliance

Wir haben das zum Beispiel im Rahmen der Stammzelltransplantation erlebt, dass ein gewisses Zytostatikum nicht lieferbar war. Patienten mussten dann mitunter Monate auf die Durchführung dieser wichtigen Therapie warten. Genauso ist es bei lebensnotwendigen Antibiotika ein großes Problem, wenn ein Patient mit einer schweren Infektionen im Krankenhaus liegt und das Antibiotikum nicht lieferbar ist. Dann muss man ein alternatives Antibiotikum verordnen, was möglicherweise weniger gut wirksam ist oder aber auch verstärkt Nebenwirkungen hat. Diese versorgungsrelevanten Arzneimittelengpässe sind natürlich vollkommen inakzeptabel, weil sie für die Patienten eine echte Bedrohung darstellen.

Was sind die Gründe für die Lieferengpässe?

  • Die Herstellung von Arzneimitteln wurde in den letzten Jahrzehnten zunehmend nach Asien (vor allem nach China und Indien) verlagert. Das heißt: Sowohl die Rohstoffe, als auch die Arzneimittel werden nicht mehr in Europa produziert. Kommt es wie im letzten Jahr in einer Fabrik, die Antibiotika herstellt, zu einer Explosion, dann hat das natürlich gravierende Folgen: Es gibt in Europa keine Alternativen, die dann schnell dieses Antibiotikum oder Zytostatikum herstellen können.
  • In China oder anderen asiatischen Ländern sind die Arbeitskräfte deutlich billiger und die Produktion von Arzneimitteln damit deutlich günstiger. Es sind also vor allem ökonomische Gründe, warum europäische Pharmaunternehmen ihre Produktion nach Asien verlagern.
  • Die Kontrolle von Produktionsstätten in Asien ist schwierig. Wenn Produktionsstätten qualitative Mängel aufweisen, müssen sie durch die regulatorischen Behörden inspiziert werden. In Europa ist das die Europäische Arzneimittel-Agentur. Dazu benötigt diese Behörde ausreichend Personal, was nicht immer vorhanden ist. Das heißt, die Inspektionen in den asiatischen Produktionsstätten erfolgt nicht immer so schnell, wie es notwendig wäre. So musste letztes Jahr ein Blutdruckmittel aufgrund von Qualitätsmängeln vom Markt genommen werden. Das kann zu kurzfristigen Engpässen führen.
Pillen (Foto: SWR)
Viele Medikamente werden heutzutage in Asien produziert. Das hat auch Nachteile.

 

  • Die Produktion von Generika, also Nachahmerpräparaten von Arzneimitteln, deren Patent ausgelaufen ist, lohnt sich für Pharmaunternehmen nicht mehr. Das führt dazu, dass viele dieser Generika vom Markt verschwinden und dann nicht mehr verfügbar sind.
  • Die Lagerkapazitäten sind in Deutschland vollkommen unzureichend: Vierzehn Tage im Großhandel, in Krankenhäusern vier Wochen. Diese Lagerkapazitäten müssen deutlich erweitert werden, so dass auch Krankenhausapotheker und ambulant tätige Apotheker die Chance haben, bei einem drohenden Mangel oder Lieferengpass zu reagieren und sich nach Alternativen umzusehen. Diese Forderung gibt es schon seit Jahren. Leider wurden diese bisher von der Politik nicht adäquat umgesetzt.
Junge Frau und Blisterverpackungen mit unterschiedlichen Pillen (Foto: SWR - Coulorbox, Montage: Schwalenberg)
Lieferengpässe müssen rechtzeitig gemeldet werden. SWR - Coulorbox, Montage: Schwalenberg

Was kann man die Politik gegen die Lieferengpässe bei Medikamenten tun?

  • Die Politik muss sich darüber Gedanken machen, wie die Arzneimittelproduktion wieder nach Europa verlagert werden kann. Dafür braucht es Anreize.
  • Die Politik muss Regeln bezüglich Lagerkapazitäten und Lagerdauer vorgeben, damit Engpässe keine gravierenden Folgen haben.
  • Durch Änderungen im sogenannten Arzneimittel-Versorgungsstärkungsgesetz vor zwei Jahren gab es bereits einige Maßnahmen die sinnvoll sind. Es treffen sich jetzt alle Beteiligten von den Ärzten, über die Zulassungsbehörden, über die pharmazeutischen Hersteller, regelmäßig bei einem sogenannten Curving. Dort werden alle Lieferengpässe oder versorgungsrelevanten Lieferengpässe besprochen und man versucht, gemeinsam nach Lösungen zu suchen.

Außerdem ist sicherlich ganz wichtig und etwas, das auch die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft immer wieder gefordert hat, dass die pharmazeutischen Hersteller verpflichtet werden, rechtzeitig drohende Lieferengpässe zu melden. Nur so können sich die Krankenhausapotheker und die ambulant tätigen Apotheker darauf einstellen und auch die Ärzte natürlich ihrer Therapie entsprechend planen.

Rabattverträge zwischen den Krankenkassen und den pharmazeutischen Herstellern sollten nicht mit einem Hersteller abgeschlossen werden, sondern mit drei Herstellern, so dass dann möglicherweise, wenn einer nicht liefern kann, die anderen einspringen können.

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