Klimaproteste Zuviel Inszenierung: Thunbergs Wutrede

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16:05 Uhr
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SWR2

„Greta Thunberg hat viel erreicht“, sagt SWR2 Wissenschaftsredakteur Gabor Paal nach ihrer emotionalen Rede vor der UN-Klimakonferenz in New York. Aber Klimaschutz dürfe nicht davon abhängen, ob Greta Thunberg Tränen in den Augen habe. Die Medien sollten Greta Thunberg nicht wie einen Popstar sondern wie eine junge, ernstzunehmende politische Aktivistin behandeln. Hier sein Kommentar:

Greta Thunberg hat viel erreicht. Sie hat vielen jungen Leuten auf der Welt eine Stimme gegeben. Ohne diese Protestbewegung wäre das Klimapaket wohl noch mickriger ausgefallen oder gar nicht erst zustande gekommen. Ihr Engagement ist bewunderswert und ihre Fachkenntnis beim Klima übrigens auch. Das bescheinigen ihr Experten und das hat sie auch in Interviews schon unter Beweis gestellt. Doch nun läuft sie Gefahr, in eine Falle zu laufen.

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Theatralische Rede, einstudierte Wut

Die Falle besteht darin, dass sie ja schon seit Monaten längst alles gesagt hat, was sie zu sagen hat. Ihre Botschaft ist bekannt, aber sie will die Aufmerksamkeit halten, also dreht sie bei jedem Auftritt nun noch etwas mehr auf. Ihre Rede gestern war zu theatralisch, es war abgelesene und einstudierte Wut – und im Ton überzogen.

Nein, sie muss nicht diplomatisch sein, und ja, die Welt hat beim Klimaschutz 30 Jahre verschlafen, aber daran sind nicht nur Regierungschef schuld, sondern auch all diejenigen, die sie gewählt haben. Und wenn Thunberg den anwesenden Politikern vorwirft, sie hätten ihr mit ihren leeren Worten ihre Kindheit und ihre Träume gestohlen, ist das nun wirklich Unsinn.

Eine glückliche Kindheit hängt nicht vom Klimawandel ab

Ob eine Kindheit in Schweden schön oder nicht schön ist, hängt von vielem ab – aber nicht vom Klimawandel. Thunberg hat recht, anderen Kindern geht es noch viel schlimmer als ihr. Aber Kindheit ist etwas sehr Invididuelles. Der Klimawandel ist aus vielen Gründen bedrohlich, aber die Hauptursache für schreckliche Kindheiten werden auch in Zukunft Gewalt, Kriege, und persönliche Schicksale sein.

Und was die angeblich gestohlen Träume betrifft - da nehme ich Greta Thunberg auch nicht ab, dass sie in ihrer Kindheit von nichts anderem geträumt hat als von einer klimaneutralen Welt.

Der apokalyptischen Rhetorik könnte die Puste ausgehen

Ich weiß nicht, ob das mit den Träumen eine Anlehnung an den Bürgerrechtler Martin Luther King sein sollte, aber: Gestohlene Kindheit, gestohlene Träume, das sind dramatische, aber genau die leeren und hohlen Worte, die Thunberg bei den Politikern anprangert. Das mag pingelig klingen, Greta Thunberg ist Aktivistin, und Aufrütteln gehört dazu. Aber wenn sie so weiter macht, und ihren apokalyptischen Ton immer weiter steigert, dann könnte ihr irgendwann die Puste ausgehe und die Wirkung verpuffen.

Greta Thunberg ist kein Popstar, sondern eine politische Aktivistin

Ich würde das alles nicht sagen, wenn es nicht ein Medienproblem gäbe: Greta segelt, Greta kommt in New York an, Greta trifft Obama. Es ist in Ordnung, dass die Medien da immer dabei sind. Doch warum geht es so sehr um sie? Diese Art der Berichterstattung befördert den Personenkult, der auch irgendwann nach hinten los gehen kann. Und es zum Teil schon tut, wenn man sich die Anti-Greta-Kampagnen ansieht, die Klimaschutzgegner fahren. Klimaschutz darf aber nicht davon abhängen, ob Greta Thunberg Tränen in den Augen hat, oder von der Frage, ob ihre Segelreise wirklich klimaneutral war.

Deshalb, liebe Medien, behandelt Greta Thunberg nicht wie einen Popstar, sondern als das, was sie ist: eine junge, ernstzunehmende politische Aktivistin. Und nennt sie mit ihrem Nachnamen. Sie ist nicht Jesus.

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