Tiere im Klimawandel Mangelnde Fitness von Meeresschildkröten

Dauer
Sendedatum
Sendezeit
16:05 Uhr
Sender
SWR2

Von 1000 geschlüpften Meeresschildkröten schafft nur eine den Weg zurück vom Strand in den Ozean. Der Klimawandel und die zunehmende Lichtverschmutzung spielen dabei eine Rolle.

Eine Sommernacht in Florida. Dort, wo der Atlantik auf das Festland trifft, verlässt eine Unechte Karettschildkröte den Ozean. Lautlos kriecht sie ein paar Meter über den Sandstrand, gräbt ein Loch, legt darin rund einhundert Eier ab und verabschiedet sich dann wieder ins Meer.

Zwei Monate später; wieder nachts: Billy schlüpft, gemeinsam mit seinen einhundert Geschwistern. Doch Billy kommt nicht weit. Sein Ziel, den Atlantischen Ozean, erreicht er nicht. 

Merrescchildkröten (Foto: SWR, Guido Meyer)
Den Weg vom Strand zurück ins Meer schaffen nur wenige der frisch geschlüpften Meeresschildkröten. Guido Meyer

Reise im Eimer

Die Biologiestudentin Heather Seamen hat Billy am Strand gefunden. Und dann hat sie ihn in ein großes, rundes Plantschbecken mit Meerwasser gesetzt. Hier ist Billy nicht alleine. Dutzende von Unechten Karettschildkröten und Grünen Meeresschildkröten werden hier aufgepäppelt.

Meereschildkröten retten (Foto: SWR, Guido Meyer)
Die Biologiestudentin Heather Seamen und Sarah Milton von der Biologieabteilung der Florida Atlantic University setzen sich für den Schutz von Meeresschildkröten ein. Guido Meyer

Sarah Milton von der Biologieabteilung der Florida Atlantic University arbeitet mit dem Gumbo Limbo Center an der Ostküste zusammen. Die Wissenschaftlerin beobachtet seit Jahren, dass es den Tieren zunehmend schwerer fällt, aus dem Nest heraus über den Sand in den Ozean zu krabbeln. Ein Grund dafür ist die Lichtverschmutzung am Strand.

Normalerweise finden die Tiere das Wasser, indem sie sich von der dunklen Strandseite abwenden. Sie orientieren sich in Richtung flacher Horizont und Licht. Das kann der Mond sein oder Sterne, die sich auf der Ozeanoberfläche spiegeln.

Meeresschildkröten im Eimer (Foto: SWR, Guido Meyer)
Die Meeresschildkröten werden durch künstliches Licht in die Irre geschickt. Sie werden eingesammelt und aufgepäppelt, so dass sie eine neue Chance bekommen. Guido Meyer

Parkplatz statt Ozean

Da jedoch viele Strände mit Hotels verbaut sind, lenken deren Licht die Schlüpflinge ab. Deswegen landen sie oft auf Parkplätzen, auf Straßen oder in Swimming Pools. Etwa die Hälfte der Schlüpflinge verläuft sich so.

Die Tiere legen auf dem Strand manchmal eine Meile zurück – und das bei ihrer geringen Größe von nur wenigen Zentimetern. Das wäre ungefähr so, als würden wir Menschen uns nachts um die 80 Kilometer verlaufen.

Und auch im Wasser gibt es kein Ausruhen. Die Schlüpflinge müssen in Bewegung bleiben. Sie schwimmen 24 Stunden ununterbrochen, um möglichst weit weg von der Küste – wo die Fressfeinde sind -, hinaus in den offenen Ozean zu kommen.

Ausdauertraining für kleine Schildkröten

Also hat Sarah Milton die kleinen Tiere auf ein genauso kleines Laufband gesetzt, an dessen Ende eine Lampe scheint, so wie der Mond – das ist Fitnesstraining für Meeresschildkröten, solange, bis die Schlüpflinge ein Ausdauertraining von einem halben Kilometer hinter sich hatten.

Milton erzählt, dass die Tiere sehr oft anhalten und sich ausruhen müssen. Noch bis vor wenigen Jahren waren Schlüpflinge in der Lage, locker ein bis zwei Kilometer zurückzulegen, um das kostbare Nass zu erreichen. Das schaffen sie heute nicht mehr. Ihr mangelndes Durchhaltevermögen führen die Biologen auf die gestiegenen Ozeantemperaturen zurück. Auch Meeresschildkröten bekämen die globale Erwärmung zu spüren, erklärt Heather Seamen.

Meereschildkröten (Foto: SWR, Guido Meyer)
Auf einem Laufband machen die Meereschildkröten einen Fitnesstest. Fazit: Vermutlich durch den Klimawandel ist der Meeresschildkröten_nachwuchs weniger leistungsfähig. Guido Meyer

Der Klimawandel heizt den Sand am Strand auf. Ein wärmeres Nest hat Auswirkungen auf die Schlüpflinge: Sie sind kleiner, und sie sind schwächer. Außerdem bestimmt die Temperatur das Geschlecht der Tiere. Je heißer es ist, desto mehr Weibchen schlüpfen.

Weibchenüberschuss und globale Erwärmung

Und seit einiger Zeit schlüpfen fast nur noch Weibchen. Das wird spätestens in rund zwanzig Jahren zu einem Problem werden, wenn die Tiere geschlechtsreif sind, auf Partnersuche gehen – aber nicht fündig werden. Doch im Gegensatz zu den Menschen scheinen Meeresschildkröten bereits einen Weg gefunden zu haben, mit dem Klimawandel umzugehen, glaubt Sarah Milton.

Sie hat Anhaltspunkte dafür, dass sich die Tiere bereits der globalen Erwärmung angepasst haben. Einige Schildkröten legen ihre Eier weiter nördlich, wo es kühler ist. Andere fangen zwei Wochen früher mit der Eiablage an, wenn es ebenfalls noch nicht so heiß ist.

Kluge Tiere also, die Meeresschildkröten: einfach die Hitze vermeiden, um mobil und gesund zu bleiben. Und wenn Billy irgendwann so weit ist, sich fortzupflanzen, werden sich die Weibchen wohl nur so um ihn reißen.

Forscherin mit Meereschildkröte (Foto: SWR, Guido Meyer)
Die Forscherin Sarah Milton von der Biologieabteilung der Florida Atlantic University setzt sich für Meeresschildkröten ein. Guido Meyer
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