Klimawandel Bäume in Not – Strategien für Städte und Wälder

AUTOR/IN

Die zunehmende Trockenheit setzt den Bäumen in Städten und Wäldern zu. Deshalb suchen Experten nach resistenteren Arten – doch die Herausforderungen sind groß, denn Bäume der Zukunft müssen sowohl lange Trocken- und Hitzeperioden als auch klirrende Kälte ertragen.

Dauer
Sendedatum
Sendezeit
8:30 Uhr
Sender
SWR2

70 Prozent aller Stadtbäume sind krank, viele sterben ab – ein Problem vieler deutscher Städte. In Karlsruhe etwa müssen über 1.200 Stadtbäume gefällt werden. Dem deutschen Wald geht es noch schlechter: 180.000 Hektar sind massiv geschädigt. Schon bald könnte es dunkle, dichte Wälder wie den Schwarzwald nicht mehr geben.

Unter der Hitze leiden nicht nur die Bäume, sondern auch die Menschen. Asphalt und Beton speichern die Wärme und strahlen sie ab. An extremen Tagen ist es in der Stadt um zehn Grad heißer als auf dem Land, weiß Hans-Peter Barz, Leiter des Grünflächenamts in Heilbronn. Ohne Bäume als Feinstaubfilter, Sauerstoffproduzenten und Schattenspender ist das Leben in den Städten zukünftig nicht mehr so gut möglich.

Zwei Baumexperten stehen vor einer riesigen dreihundert jahre alten Zeder (Foto: SWR, Moritz Kluthe)
Ein Baum in der Stadt versorgt durchschnittlich zehn Menschen pro Tag mit Sauerstoff Moritz Kluthe

Die Sommer 2018 und 2019 gehören zu den heißesten seit Beginn der Wetteraufzeichnung vor rund 140 Jahren – nur das Jahr 2003 war noch wärmer. Experten gehen davon aus, dass weitere Extremsommer folgen. Darauf bereiten sich die Städte vor, indem sie das Spektrum der Baumarten erweitern. Welche Eigenschaften der Stadtbaum der Zukunft haben muss, erforschen seit zehn Jahren Mitarbeiter der Bayerischen Landesanstalt für Wein- und Gartenbau bei Würzburg.

Silberlinde – Klimabaum der Zukunft

Die Silberlinde, das südosteuropäisches Pendant zu unserer heimischen Winterlinde, behauptet sich beispielsweise im Würzburger Forschungsprojekt – sie könnte ein Klimabaum der Zukunft sein, meint Projektleiterin Susanne Böll. Denn sie hat einen Trick auf Lager, wie sie sich in Hitzeperioden relativ kühl hält: Die silbrig-weißen Unterseiten ihrer Blätter dreht sie bei hoher Sonneneinstrahlung nach außen, sodass sie mit den weißen Unterseiten einen Teil der Strahlung reflektieren kann. Die deutlich kühlere Temperatur lässt sich nachmessen.

Klimaangepasst, dafür insektenfeindlich?

Gegenüber gebietsfremden Bäumen haben viele Städte jedoch Bedenken. Sie fürchten, dass diese das Ökosystem stören oder von einheimischen Insekten gemieden werden. Das haben Würzburger Forscher aber widerlegt. Die Vielfalt an Insekten sei bei einheimischen und gebietsfremden Baumarten gleich groß. Einige Insekten kämen auf einheimischen, andere nur auf gebietsfremden und wieder andere auf allen Baumarten vor.

Blätter der Silberlinde: oben grün, Unterseite silbrig (Foto: dpa Bildfunk, Daniel Karmann/dpa +++(c) dpa - Bildfunk)
Die Silberlinde dreht ihre Blätter um, dann reflektiert die silbrige Unterseite Sonne und Hitze Daniel Karmann/dpa +++(c) dpa - Bildfunk

Susanne Böll und ihr Team stellten auch fest, dass die Klimabaumarten ihr Laub erst später abwerfen als viele einheimische Arten. In Hitzeperioden sind die südosteuropäischen Arten laut Messungen offensichtlich in der Lage, ihre Blätter besser herunterzukühlen als die heimischen Arten.

Ein Straßenbaum versorgt durchschnittlich zehn Menschen pro Tag mit Sauerstoff

Laut der ETH Zürich wäre mehr Wald der effektivste Schutz gegen den Klimawandel, denn er könnte bis zu zwei Drittel der von Menschen verursachten CO2-Emissionen aufnehmen. Dafür müsste man eine Fläche in der Größe der USA aufforsten. Mindestens. Denn gleichzeitig geht überall auf der Welt Wald verloren – durch Brandrodungen in Brasilien und Sibirien oder durch Dürreschäden wie in Deutschland. Hier waren es seit letztem Jahr 180 000 Hektar – eine Fläche, die doppelt so groß ist wie Berlin.

Angesichts der Waldkrise muss sofort gehandelt werden. Deshalb haben Bund und Länder auf dem Nationalen Waldgipfel Ende September finanzielle Hilfe zugesagt: 800 Millionen Euro in den nächsten vier Jahren für Personal, Forschung und Aufforstung. Die Bundesregierung will außerdem Initiativen von Städten, Unternehmen und Privatleuten finanziell unterstützen: Das könnten begrünte Dächer sein, Blumen am Straßenrand oder eben auch kleinere Grünanlagen wie das Klimawäldchen.

Die Idee sei gut, so der Leiter des Grünflächenamtes Heilbronn, Hans-Peter Barz, doch müsse Stadtgrün deutlich mehr und schneller gefördert werden. Die Heilbronner würden diese Idee sicher begrüßen, denn durch die letzten zwei Hitze-Sommer haben sie Bäume schätzen gelernt: Es gibt weniger Beschwerden wegen heruntergefallenem Laub. Dafür rufen mehr Bürger an, die besorgt sind um den Baum vor ihrer Tür oder Rechenschaft fordern, wenn Bäume gefällt werden.

AUTOR/IN
STAND
ONLINEFASSUNG