Gesundheit Bluttest könnte eines Tages Lebenserwartung vorhersagen

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16:05 Uhr
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Wie lange habe ich noch zu leben? Forscher entwickeln einen Test, der die persönliche Lebenserwartung deutlich besser vorhersagen kann als bisher. Dabei geht es um die Wahrscheinlichkeit, die nächsten fünf bis zehn Jahre zu überleben. Noch ist er lange nicht marktreif. Aber es gibt auch ethische Probleme.

Wissenschaftler sind neuen Biomarkern auf der Spur: Mit 14 Messdaten aus dem Blut könnte sich das persönliche Sterberisiko wohl deutlich besser vorhersagen lassen als bisher. Dabei geht es immer um die Wahrscheinlichkeit, die nächsten fünf bis zehn Jahre zu überleben. Die Ergebnisse sind gerade im Fachblatt „Nature Communications“ erschienen.

Hunderte von möglichen Biomarkern hat das internationale Forscherteam für die Studie untersucht – am Ende haben sich 14 Faktoren als entscheidend herausgestellt: Es geht unter anderem um bestimmte Fettwerte, um Zuckerspiegel und Warnzeichen für Entzündungen im Körper.

Ausgangspunkt waren Blutproben von mehr als 44.000 Probanden – es ist die größte Untersuchung dieser Art. Bei einigen der Biomarker wusste man schon länger, dass sie einen frühen Tod wahrscheinlicher machen oder umgekehrt eine Schutzwirkung haben. Bei vielen Faktoren ist aber erst jetzt klar geworden, dass sie vermutlich besonders wichtig sind. Möglicherweise lässt sich mit den 14 Biomarkern also eines Tages mal bestimmen, ob jemand noch fünf oder zehn Jahre zu leben hat.

Ganz wichtig: Ein solcher Bluttest ist noch längst nicht entwickelt. Dafür sind weitere große Studien nötig – das wird Jahre dauern. Denn im Moment sind ganz zentrale Fragen noch offen: Die Wissenschaftler können nicht sagen, wie verlässlich die Prognosen der 14 Biomarker wirklich sind. Sie haben nur festgestellt, dass die 14 Faktoren bessere Vorhersagen erlauben als Risikofaktoren, die Ärzte schon jetzt berücksichtigen:
zum Beispiel

  • Cholesterinwerte
  • Body-Mass-Index
  • Blutdruck oder
  • Rauchverhalten.
Patientengespräch im Krankenhaus (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance / Bildagentur-online)
Die Auswertung des Bluttests mit den betroffenen Menschen würde viel Zeit und Einfühlungsvermögen benötigen. picture alliance / Bildagentur-online

So ein Bluttest könnte zum Beispiel eingesetzt werden, damit schwerkranke Krebspatienten besser entscheiden können, ob sie sich eine belastende Therapie noch zumuten wollen, so die Forscher.

Allerdings sind die ethischen Fragen rund um diesen Test nicht einfach zu beantworten. Keiner weiß ja mit Sicherheit, ob der kranke Mensch wirklich bald sterben wird. Und es wäre theoretisch denkbar, dass Krankenkassen künftig nach dem individuellen Risikoprofil entscheiden, wer eine teure Behandlung bekommt - und wer nicht. Diese Gefahr sieht auch die Medizinethikerin Dr. Annette Rogge vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein. Allerdings könnte eine frühzeitige Risikoanalyse auch positive Effekte haben:

Im Fall von neurodegenerativen Krankheiten wie Alzheimer oder Morbus Parkinson wurde die Lebensqualität von möglichen, zukünftigen Patienten kaum beeinträchtigt, wenn sie früh über ihr Risiko aufgeklärt wurden. Ein großer Vorteil wäre laut Rogge, wenn auf solche Testergebnisse eine Empfehlung folgen könnte, wie sich potentielle Patienten besser verhalten könnten. „Die Frage ist, ob es eine Möglichkeit gibt, das Ruder noch herumzureißen und wenn ja, mit welchen Maßnahmen.“, so Rogge.

Besonders wichtig sei jedoch, dass Patienten und Ärzte sensibel mit solchen Testergebnissen umgehen müssten. „So ein Ergebnis für sich allein kann keine Antwort für eine individuelle Therapieentscheidung sein. Es ist nur ein Puzzleteil von vielen.“ So eine Risikoaufklärung müsse also mit genügend Zeit und Einfühlungsvermögen durchgeführt werden. Die Menschen müssten auch danach noch weiter begleitet werden und ganz wichtig: Jeder habe auch das Recht, etwas nicht wissen zu wollen.

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