SWR2 Wissen: Aula Brüche, Risse, Verwerfungen – 30 Jahre nach dem Mauerfall

Der Bielefelder Soziologe Wilhelm Heitmeyer untersucht seit Jahren die politischen Einstellungen und den Wertewandel in Deutschland Ost und West. Im Gespräch mit Ralf Caspary erläutert er beunruhigende Ergebnisse und spricht von "autoritärem Nationalradikalimus".

Dauer
Sendedatum
Sendezeit
8:30 Uhr
Sender
SWR2

Die Aula auf einen Blick

Was bedeutet "autoritärer Nationalradikalismus"?

"Das Autoritäre zielt auf ein Gesellschaftsmodell mit einem Kontroll-Paradigma, man wünscht sich eine rigide Führung, eine hierarchische soziale Ordnung und klare Freund-Feind-Schemata. Das ist das erste Element.

Das zweite ist das Nationale bzw. Nationalistische. Da geht es um einen Überlegenheitsanspruch des deutschen Volkes, das Deutschsein wird zum zentralen Identitätsanker gemacht.

Das dritte Element ist der Radikalismus: Grenzüberschreitung, Ausgrenzung von Andersdenkenden, Mobilisierung gegen Schwache und dergleichen mehr bis hin zum Systemwechsel. Es geht um eine Umstellung des politischen Systems auf eine autoritäre und geschlossene Gesellschaft." (Wilhelm Heitmeyer)

Wann spitzte sich dieser Nationalradikalismus in Ostdeutschland zu?

"Insbesondere nach der Finanz- und Wirtschaftskrise 2009 ist das Einstellungsmuster deutlich angestiegen, verbunden mit einem Anstieg individueller Gewaltbereitschaft und erhöhter Demonstrationsbereitschaft. Es ging den Menschen um das Einklagen und Beklagen von Einflusslosigkeit, sie fühlten sich nicht wahrgenommen von den etablierten Parteien.

Wahlpolitisch gesehen ist das autoritäre Einstellungspotential vagabundierend zwischen unterschiedlichen Parteien hin- und hergewandert, mal war es bei der SPD, mal bei der CDU, in manchen Ländern, auch damals in Sachsen beispielsweise, bei der NPD.

Demonstrationen in Sachsen (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Picture Alliance)
Demonstrationen während eines Wahlkampfauftritt von Bundeskanzlerin Merkel in Annaberg-Buchholz (Sachsen), 2017. Picture Alliance

Dann hat sich 2015 die AfD sehr stark verändert und ist nach rechts gerückt. Plötzlich hatte dieses Einstellungspotential einen politischen Ort, an dem es andocken konnte". (Wilhelm Heitmeyer)

Was sind die Ursachen dieses Einstellungsmusters?

"Es geht um das Gefühl der Ohnmacht, das Gefühl, nicht mehr ernst genommen zu werden, man fühlt sich als Bürger zweiter Klasse. Und es ist geradezu logisch, wenn man diese Ohnmachtserfahrungen kompensiert mit Hassgefühlen gegenüber Minderheiten und Machtfantasien, die wiederum aus dem Ideal eines starken Deutsch-Seins resultieren.

Für die Ohnmachtserfahrungen ist ein globalisierter Kapitalismus mit verantwortlich, der an sozialer Integration und Gerechtigkeit nicht interessiert ist, der dazu geführt hat, dass sich viele Ostdeutsche abgehängt fühlen, dass sie nicht am Wohlstand partizipieren dürfen.

Wilhelm Heitmeyer, Professor für Sozialisation an der Universität Bielefeld (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance / dpa)
Wilhelm Heitmeyer, Professor für Sozialisation an der Universität Bielefeld. picture alliance / dpa

Schätzen die etablierten Parteien diesen Radikalismus richtig ein?

"Nein, inzwischen bekommen sie natürlich das Flattern, das ist ja keine Frage. Sie haben es ganz lange unterschätzt. Ich und meine Kollegen haben immer versucht, darauf aufmerksam zu machen, dass es gefährliche Mentalitätsverschiebungen in der Bevölkerung gibt.

Besonders für die konservativen Parteien waren unsere Untersuchungsergebnisse, die man ja überall nachlesen konnte, immer nur Bielefelder Alarmismus, da sei nichts dran, wir haben das alles im Griff. Das Problem wird immer noch unterschätzt. (Wilhelm Heitmeyer)

INTERVIEW
STAND
ONLINEFASSUNG