SWR2 Wissen Etikettenschwindel – Gefälschtes Öl, gepanschter Wein

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Ein "Nationales Referenzzentrum" soll den Kampf gegen Food-Fälschungen forcieren. Wissenschaftler sollen eine Datenbank mit Lebensmittelprofilen einrichten, um den Fahndern die Arbeit zu erleichtern.

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8:30 Uhr
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SWR2

Sonnenblumen und Soja statt "Extra Vergine"

Im Mai 2019 schlug die Polizei in Italien und Deutschland zu und nahm 24 Verdächtige fest. Wieder ging es um Olivenöl, diesmal vermeintliches „Extra Vergine“ aus Apulien, zum Preis von fünf bis zehn Euro pro Liter. Doch die Etiketten waren Schwindel, die Ölmühlen in Wahrheit schmuddelige Lagerhallen. Das Öl, das in Fünf-Liter-Kanistern an Restaurants in ganz Italien und bis nach Süddeutschland vertrieben wurde, stammte aus Sojabohnen und Sonnenblumenkernen.

Betrug lohnt sich – finanziell

Der Handel mit Olivenöl ist ein Milliarden-Markt mit einer sagenhaften Gewinnspanne. Fälscher verdienen Millionen. Manipulierte Öle, die für weniger als einen Euro pro Liter hergestellt werden, sind mit sieben bis zehn Euro verkehrsfähig.

Fälscher haben es leicht

Jahrelang haben sich staatliche Kontrolleure vor allem auf hygienische Aspekte konzentriert: Frisch, sicher und sauber sollte die Nahrung sein. 2013 schreckte schließlich ein Riesenskandal die deutschen Hygiene-Wächter auf. Betrüger verschoben billiges Pferdefleisch durch ganz Europa und streckten damit Rindfleisch. 50.000 Tonnen wurden beschlagnahmt. Ein EU-Untersuchungsausschuss diagnostizierte später mangelnde Kontrollen auf allen Ebenen. Und mangelnde Kooperation zwischen den einzelnen Ländern. Das soll sich nun ändern. Im Fokus steht die „Authentizität“, also die Echtheit von Lebensmitteln.

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Nationales Referenzzentrum entsteht in Karlsruhe

Das Max-Rubner-Institut in Karlsruhe ist ein Bundesinstitut. Es kümmert sich an fünf Standorten in Deutschland um Qualität und Sicherheit von Lebensmitteln. Es hat Labore in Kiel, Hamburg, Detmold, Kulmbach und eben Karlsruhe.

Im Auftrag des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft entsteht ein „Nationales Referenzzentrum für authentische Lebensmittel“. Das „NRZ Authent“, so die Abkürzung, soll künftig als Schnittstelle zwischen Forschung und Lebensmittelüberwachung fungieren.

Das Institut hat es sich zur Aufgabe gemacht, eine Referenzmaterialienbank aufzubauen. Denn nur wenn die Wissenschaftler sicher wissen, dass eine Vergleichsprobe zum Beispiel von neuseeländischem Honig hundertprozentig echt ist, können Proben unsicherer Herkunft damit verglichen und bewertet werden. Doch mit dem Aufbau allein ist es nicht getan: Die Daten müssen gepflegt, ständig erweitert und aktualisiert werden. Und notfalls angeln die Forscher auch mal selbst eine Seezunge aus der Nordsee, um eine authentische Vergleichsprobe zu erhalten.

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Bessere Aufklärung dank verbesserter Analytik-Verfahren

In den letzten zehn Jahren hat sich in der Forschung viel getan. So können heute mithilfe von DNA-Analysen und der sogenannten NMR-Technologie immer mehr Betrugsfälle aufgedeckt werden,

Bei der DNA-Analyse werden verdächtige Proben analysiert und mit einer Datenbank abgeglichen. Werden diese Daten hinterlegt und würden sie bundesweit über die verschiedenen Behörden und Institute hinweg abrufbar gemacht, wäre allen Kontrolleuren damit geholfen. Leider gibt es derzeit noch viele bürokratische Hürden zu überwinden und oft muss bei jeder Anfrage zuerst ein entsprechender Antrag bei der jeweils anderen Behörde gestellt werden.

Rasch wachsende Bio-Branche weckt Zweifel

Die Bio-Branche setzt mittlerweile in Deutschland jährlich knapp elf Milliarden Euro um. Und seit immer mehr Discounter und Supermärkte Bioprodukte anbieten, wird mehr und mehr Nachschub benötigt. Die Preisdifferenz zwischen „konventionell“ und „bio“ aber macht die Branche zu einem begehrten Ziel von Fälscherbanden. Und die Geschwindigkeit, mit der sich so mancher konventionelle Betrieb in einen Biobetrieb wandelt, lässt mitunter staunen. Denn normalerweise dauert das bis zu vier Jahre.

Beispiel Biomilch. Das Max Rubner-Institut in Kiel hat ein Zwei-Komponenten-Verfahren entwickelt, mit dessen Hilfe sich Biomilch von konventioneller Milch unterscheiden lässt.

  1. Biomilch hat einen erhöhten Alpha-Linolensäure-Gehalt; der steht in Zusammenhang mit dem Kraftfutteranteil
  2. Mithilfe der Stabil-Isotopenanalytik lässt sich, wenn Kühe aus konventionller Haltung stammen, ein höherer Anteil eines bestimmten Kohlenstoffatoms in der Milch feststellen. Der ist darauf zurückzuführen, dass diese Kühe mehr Mais zu fressen bekommen als Kühe in der Biomilch-Erzeugung.

Kombiniert man beide Nachweisverfahren, lässt sich Bio-Milch von konventioneller Milch unterscheiden. Und das selbst in weiter verarbeiteten Produkten wie Käse oder Joghurt.

Gerichtsfest ist dieses Verfahren aber nicht. Kontrolleure können im Verdachtsfall Proben nehmen, diese analysieren und müssten dann eine Buchprüfung des Betriebes veranlassen.

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Globalisierter Markt erschwert Transparenz

Auf dem globalisierten Markt legen Lebensmittel vom Produzenten bis zum Verbraucher immer längere Wege zurück. Die Lieferketten werden unübersichtlicher und bieten mehr Möglichkeiten für Manipulationen.

Umso wichtiger ist der Aufbau eines nationalen Referenzzentrums, wie es derzeit am Max Rubner-Institut in Karlsruhe entsteht und der Abbau bürokratischer Hürden, sodass Informationen aus den Datenbanken verschiedener Institutionen miteinander verknüpft werden können.

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