Der Film zu Peter Wohllebens Bestseller Das geheime Leben der Bäume

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Peter Wohlleben hat mit seinem Buch „Das geheime Leben der Bäume“ 2015 einen Bestseller gelandet. Am 23. Januar 2020 kommt der gleichnamige Film in die Kinos. Hartwig Tegeler stellt „Das geheime Leben der Bäume“ vor. Eins vorweg: Unser Kritiker war irritiert, weil er einen Film über Wald und Bäume erwartet hatte.

„Das geheime Leben der Bäume“: kein Film über Wald und Bäume

Peter Wohlleben ist ein äußerst sympathischer Mann. Das wird in Jörg Adolphs Verfilmung des Bestsellers von Peter Wohlleben mit dem Titel „Das geheime Leben der Bäume“ sofort deutlich. Sehr deutlich. Wobei es bei diesem Dokumentarfilm mit diesem Titel die zunächst absurd erscheinende Frage zu stellen gilt, ob es im Kern tatsächlich um die Bäume und den Wald geht. Oder um die Verlängerung eines Medienhypes, da das Buch seit seiner Veröffentlichung 2015 allein in Deutschland 1,3 Millionen Leser gefunden hat. Eine rhetorische Frage, ich gebe es zu!

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Peter Wohlleben formuliert in Buch und Film eine Botschaft zusammen mit einer grundsätzlichen Kritik an der Forstwirtschaft. Ausgangspunkt ist dabei die Idee des Waldes – also die der Gemeinschaft der Bäume – als sozialer, kommunikativer, im Extremfall gar emphatischer Lebensraum. „Ein Superorganismus“, wie Wohlleben meint. Wir sehen Wohlleben im Film an einem alten, knorrigen Baumstumpf; der Förster erklärt die spezifischen Organisationsstrukturen dieses Miteinander zwischen den Bäumen, wie er es versteht:

„Doch wie konnten sich die lebenden Überreste so lange halten? Schließlich verbrauchen die Zellen Nahrung in Form von Zucker. Ohne Blätter und damit ohne Photosynthese ist das aber unmöglich. Bei diesem Exemplar war es aber jedoch ganz offensichtlich anders. Es bekam Unterstützung von den Nachbarbäumen. Die umgebenden Buchen pumpten ihm Zuckerlösung zu, um ihn am Leben zu halten. Dass Bäume sich über die Wurzeln zusammenschließen, kann man manchmal an Wegeböschungen sehen. Dass es wirklich ein verflochtenes System ist, das die meisten Individuen eines Bestandes und einer Art miteinander verbindet, haben Wissenschaftler im Harz herausgefunden.“ (Peter Wohlleben)

Bäume: soziales Verhalten oder schlicht Schmarotzertum?

Hanno Charisius hat im Januar 2020 in der Süddeutschen Zeitung mit der bösen wie treffenden Überschrift „Im Märchenwald“ die kritischen bis verständnislosen Reaktionen der Wald- und Forstwissenschaft auf die Thesen von Peter Wohlleben zusammengetragen: „Hanebüchen“, „romantisches Wunschdenken“ würde die kurze Zusammenfassung lauten. Und beim Beispiel des alten Baumstumpfs ginge es weniger um ein soziales Verhalten der Flora, denn um einen Parasiten und einen Schmarotzer. Auch dem Nicht-Wissenschaftler fällt beim Buch wie jetzt beim Film auf, wie Peter Wohlleben menschliche Begriffe, Eigenschaften, Emotionen, ja, menschliches Bewusstsein auf Bäume bzw. den Wald überträgt oder auch: projiziert. Die drei eng zusammenstehenden Eichen an der Landstraße zwischen Wohllebens Heimatort und dem nächsten Dorf. Also drei Bäume mit identischen Umweltbedingungen, die zu unterschiedlichen Zeiten beim anstehenden Winter die Blätter abwerfen.

„Sollen sie die milden Tage noch nutzen, weiter Photosynthese betreiben und schnell noch ein paar Extrakalorien Zucker bunkern? Oder gehen sie lieber auf Nummer sicher und werfen ihr Laub ab, falls doch ein plötzlicher Frosteinbruch kommt und sie zwangsweise in den Winterschlaf schickt? Offenbar entscheidet das jeder der drei Bäume anders. Zwei Eichen sind etwas mutiger, und der dritte Baum ist ein wenig ängstlicher oder – positiv ausgedrückt – vernünftiger.“ (Peter Wohlleben)

„Mutig“, „ängstlich“, „vernünftig“: bitte? Klassischer Anthropomorphismus, den Wohlleben hier betreibt. Und das ist offensichtlich bei der naturliebenden Leserschaft gut angekommen.

Film „Das geheime Leben der Bäume“ von Jörg Adolph

Peter Wohlleben beim Kinostart zum Bestseller "Das Geheime Leben der Bäume" in Babelsberg am 20.1.2020 (Foto: Imago,  imago images/Mauersberger)
2015 veröffentlichte der Förster Peter Wohlleben sein Buch "Das geheime Leben der Bäume" und stürmte damit über Nacht alle Bestsellerlisten. Nun folgt der Film. Imago imago images/Mauersberger Bild in Detailansicht öffnen
Wohlleben erzählt darin auf neue Art und Weise von der Solidarität und dem Zusammenhalt der Bäume. Pressestelle Constantin Filmverleih Bild in Detailansicht öffnen
Bislang brachte Wohlleben seinen Lesern den Wald in Waldführungen und Lesungen näher. Nun wurde sein Bestseller für die Kinoleinwand realisiert. Pressestelle Constantin Filmverleih Bild in Detailansicht öffnen
Die Filmdoku zeigt Wohlleben unter anderem beim Besuch des ältesten Baumes der Erde oder im Hambacher Forst bei der Unterstützung von Demonstranten. Pressestelle Constantin Filmverleih Bild in Detailansicht öffnen
Wohlleben versucht eine Botschaft zu vermitteln: Den Menschen kann es nur dann gut gehen, wenn es auch dem Wald gut geht. Pressestelle Constantin Filmverleih Bild in Detailansicht öffnen
Naturschutz bedeutet für Wohlleben nicht nur den Schutz der Natur, sondern vor allem den Schutz des Menschen. Pressestelle Constantin Filmverleih Bild in Detailansicht öffnen
Für jedes verkaufte Kinoticket von „Das Geheime Leben der Bäume“ pflanzt Ecosia in Zusammenarbeit mit den Kinos einen Baum. Pressestelle Constantin Filmverleih Bild in Detailansicht öffnen

Nebenrolle: die Biologie der Bäume

Und beim Film?  Der beginnt nun nicht mit Bildern des Waldes, sondern mit dem Auftritt des „bekanntesten deutschen Försters“ in einem Rundfunkstudio, in dem er über sein Buch spricht. Zu sehen sein werden dann außerdem sein PR-Auftritt in der NDR-Talkshow oder bei Markus Lanz. Dann sehen wir Peter Wohlleben, wie er für interessierte Laien Waldspaziergänge macht. Dann ist er bei den Protesten am Hambacher Forst, beim ältesten Baum der Welt und in einem Urwald in Polen. Zwischendurch spricht er kleine Lehrinfos in sein Handy. Wir beobachten ihn dabei und die Handy-Aufnahme ist zusätzlich im großen Kinobild zu sehen. Eine echte Einmann-Show. Nur die Bäume, ihre Biologie oder auch – um Wohlleben ein Stück des Waldweges zu folgen – ihre angebliche Soziologie taucht eher nur am Rande auf.

Jan Haft steuert einige Sequenzen zum Film bei

Jan Haft, einer der bekanntesten deutschen Natur-Filmer, hat einige Sequenzen zum Film beigesteuert, in denen wir sehen, wie – à la BBC-Doku „Unsere Erde“ oder „Unser Planet“ – aus einem Samen auf dem Waldboden das erste Blatt hervorbricht. Gefilmt state of the art in Superzeitraffer. Sieht schön aus. Vor allem das. Alles irgendwie da in diesem Film „Das geheime Leben der Bäume“.

Ritt auf dem Wohlleben-Hype statt Plädoyer für nachhaltige Forstwirtschaft

Über Peter Wohllebens verführerische Grundthese, dass Bäume irgendwie wie Menschen kommunizieren, ließe sich ja kräftig streiten – auch wenn man kein Wissenschaftler, sondern nur in an der Natur Interessierter ist. Das scheint aber nach diesem Film eben nicht möglich, weil er weniger von Wald und Bäumen handelt, sondern von einem Bestsellerautor. Peter Wohllebens Plädoyer, eine nachhaltige Forstwirtschaft zu betreiben und eben keine industrielle Ausbeutung des Waldes, wird in diesem Film weder überzeugend vorgetragen noch am Ende verständlich und nachvollziehbar. Weil es eher vor allem um das Reiten des Wohlleben-Hypes geht.

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