Ökologie Bedrohte Orang-Utans – Warum Auswildern so schwierig ist

Wie lassen sich die Orang-Utans vor dem Aussterben retten? In Indonesien wächst zunehmend die Erkenntnis: Es braucht neue Konzepte. Mensch und Affe müssen miteinander leben lernen.

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8:30 Uhr
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SWR2

Auf dem Operationstisch unter einem grünen Tuch liegt die etwa sechs Jahre alte Pertiwi im Tiefschlaf, aber mit offenen Augen. "Pertiwi" bedeutet auf Indonesisch "Mutter Erde". Der Schweizer Arzt Andreas Messikommer rettet in der Orang-Utan-Quarantäne- und Rehabilitations-Station im indonesischen Sibolangit mit seinen Eingriffen regelmäßig Orang-Utans – ehrenamtlich.

Normalerweise operiert Messikommer, Spezialist für orthopädische Chirurgie und Traumatologie, Menschen. Pertiwi wurde schwer verletzt in einer Palmölplantage gefunden, ihr rechter Oberarmknochen ist vollständig durchtrennt. Vermutlich wurde sie geschlagen.

Der Chirurg bringt die beiden Knochenteile wieder zusammen, fixiert sie mit Titanplättchen und verschraubt sie. Zeitweise klingt es wie in einer Schreiner-Werkstatt. Schon kurz nach dem Aufwachen wird Pertiwi wieder klettern können. Mit seiner Arbeit will Andreas Messikommer zur Arterhaltung beitragen.

Palmölplantagen zerstören den Lebensraum der Orang-Utans

Eines Tages soll auch Pertiwi zurück in den Regenwald. Möglich ist das nicht immer. Zwischen 1999 und 2015 sind schätzungsweise bereits mehr als hunderttausend Borneo-Orang-Utans verschwunden. Das ist vermutlich etwa die Hälfte aller Tiere. Hauptursachen sind der Lebensraumverlust, vor allem durch Palmöl-Plantagen, die illegal operieren, und die Abholzung zur Papiergewinnung sowie Jagd und Illegaler Handel.

In Zentralsumatra, am Rande des Bukit Tigapuluh-Nationalparkes, liegt eine der beiden Auswilderungs-Stationen des Orang-Utan Schutzprogramms SOCP. Im Auftrag des Staates werden hier Orang-Utans angesiedelt, die aus zerstörten Biotopen gerettet oder aus dem illegalen Haustier-Dasein befreit worden sind. Finanziert und betrieben wird die Station von der Frankfurter Zoologischen Gesellschaft.

Straße durch eine Palmölplantage Bohorok  Indonesien im März 2019 (Foto: SWR, Peter Jaeggi)
Palmölplantage Bohorok / Indonesien im März 2019 Peter Jaeggi

Auswilderungsprogramme ohne Ziel: Es gibt zu wenig Regenwald

Alles in allem ein langer, teurer Prozess. Vom Moment der Konfiszierung bis zum Tag der Auswilderung müssen rund 16.000 Dollar pro Menschenaffe investiert werden. Nicht mit gerechnet ist die dazu nötige Infrastruktur wie die Klinik.

Das Sumatra-Orang-Utan Schutzprogramm SOCP baut zwei völlig neue, genetisch tragfähige und sich selbst erhaltende Wildpopulationen von Menschenaffen auf. Doch so einfach, wie die Auswilderung dieser Menschenaffen von außen vielleicht aussieht, so schwierig ist sie in Wirklichkeit. Vor allem auf Borneo warten in Reha-Zentren viel zu viele Tiere in Käfigen auf die Freilassung. Für diese gefangenen Menschenaffen Wälder zu finden, ist schwierig, denn solche Orte sind selten geworden.

Und niemand weiß, wie erfolgreich diese Ansiedlungen sind – wie viele der rehabilitierten Menschenaffen langfristig überleben. Denn es gibt bis heute kein technisches Überwachungssystem, das über viele Jahre funktioniert.

Die blinde Orang-Utan-Frau "Hope". Sie lebt in Quarantäne und kann nicht mehr in die Freiheit. Sie verlor ihr Augenlicht, weil in einer Palmölplantage auf sie geschossen wurde. (Foto: SWR, Peter Jaeggi)
Die blinde Orang-Utan-Frau "Hope". Sie lebt in Quarantäne und kann nicht mehr in die Freiheit. Sie verlor ihr Augenlicht, weil in einer Palmölplantage auf sie geschossen wurde. Peter Jaeggi

Ein Behindertenheim für Orang-Utans

Nicht immer gelingt es, schwer verletzte Menschenaffen auszuwildeern. Der Orang-Utan-Mann „Leuser“ und die Orang-Utan-Frau „Hope“ sind blind. Menschen haben auf Plantagen auf sie geschossen. Sie haben keine Chance, in Freiheit zu überleben.

"Tiere, die nicht mehr ausgewildert werden können, haben bisher nur eine einzige Option: jahrzehntelang bis zum Tod in einem Metallkäfig eingesperrt zu sein. Das will ich nicht", sagt der Primatenforscher Ian Singleton, Direktor des Sumatra-Orang-Utan-Schutzprogrammes.

Singleton hat eine bisher einzigartige Einrichtung aufgebaut: Ein Heim für behinderte Orang-Utans. Die Idee hat er vom Zoo auf der britischen Insel Jersey mitgebracht.

"Dort bauten wir für Sumatra-Orang-Utans ein großes Außengehege mit Inseln und Kletterstrukturen. So konnten wir die Lebensqualität der Tiere massiv steigern."

Der "Orang Utan Haven"

Das neue Heim in Nordsumatras Hauptstadt Medan nennt sich „Orang Utan Haven“. Ein Zufluchtsort für behinderte Menschenaffen. Herzstück sind mehrere kleine Inseln, die in einem Fluss angelegt wurden. Jede Insel ist durch eine Bambusbrücke mit einem kleinen Häuschen verbunden, wo sich das Tier zurückziehen und wo es medizinisch versorgt werden kann.

Der Orang-Utan-Haven, der mit Hilfe der Schweizer Umweltstiftung PanEco entsteht, will vor allem auch ein Ort der Aufklärung sein. Mit einem Regenwald-Bildungs- Zentrum für die lokale Bevölkerung. Denn es ist fünf vor zwölf. Wenn es nicht gelingt, die Rest-Regenwälder zu erhalten, werden auch die Orang-Utans von diesem Planeten verschwinden

Peter Jaeggi mit einem Orang Utan (Foto: SWR, privat)
Der Autor Peter Jaeggi Auge in Auge mit einem Orang-Utan privat