STAND
AUTOR/IN

Gläubige Christen haben bis ins Frühmittelalter in der Fastenzeit sehr viele Vaterunser gebetet. Am Ende der Fastenzeit waren es 820 an einem Tag. Das muss Stunden gedauert haben und lenkte ab vom Verzicht.

Dauer
Sendedatum
Sendezeit
16:05 Uhr
Sender
SWR2

820 Vaterunser – an einem Tag! So viele haben gläubige Christen bis ins Frühmittelalter am letzten Tag der Fastenzeit gebetet. Leider ein längst untergegangener Brauch, hält er doch von unerwünschtem Genuss während der Fastenzeit ab.

Fertige Knotenschnur wurde am Totenschädel eines Ahnen befestigt

Sollten Sie die Methode renaissance-würdig finden, hier eine kurze Anleitung: Am ersten Tag der Fastenzeit bete man ein Vaterunser und binde in eine Schnur einen Knoten. Am zweiten Fastentag folgen drei Vaterunser und ein zweiter Knoten. Und so geht es weiter, bis Sie – sollten Sie so lange durchhalten – am 40. Tag der Fastenzeit 820 Vaterunser gebetet haben und Ihre Schnur 40 Knoten aufweist. Früher ging man dann noch damit ins Beinhaus der Kirche und band die Schnur an den Totenschädel eines Ahnen, um diesem die gesammelten Gebete zu opfern. Dieser Aufwand ist aber aus ethischen und bestattungstechnischen Gründen nicht mehr zu empfehlen.

Für 820 Gebete reicht ein normaler Rosenkranz nicht aus (Foto: Imago, imago images / Westend61)
Für 820 Gebete reicht ein normaler Rosenkranz nicht aus Imago imago images / Westend61

820 Vaterunser à 30 Sekunden: mindestens 6 Stunden Beschäftigung am Tag

So. Jetzt überlegen wir uns aber mal, wie der Tag eines Gläubigen bis ins frühe Mittelalter am Ende der Fastenzeit ausgesehen haben könnte: Ein Vaterunser dauert etwa 30 Sekunden. Das habe ich in einem Selbstversuch herausgefunden. Wenn man am 40. Tag der Fastenzeit also 820 Vaterunser beten soll, dann spricht man vermutlich im Laufe des Tages immer schneller. Es ist davon auszugehen, dass der Inhalt des Vaterunsers mit zunehmender Quantität allmählich nebensächlich wird. Man konnte sich sicher dennoch als ziemlich fromm betrachten: Immerhin müssen alle Vaterunser zusammen mindestens sechs Stunden des Tages beansprucht haben. Da bleibt neben Essen machen und Haushalt erledigen nicht viel Zeit für Vergnügen. Aber das war ja auch der Sinn der Sache.

Gebetsschnüre in vielen Religionen üblich

Die Knoten beim Beten sind übrigens bis in die heutige Zeit erhalten geblieben – zum Beispiel in Form von Perlen an Gebetsschnüren. Es gibt sie in verschiedenen Religionen: im Hinduismus, Buddhismus, Islam. Im Christentum sind sie uns als landläufig bezeichnete Paternoster-Schnüre oder Rosenkränze bekannt. Diese Gebetsschnüre dienen dem Zählen von oft wiederholten Kurzgebeten. Die Perlen sollen den Gläubigen dabei helfen, sich nicht zu verzählen. Für unsere heutige Zahl „820 Vaterunser am letzten Tag der Fastenzeit“ reicht ein neumodischer Rosenkranz allerdings nicht aus. Sollten Sie also der erwähnten Anleitung folgen wollen, müssten Sie doch wieder eigenhändig knoten.

Gebetsketten sind auch im Islam üblich (Foto: Imago, imago images / robertharding)
Gebetsketten sind auch im Islam üblich Imago imago images / robertharding

SWR2 Impuls | Reihe Die Welt in Zahlen

Die Welt ist voller überraschender und kurioser Zahlen. SWR2 Impuls beschreibt in dieser Reihe die Welt in und aus Zahlen.  mehr...

SWR2 zu Ostern Ostern feiern in der Corona-Krise

Alle Gottesdienste fallen aus - Ostern wird dieses Jahr anders als sonst. SWR2 begleitet Sie durch die Karwoche und das Osterfest in der Corona-Krise - mit Lesungen, Geistlicher Musik und Sendungen zu Glaubensthemen.  mehr...

STAND
AUTOR/IN