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50 Jahre „Die Grenzen des Wachstums“ – Wie richtig lag der Club of Rome?

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Axel Weiß
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Ulrike Barwanietz / Candy Sauer

Wissenschaftler um Dennis Meadows erstellten erstmals globale Simulationen über das Jahr 2050 hinaus: Bevölkerungsexplosion, Rohstoffmangel, Umweltverschmutzung, Niedergang der Weltwirtschaft – es waren düstere Szenarien, die der Club of Rome am 2. März 1972 veröffentlichte.

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"The Limits To Growth" erscheint 1972

Ende der 1960er-Jahre wird auf den Straßen in Mitteleuropa demonstriert – gegen Nazis und den Vietnamkrieg. Nur langsam richtet sich die Aufmerksamkeit auch auf die Schäden, die das ungehemmte Wirtschaftswachstum der Nachkriegszeit in der Umwelt anrichtet.

Doch unübersehbare Schaumberge auf den Flüssen, zunehmender Fluglärm, wilde Müllkippen und aufkommende Atomkraft werden immer mehr zum Thema.

1968 gründet der italienische Industrielle Aurelio Peccei den Club of Rome, einen weltweiten Verbund von Menschen, die sich um die Zukunft des Planeten sorgen. In den USA gibt der Club 1970 eine Forschungsarbeit in den Auftrag des MIT. Das Ergebnis ist zwei Jahre später ein unscheinbar wirkendes Büchlein. „The Limits To Growth“ hieß es im englischen Original. Auf deutsch erschien es im Juni 1972 als „Die Grenzen des Wachstums“.

Möglich: ökologischen und wirtschaftlichen Gleichgewichtszustand herstellen

Einfache Aufmachung, rund 200 Seiten, wenige Grafiken. Doch der Inhalt hatte es in sich. Die wohl am häufigsten zitierte Aussage:

„Wenn die gegenwärtige Zunahme der Weltbevölkerung, der Industrialisierung, der Umweltverschmutzung, der Nahrungsmittelproduktion und der Ausbeutung von natürlichen Rohstoffen unverändert anhält, werden die absoluten Wachstumsgrenzen auf der Erde im Laufe der nächsten hundert Jahre erreicht. Mit großer Wahrscheinlichkeit führt dies zu einem ziemlich raschen und nicht aufhaltbaren Absinken der Bevölkerungszahl und der industriellen Kapazität.“

Es sei allerdings möglich, die Wachstumstendenzen zu ändern und einen ökologischen und wirtschaftlichen Gleichgewichtszustand herzustellen, heißt es weiter. Und: Je eher die Menschheit damit anfängt, desto besser.

Jahrestagung des Club of Rome 1974 in Berlin (Vorsitzender Dr. Aurelio Peccei ganz rechts): Bis heute wird der Bericht "Grenzen des Wachstums" um neue Daten aktualisiert (Foto: dpa Bildfunk, picture-alliance / dpa | Chris Hoffmann)
Jahrestagung des Club of Rome 1974 in Berlin (Vorsitzender Dr. Aurelio Peccei ganz rechts): Bis heute wird der Bericht "Grenzen des Wachstums" um neue Daten aktualisiert picture-alliance / dpa | Chris Hoffmann

„Grenzen des Wachstums“ enthält zwölf Szenarien

Für ihre Warnungen hatte die Forschergruppe am MIT ihre Computer ausgiebig mit Daten gefüttert. Donella und Dennis Meadows, sie Biophysikerin und Biobäuerin, er Betriebswirt, der norwegische Ökonom Jorgen Randers sowie ein gutes Dutzend zumeist junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus insgesamt sechs Ländern entwickelten zwölf Szenarien, wie es mit der Welt unter bestimmten Voraussetzungen weitergehen könnte.

Geschickt verknüpften die Forschenden des MIT mithilfe ihres Computerprogramms namens World3 die verschiedenen Zahlenwerte. Die Computertechnik war damals noch in den Anfängen, dennoch reichte sie vor 50 Jahren aus, um komplexe Hochrechnungen durchzuführen. Im Lauf der Zeit wurde die Datenbasis für den Bericht immer breiter. So lieferten etwa UNO-Entwicklungs- und Umweltprogramme später einschlägige Zahlenwerte und praktische Beispiele, die in die Rechnungen einbezogen werden konnten.

Weltweite Wachstumskrise könnte schneller kommen als berechnet

In seinen Grundannahmen wurde „Die Grenzen des Wachstums“ im Lauf der Jahre immer wieder wissenschaftlich bestätigt. Auch die jüngste Evaluierung des Club-of-Rome-Berichts macht deutlich: Dessen Szenarien sind noch ernst zu nehmen. Eine weltweite Wachstumskrise könnte sogar schneller kommen als hochgerechnet.

Gaya Herrington, Systemanalystin bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG, untersuchte 2020, ob quantitative Daten die Szenarien des ursprünglichen Berichts von 1972 stützten. Im Journal of Industrial Ecology schreibt sie:

„Die beiden Szenarien, die am ehesten mit den beobachteten Daten übereinstimmen, deuten auf einen Stillstand in der Wohlfahrt, der Ernährung und der Industrieproduktion in den nächsten zehn Jahren hin, was die Eignung eines kontinuierlichen Wirtschaftswachstums als Ziel der Menschheit im 21. Jahrhundert in Frage stellt.“

Klimawandel und Artensterben gehen weiter voran

Alle bisherigen Versuche der letzten 50 Jahre, vom zerstörenden Wachstum wegzukommen, waren nicht erfolgreich genug, um Klimawandel oder Artensterben schnell genug stoppen zu können.

Die allererste Grafik in „Die Grenzen des Wachstums“ zeigt zudem, dass die meisten Menschen auf der Erde weder Zeit noch Muße haben, sich mit globalen Wachstumsgrenzen zu beschäftigen, weil sie mit dem täglichen Kampf ums Überleben für sich und ihre Familien beschäftigt sind und sich nur auf das Jetzt, ihre Arbeit und ihre direkte Umgebung konzentrieren können. Daran hat sich seit 1972 wenig geändert.

Club of Rome FAQ: Warum das Buch "Grenzen des Wachstums" so wichtig ist!

Vor 50 Jahren wurde das Buch „Die Grenzen des Wachstums“ veröffentlicht – beauftragt vom "Club of Rome". Es hat die Welt zwar verändert – dennoch zu keinem Umschwung geführt.

Ökologie Club of Rome - 50 Jahre "Grenzen des Wachstums"

Schon vor 50 Jahren prognostizierte ein Forscher*innen-Team aus Amerika in einem Bericht an den Club of Rome, vor welchen komplexen Problemen die Welt steht oder stehen wird.

Archivradio

8.6.1972 „Grenzen des Wachstums“ des Club of Rome erscheint auf Deutsch – Buchkritik

8.6.1972 | 1968 gründet sich der Club of Rome. Fachleute aus zahlreichen Ländern schließen sich darin zusammen, um sich mit den Zukunftsfragen der Menschheit zu beschäftigen. In der Öffentlichkeit wird der Club of Rome vor allem durch eine Studie bekannt: „Die Grenzen des Wachstums“, erschienen am 2. März 1972. In den Medien findet sie zunächst nur wenig Widerhall – immerhin hier in einer Buchbesprechung des Südwestfunks vom 8. Juni 1972, verfasst von SWF-Redakteur Peter Koerfgen. Sie macht deutlich, wie neu und radikal die Aussagen des Club of Rome für damalige Verhältnisse waren.

14.10.1973 Club of Rome bekommt Friedenspreis des Deutschen Buchhandels

14.10.1973 | Die Studie „Grenzen des Wachstums“, die der Club of Rome 1972 erstellen ließ, geht zurück auf eine Initiative von Eduard Pestel (1914 – 1988). Er gehörte 1968 nicht nur zu den Gründungsmitgliedern des Clubs, sondern saß auch im Kuratorium der Stiftung Volkswagenwerk, die die Studie mit einer Million D-Mark finanzierte. Den Auftrag bekommt der Ökonom Dennis Meadows am MIT in Boston. In dem Bericht „Grenzen des Wachstums“ legt er dar, dass es zu einem weltweiten Kollaps kommen kann, wenn die Weltbevölkerung weiter wächst und die Ressourcenausbeutung fortschreitet. Der Bericht findet weltweit große Beachtung. Der Club of Rome wird am 14.10.1973 dafür mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Bis heute das einzige Mal, dass der Preis an eine Institution vergeben wird, nicht an eine Einzelperson. In seiner Dankesrede im Namen des Club of Rome schildert Eduard Pestel, wie die Studie zustande kam.

1979 Horst Stern: "Rettet den Wald!"

Horst Stern war einer der bekanntesten deutschen Umweltschützer und -Journalisten: Er war Mitbegründer des BUND, entwickelte die Umweltzeitschrift "Natur", und er machte mit seinem Buch „Rettet den Wald“ als einer der ersten auf das so genannte Waldsterben aufmerksam - so wie hier in einem Interview 1979.

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1960 geht in Kahl das erste deutsche Kernkraftwerk in Betrieb. Doch wie sicher ist Atomenergie? Mit dem Widerstand gegen das Kraftwerk Wyhl 1975 wird aus Zweifeln eine große Anti-Atomkraft-Bewegung.

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Im Januar 1980 gründete sich die Partei der Grünen. Hier einige bedeutende Tonaufnahmen aus der Geschichte der Partei.

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