25 Jahre Ötzi Ein Zeitzeuge der Forschung

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Am 19. September 1991 wurde der Ötzi entdeckt. Anfangs ein Rätsel, ist es inzwischen eine der bestuntersuchten Leichen der Welt. Immer neue Methoden wurden am Ötzi erprobt: Aus seinen Genen, seinen Knochen, selbst aus seinem Zahnschmelz können Forscher heute weitreichende Schlüsse über die Besiedlung der Alpen ziehen.

Ötzi ist eines der berühmtesten Mordopfer. Er ist die am besten erhaltene Gletschermumie der Welt, und: der bestuntersuchte Leichnam aller Zeiten. Den Archäologen hat er durch sein plötzliches Ableben – er verblutete auf der Flucht nach einer Schussverletzung – Werkzeuge, Kleidung und Waffen hinterlassen. 

Sein großes Vermächtnis ist aber ein anderes. Die Leiche, vor der sich heute im Südtiroler Archäologiemuseum in Bozen täglich eine Besucherschlange bildet, ist ein Zeitzeuge des wissenschaftlichen Fortschritts. Am Anfang war Ötzi ein großes Rätsel. Die medizinischen und molekularbiologischen Methoden vor 25 Jahren brachten nicht viele Erkenntnisse. Doch seitdem hat vor allem in der Genetik eine Wissensexplosion stattgefunden. Sämtliche Methoden, die sich mit der Untersuchung alter DNA beschäftigen, die nur Experten etwas sagen – angefangen bei PCR über 545, High-Throughput-Screening und Next Generation Sequencing – bei all diesen immer besseren und sensibleren Analyseverfahren stand Ötzi Pate und gab immer mehr Informationen preis. 

Heute ist seine Augenfarbe bekannt, die mütterliche Vorfahrenreihe, genauso wie die väterliche Linie über das Y-Chromosom, seine Darmbakterien sind bis ins Detail untersucht, seine schier endlos wirkende Liste an Gebrechen – er litt unter Borreliose, hatte Flöhe, Würmer, Fußpilz, zudem Bandscheibenverschleiß, Gefäßverkalkungen und Arthritis – wurden genauestens beschrieben, und er wäre heute mit Blutgruppe Null ein gefragter Blutspender. Auch er hat in den vergangenen Jahren sein ganzes Erbgut offenbart. In kaum einer Studie, bei der es um die genetische Vielfalt unserer Vorfahren einschließlich der Neandertaler oder der Besiedlung Europas geht, fehlt der omnipräsente Mann aus dem Eis. 

Gleiches gilt für neuere chemische Methoden. Das die Analyse von Ötzis Zahnschmelz – genauer: den darin enthaltenen Isopen – reichen würde, um festzustellen, dass Ötzi aus einem Tal 60 Kilometer vom Tatort entfernt aufgewachsen ist und wo er die letzten Jahre vor seinem Tod verbracht hat – das hätte vor 25 Jahren noch kaum jemand für möglich gehalten.

 

Ein ganzes Forschungsinstitut wurde für ihn gebaut und nach ihm benannt, er hat seinen ersten Leibarzt sozusagen "überlebt"– ein Pathologe, der sich in den vergangenen Jahren täglich um seinen Erhaltungszustand gekümmert hatte – der Amtswechsel erfolgte vor wenigen Tagen. Ohne Ötzi hätte es Spenderleichen wie Ötzi 2 und Ötzi 3 nie gegeben – Verstorbene, die für neue Erhaltungsmethoden als Gletschermumien präpariert und dabei verschlissen wurden. 

Auch ist er ein Botschafter. Man kann es dem Museum in Bozen hoch anrechnen, dass seine eisige Grabkammer der Öffentlichkeit zugänglich ist und Besucher den alten Jäger durch ein keines Fenster betrachten können. Ötzi wird nicht hinter verschlossenen Türen aufbewahrt. Bei ihm herrscht Transparenz und es ist klar, warum Forschungsgelder fließen und wohin. Denn die Gletschermumie wird noch lange ein Objekt bleiben, an dem immer neue Forschungsmethoden zur Anwendung kommen. 

Ein Zeitzeuge ist Ötzi aber auch für die eher kulturellen Diskussionen, die er angestoßen hat: Debatten um die Darstellung seiner Hinterlassenschaften und die Präsentation seines Körpers. Wo der Mann nach seiner Entdeckung noch grobschlächtig mithilfe von Eispickeln geborgen wurde – dabei kam sein Hüfte zu schaden und sein Arm wurde gebrochen, damit er in einem Sarg transportiert werden konnte – sorgt er mehr und mehr für Sensibilität auf allen Ebenen. Eine Ethik- und Forschungskommission entscheidet, was erforscht werden darf und ob und wann der Leichnam noch einmal aufgetaut wird, was in absehbarer Zeit nicht passieren soll. Auch das ist sein Vermächtnis. Denn er führt allen Beteiligten stets vor Augen, dass hier nicht bloß ein Skelett vorliegt, sondern der Körper eines Menschen, der eines gewaltsamen Todes starb. 

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