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Gábor Paál (Foto: SWR, Gábor Paál)

20 Jahre nach ihrer Gründung herrscht bei der Internet-Enzyklopädie Wikipedia ein Mangel an Autorinnen. Zwar gab es viele Versuche, mehr Frauen zu gewinnen – Erfolg hatten die Bemühungen allerdings kaum. Eine Folge: Im Internet-Lexikon wird nach wie vor nicht gegendert.

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Rund 90 Prozent der Wikipedia-Autor*innen sind Männer

Wikipedia ist zu 90 Prozent das Werk von Männern. Diese Zahl ist allerdings nicht wirklich sicher. Denn viele schreiben in Wikipedia unter Pseudonym – und Benutzernamen wie Ballaballa77 oder zipp verraten nun mal nicht viel über das Geschlecht.

Die Zahl von 90 Prozent beruht vor allem auf Befragungen unter den Autorinnen und Autoren. Und auf Erfahrungen: Wikipedianer treffen sich schließlich auch – wenn nicht gerade Corona ist – im richtigen Leben, es gibt Fachgruppen und Regionalgruppen. Auch dort dominieren die Männer fast immer.

Warum sich Frauen aus der Wikipedia eher fernhalten, darüber lässt sich nur spekulieren: Zieht das Internet-Lexikon einen besonderen Typ Mensch an, der unter Männern eher verbreitet ist als unter Frauen? Einsame Besserwisser? Technikverliebte Nerds? Das wäre ein Klischee, ein falsches dazu, denn die technischen Hürden, um bei Wikipedia mitzumachen, sind nicht allzu groß. Und der Umgangston auf Wikipedia kann zwar sehr direkt sein, aber meist ist er konstruktiv und gelegentlich auch gesellig.

Männer-Biografien dominieren: ein Spiegel der Gesellschaft?

Immer wieder gab es Bemühungen, mehr Frauen für Wikipedia zu gewinnen, doch erfolgreich waren sie kaum. Wirkt sich das auf die Inhalte des Lexikons aus? Immerhin 84 Prozent der Biografien in der deutschen Wikipedia behandeln Männer – von Ramses bis Maradona. Doch liegt das am mangelnden Frauenanteil der Wikipedia-Gemeinde?

Felistoria bezweifelt das. Felistoria ist auch ein Pseudonym. Es gehört einer Hamburger Rentnerin, die sich bei Wikipedia vor allem um historische Themen kümmert. Dass Frauen in den Artikeln unterrepräsentiert sind, meint sie, spiegele ja letztlich die realen gesellschaftlichen Verhältnisse. In der Geschichte zumindest sind sicherlich Männer, die hier die Relevanzkriterien erfüllen, überrepräsentiert, weil Frauen noch im vorigen Jahrhundert noch nicht mal die Alma Mater betreten durften. Da wird es natürlich ein bisschen schwierig, Biografien zu finden oder Frauen ausfindig zu machen mit einer relevanten Biografie.

Regelwerk der Wikipedia sieht Gendern nicht vor

Der Männerüberhang in der Autorenschaft von Wikipedia könnte sich aber an einer anderen Stelle sehr wohl auswirken: Nämlich in der Sprache. In Wikipedia wird nicht gegendert. In den Statuten gibt es Autoren, Administratoren und Schiedsrichter – immer nur in der männlichen Form. Das Gleiche in den Artikeln. Auch „Gendersternchen“ oder ein großgeschriebenes I in der Mitte eines Wortes sind in Wikipedia nur in Ausnahmefällen vorgesehen.

„Die Wikipedia verwendet solche Formen nur in Eigennamen und in wörtlichen Zitaten.“

Wikipedia-Regeln

So steht es in den Regeln der Wikipedia. Und die Regeln entstehen durch Abstimmungen in der – eben: stark männlich dominierten – Autorenschaft. Auch wenn es Autoren wie Michael Beckenkamp gibt. Er ist ebenfalls Rentner und Urgestein der Wikipedia. Er wünscht sich von seinen männlichen Mit-Autoren mehr Flexibilität: „Geschlechtergerechte Sprache ist so ein Reizthema in der Wikipedia. Und da ist die Contra-Fraktion im Moment stärker als die Pro-Fraktion. Und da wünsche ich mir ein bisschen Bewegung. Im Sinne von Wikipedia weiblicher machen, das hat auch mit Attraktivität zu tun und weibliche Autorinnen gewinnen.“

Wikipedia: ihrer Natur nach konservativ

Umgekehrt gibt es Autorinnen, denen das Gendern gar nicht wichtig ist. Geolina ist so eine. Auch sie schreibt unter Pseudonym. Ein Radiointerview kam zwar nicht zustande, aber in einem Hintergrundgespräch hat sie ihre Argumente genannt. Die Wikipedia versteht sich nicht als Triebfeder des gesellschaftlichen Fortschritts, also sie hat nicht den Anspruch, gesellschaftliche Verhältnisse zu verändern, sondern ihr Selbstverständnis ist, das was da ist, abzubilden. Deshalb ist sie ihrer Natur nach konservativ.

Und das zweite Argument: In Wikipedia finden sich viele Zitate und Quellen. Und da das Gendern etwas Neues ist, sind viele Quellen aus der Vergangenheit eben nicht gegendert. Erst wenn sich das mit der Zeit ändert, wenn sozusagen das Wissen der Welt zunehmend gegendert ist, dann werde sich in dem Punkt auch die Wikipedia ändern. Die Diskussion wird also weitergehen bis zur nächsten Abstimmung.

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