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der Tübinger Vertrag

500 Jahre Tübinger Vertrag Dokument der Freiheit - oder der Unterdrückung?

1514 erhob sich in Württemberg das Volk. Es wehrte sich gegen eine Art Mehrwertsteuer, mit der Herzog Ulrich seine Kriege und die aufwendige Hofhaltung finanzieren wollte. Die Proteste organisierte "Der Arme Konrad", Vorläufer einer demokratischen Partei. Der württembergische Aufstand mündete im Tübinger Vertrag, mit dem die brutale Niederschlagung des Aufstandes legitimiert wurde. Aber im Gegenzug musste der Herzog seinen Untertanen erstmals die Freizügigkeit und das Recht auf ein Gerichtsverfahren gewähren.


Wer wissen wöll, wie die Sach stand …
iez in dem Würtenberger Land
Der kauf und les den Spruch zu Hand
Er ist der Arm Conrad genant

 Bäuerliches Reimgedicht mit Titelillustration zum Armen Konrad, 1514 Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Abteilung Historische Drucke

Armer Konrad (Illustration)

Mit diesen vier Zeilen beginnt ein sogenanntes Reimgedicht, das wahrscheinlich in der zweiten Maihälfte des Jahres 1514 geschrieben und auch gleich gedruckt und verbreitet wurde. Von wem, wissen wir nicht, aber auf jeden Fall werden darin die Anliegen des Geheimbundes, der sich "Armer Konrad" nannte, aus dessen Sicht dargestellt.
Württemberg war im Jahr 1514 hoch verschuldet. Das ausschweifende Hofleben von Herzog Ulrich und die von ihm geführten Kriege waren aber nicht die alleinigen Gründe, er hatte auch viele Schulden von seinen Vorgängern geerbt. Auf jeden Fall war Württemberg nicht mehr kreditfähig, sozusagen das Griechenland der frühen Neuzeit.
Was macht ein Staat, der vor der Pleite steht?

Unpopuläre Vermögenssteuer

Ein koloriertes Portrait "Von Gottes gnaden Ulrich Herzog zu Wirtenberg und Deck"

Portrait von Herzog Ulrich

Er versucht, die Lasten auf die Bewohner des Staatsgebiets abzuwälzen. Das tat auch Herzog Ulrich, und zwar wollte er eine Vermögenssteuer einführen. Von ihr betroffen wären vor allem die vermögenden und einflussreichen Bürger gewesen, die sogenannte Ehrbarkeit. Die protestierte, und Ulrich nahm Abstand von dem Plan. Nun geriet die Masse der Bevölkerung ins Visier der Steuerpolitiker, eine Verbrauchssteuer auf Wein und Fleisch sollte eingeführt werden. Diese Maßnahme war auch deshalb besonders unpopulär, weil es zu Beginn des 16.Jahrhunderts eine Reihe von Missernten gegeben hatte.
So als stand die Sach‘. Und wie ging es weiter? Schauen wir in das Reimgedicht:

Als ich verstand und merk die Sach‘
So hat es sich zu Beyttelspach
In dem Ramßtal von erst erhebt (...)
Wo hat ein Man auf diser Erd
Von sölcher Schatzung ie gehört?
Den eigen Wein, den man tut drinken (…)
Und was man mezget in das Haus (…)
Dass man darauf schlägt einen Zoll,
und dise Ding verzinsen sol?

Anfang Mai 1514 besorgte sich ein einfacher Mann namens Gaispeter aus Beutelsbach im Remstal die eben ausgegebenen neuen Gewichte für Fleisch. Sie waren verringert worden, aber die Preise sollten gleich bleiben und die Differenz musste als Steuer abgeführt werden. Gaispeter warf die Gewichte ins Wasser des Dorfbaches. Diese Demonstration erregte großes Aufsehen und war der Beginn des Aufstands des Armen Konrad, der bald ganz Württemberg ergriff. Zunächst wich der Herzog zurück, hob die Steuer auf, versprach sogar die Beschwerden der Bauern und einfachen Stadtbürger auf einem Landtag in Stuttgart entgegenzunehmen.

Geheimbund gegen den Herzog

Inzwischen organisierte sich der Arme Konrad als Geheimbund, der aber auch öffentlich wirkte. Im Geheimen arbeitete er an der Aufhebung der feudalen Ordnung und an einer Herrschaft des "gemeinen", also des einfachen Mannes. Öffentlich erreichte der Arme Konrad zunächst, dass in vielen Gemeinden Vertreter des gemeinen Mannes in den Gemeinderäten zugelassen wurden. Dann sammelte er die Beschwerden der Bauern und einfachen Stadtbürger, um sie dem Herzog vorzutragen: darin ging es vor allem um Verbesserungen bei der Waldnutzung, um Abwehr der Schäden durch das Wild auf den Feldern und Weinbergen und nicht zuletzt um die Einrichtung einer ständigen politischen Vertretung.

Vertrag gegen das Volk

Tübinger Vertrag von 1514

Tübinger Vertrag von 1514

Was so hoffnungsvoll begann, endete traurig wie so viele demokratische Bewegungen. Die reichen und einflussreichen Bürger der großen Städte versuchten mit aller Kraft zu verhindern, dass der gemeine Mann etwas zu sagen hatte. Sie verbündeten sich mit dem Herzog und schlossen mit ihm am 8. Juli 1514 den "Vertrag zu Tübingen", während die Vertreter des gemeinen Mannes in Stuttgart vergebens auf den Herzog warteten.

Mit dem Tübinger Vertrag wurden die Schulden des Herzogs auf die Bevölkerung des Landes abgewälzt, zahlen musste vor allem der gemeine Mann. Der Vertrag beinhaltete eine sogenannte Empörerordnung, mit der der Aufstand des Armen Konrad dann brutal niedergeschlagen wurde. Aber auch der Herzog ließ Federn, so konnte er nicht mehr selbständig Steuern erheben, sondern musste dazu einen Landtag einberufen. Den Untertanen wurde die Freizügigkeit versprochen und dass niemand ohne Strafverfahren verurteilt werden darf.

Das Volk wehrt sich

Während in Tübingen noch verhandelt wurde, versammelten sich wie abgemacht die Abgeordneten des gemeinen Mannes in Stuttgart. Doch der Herzog erschien nicht selbst, sondern schickte Gesandte, die ihn vertreten sollten. Das freilich ließen sich die Abgeordneten nicht bieten. Sie pochten darauf, dass Herzog Ulrich selbst in Stuttgart erscheinen sollte.
Als dieser schließlich am 13.Juli nach Stuttgart kam, gab er einen Erlass heraus: über die Beschwerden des gemeinen Mannes solle in den Ämtern mit Vertretern der Ehrbarkeit verhandelt werden. Der Landtag in Stuttgart war damit zu Ende, bevor er angefangen hatte, die Abgeordneten gingen nachhause.

Daraufhin machte sich der Herzog daran, den Tübinger Vertrag im ganzen Land durchzusetzen. Mittel dazu war die Huldigung. Dazu mussten sich die Untertanen eines Amtes auf freiem Feld versammeln und auf den Tübinger Vertrag schwören.
In den Ämtern Urach, Leonberg, Weinsberg, Winnenden, Backnang und Schorndorf verweigerte die Bevölkerung die Huldigung. Nach Schorndorf kam der Herzog persönlich. Die Menschen aus der Stadt und den umliegenden Dörfern hatten sich wohl schon auf dem Schorndorfwasen vor den Stadttoren versammelt. Aber sie weigerten sich zu huldigen. Ja, einige bedrohten den Herzog sogar. Er sei seines Lebens nicht mehr sicher gewesen, steht in den Akten. Ulrich musste unverrichteter Dinge nach Stuttgart zurückreiten.

Aufruf zum bewaffneten Kampf

Jetzt änderte der Aufstand seinen Charakter. Die Mitglieder des Armen Konrad bereiteten den bewaffneten Kampf vor. Ihr Ziel war es, den Tübinger Vertrag neu zu verhandeln. An drei Orten entstanden Feldlager. Das bedeutendste war auf dem Kappelberg oberhalb von Beutelsbach im Amt Schorndorf.

Hier versammelten sich an die Tausend Aufständische, während der Herzog in Waiblingen seine Truppen zusammenzog. Letzten Endes wagten es die Aufständischen dann doch nicht, militärisch gegen den Herzog vorzugehen und gaben Ende Juli 1514 schließlich auf.

Viele führende Mitglieder des Armen Konrad flohen, vor allem in die Schweiz. An Führungspersönlichkeiten, derer man habhaft werden konnte, wurden Strafgerichte vollzogen. Gestützt auf den Empörer-Artikel des Tübinger Vertrags ließ Herzog Ulrich in Tübingen, Stuttgart und Schorndorf öffentliche Auspeitschungen, Brandmarkungen und Hinrichtungen veranstalten.

Was also war der Tübinger Vertrag? Magna Charta oder vor allem ein Mittel, den gemeinen Mann zu unterdrücken?
Der Vergleich mit der Magna Charta ist vielleicht nicht ganz falsch. Denn mit ihr wurden im Jahr 1215 die Beziehungen zwischen König John auf der einen Seite und dem englischen Adel und der Geistlichkeit auf der anderen Seite geregelt, also das Verhältnis zwischen dem König und den privilegierten Klassen.

Kämpfer für mehr Freiheit

Obwohl der Arme Konrad letztlich scheiterte, war er doch eine bemerkenswerte Organisation, die damals fast schon wie eine demokratische politische Partei agierte. Andreas Schmauder, Autor des Buches "Württemberg im Aufstand", zieht ein positives Fazit. Die Führungs- und Trägerschichten des Armen Konrad waren keine Stimmungsmacher, sondern verantwortungsvolle Personen, die in einer sich veränderten Gesellschaft nach politischer Mitbestimmung riefen; wie es später andere im Bauernkrieg, in der Reformation auch tun: ein legitimes Anliegen, um gegenüber einem Fürsten, dem Adel und einem Bürgertum auch Einfluss zu nehmen auf das Land, in dem sie leben. Sie waren bereit am Anfang im Dialog zu klären, waren aber auch schließlich bereit, wie es in der damaligen Zeit üblich war, zu den Waffen zu greifen, um Konflikte zu lösen. Um für sich und die Untertanen Verbesserungen zu erreichen und langfristig poltische Mitbestimmung. Deshalb beurteile ich den Aufstand des Armen Konrad als sehr positiv, denn nur durch ihn kam es zu einem Vertrag zu Tübingen und zu vielen Freiheitsbriefen für die Untertanen.

Veranstaltung:
SWR2 Kulturservice-Extra | Sa, 12. Juli, Tübingen Kuratorenführung in der Kunsthalle Tübingen

Ausstellungen zur Sendung:
1514 - Macht, Gewalt, Freiheit. Der Vertrag zu Tübingen in Zeiten des Umbruchs. Kunsthalle Tübingen, bis 31.8. 2014
500 Jahre Armer Konrad -Die Ausstellung zum Aufstand. In den Museen von Fellbach, Schorndorf, Waiblingen und Weinstadt, bis 28.9.2014