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Frauen an die Urne! – 100 Jahre Frauenwahlrecht

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Katharina Borchardt
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Candy Sauer

Am 19. Januar 1919 war es endlich so weit: Frauen durften wählen. Bei der Wahl zur Deutschen Nationalversammlung, die 1919 in Weimar tagte, gingen sie erstmals an die Urne.

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Lange hatten die Frauen für ihr Wahlrecht gekämpft. Denn die Vorbehalte gegen das Frauenwahlrecht waren groß. Für viele Männer gehörten Frauen nicht in den öffentlichen Bereich der Politik. Außerdem fürchteten manche Parteien, in der Gunst der Frauen nicht allzu hoch zu stehen. Und tatsächlich: Frauen wählen anders als Männer. Bis heute. Sie wählen sozialer, ökologischer und weniger extrem als Männer. Wahlforscher nennen dies den "Gender Gap".

Frauen dürfen in Deutschland am 19. Januar 1919 erstmals wählen

Lange hatten die Frauen für ihre Rechte gekämpft; nach dem Ersten Weltkrieg ging es dann sehr schnell voran: Am 11. November 1918 endete der Krieg mit dem Waffenstillstand von Compiègne, nur drei Wochen später war das Wahlrecht für die Männer reformiert – und für die Frauen eingeführt: Am 30. November 1918 trat das Reichswahlgesetz mit dem allgemeinen aktiven und passiven Wahlrecht für Frauen in Kraft. Ab sofort durften sowohl Männer als auch Frauen wählen gehen und jeder deutsche Erwachsene durfte sich zur Wahl aufstellen lassen. Jede Stimme war gleich viel wert.

Die erste Gelegenheit, vom aktiven und passiven Wahlrecht Gebrauch zu machen, gab es bei den reichsweiten Wahlen zur Deutschen Nationalversammlung am 19. Januar 1919.

Wahlen zur verfassunggebenden Deutschen Nationalversammlung am 19.1.1919. Vor den Wahllokalen bildeten sich lange Schlangen. 82 Prozent der wahlberechtigten Frauen nahmen teil. (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture-alliance / Reportdienste - akg-images)
Am 19. Januar 1919 fanden die Wahlen zur verfassunggebenden Deutschen Nationalversammlung statt. Vor den Wahllokalen bildeten sich lange Schlangen, wie hier in Berlin. 82 Prozent der erstmals wahlberechtigten Frauen gingen an die Urnen. picture-alliance / Reportdienste - akg-images

Frauen – "zu emotional für die Politik"?

Bis es so weit war, mussten die Frauen in Deutschland viele Widerstände brechen. Die Gegner des Frauenwahlrechts brachten erstaunliche Argumente vor:

  1. Die Frau ist emotionaler als der Mann. Weil Politik nicht emotional ist, ist die Frau dort völlig fehl am Platz.
  2. Frauen wollen das Wahlrecht gar nicht haben.
  3. Wahlrecht soll nur haben, wer Wehrdienst leistet: Nur wer sein Leben dem Vaterland auf dem Schlachtfeld zu opfern bereit ist, soll wählen dürfen.
  4. Deutsche Frauen wollen eigentlich nicht wählen; die Idee wurde aus dem Ausland "eingeschleppt".

Frauenwahlrecht: 17 Millionen Wählerinnen geben erstmals ihre Stimme ab

Um die zusätzlichen Stimmen bemühten sich nun alle Parteien und umwarben die Frauen entsprechend. Die linksgerichtete SPD hatte sich bis dahin bereits am stärksten für das Frauenwahlrecht eingesetzt: Sie war im 19. Jahrhundert die einzige Partei, die das Frauenwahlrecht in ihr Programm aufgenommen hatte. Schon 1891 stand ein entsprechender Passus im Erfurter Parteiprogramm. Und es hatte immer wieder Versuche gegeben, durch von der SPD eingebrachte Anträge das Frauenwahlrecht im Reichstag durchzubekommen. Alle wurden abgeschmettert – meist unter dem Gelächter der Männer, die bürgerliche Parteien vertraten.

Eine wichtige Persönlichkeit, die die Sache der Frauen besonders vorantrieb, war Clara Zetkin. Die Politikerin, Friedensaktivistin und Frauenrechtlerin hatte auf der "Zweiten Internationalen Sozialistischen Frauenkonferenz" 1910 in Kopenhagen den Beschluss durchgesetzt, dass es jährlich einen Aktionstag zur Erkämpfung des Frauenwahlrechts geben sollte. Diesen Aktionstag kennen wir heute noch als den Internationalen Frauentag, der am 8. März gefeiert wird.

Clara Zetkin war zunächst in der SPD engagiert, trat aber schließlich – über die USPD und den Spartakusbund – der Kommunistischen Partei Deutschlands bei. Clara Zetkin war von 1920 bis 1933 Reichstagsabgeordnete und 1932 Alterspräsidentin des Parlaments.

Frauen wählen konservativ und 37 schaffen es 1919 ins Parlament

Über das genaue Wahlverhalten ist nur wenig bekannt, denn es gibt kaum Statistiken aus dieser Zeit. Tendenziell wählten die Frauen konservativer als die Männer. Viele Frauen entschieden sich damals aufgrund ihrer Kirchenbindung für eine konfessionelle Partei, etwa die katholische Zentrumspartei. Für die SPD stimmten sie seltener, obwohl gerade sie besonders fortschrittlich war und die Präsenz der Frauen förderte.

Die 37 Frauen, die es schließlich ins Parlament schafften, gehörten mehrheitlich der SPD an sowie ihrer Schwesterpartei, der USPD. Damit lag der Frauenanteil im Parlament bei 8,7 Prozent. Das ist wenig, brach unter den Nationalsozialisten ein und wurde in der BRD bis in die 80er Jahre nicht mehr getoppt.

Die Nationalsozialisten wandten übrigens einen perfiden Trick an, um die Frauen auszuhebeln: Die NSDAP stellte keine Frauen zur Wahl auf. Und als nur noch die NSDAP zur Wahl stand, gab es im Reichstag auch keine Frauen mehr.

Frauen im Bundestag: keine Ministerin bis 1961

Im ersten Deutschen Bundestag 1949 waren Frauen selbstverständlich wieder zugelassen. Sie erreichten aber nur einen Anteil von 6,8 Prozent – weniger als 1919. Die Union wurde stärkste Kraft im Deutschen Bundestag und zwanzig Jahre lang stellte die CDU den Bundeskanzler: zuerst Konrad Adenauer, dann Ludwig Erhard und schließlich Kurt Georg Kiesinger.

In seinen ersten zwölf Amtsjahren berief Adenauer keine einzige Ministerin in sein Kabinett. Erst 1961 durfte auch mal eine Frau mitmachen: Die Juristin Elisabeth Schwarzhaupt wurde Gesundheitsministerin. Es musste allerdings ein bisschen nachgeholfen werden: Die Frauen-Union machte einen Sitzstreik im Kanzleramt, um endlich eine Ministerin durchzusetzen.

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In den 60er Jahren begann sich das politische Bewusstsein der Frauen langsam zu wandeln. Die Zweite Frauenbewegung formierte sich. Frauen wählten nicht mehr konservativer als Männer. Im Gegenteil: Sie wählten tendenziell mehr SPD und später auch die Grünen.

Mit dem Einzug der Grünen hat sich der Frauenanteil im Deutschen Bundestag stark verändert. Dümpelte er bis 1987 bei unter 10 Prozent, stieg er dann innerhalb weniger Jahre auf knapp 37 Prozent an. Aktuell ist er mit 30,7 Prozent wieder rückläufig. Das liegt daran, dass der Frauenanteil bei CDU/CSU und FDP nur bei jeweils rund 20 Prozent liegt. Das Schlusslicht im Bundestag bildet die AfD mit einem Frauenanteil von lediglich 10,8 Prozent.

Nach wie vor wählen Frauen radikale Parteien seltener– ansonsten aber machen sie ihre Kreuze in etwa an derselben Stelle wie die Männer. Auch die Wahlbeteiligung von Frauen und Männern ist annähernd gleich. Zur Wahl aufgestellt aber werden Frauen im Durchschnitt seltener.

Dass seit 1958 im Grundgesetz steht, dass Männer und Frauen gleichberechtigt sind, geht auf die Juristin Elisabeth Selbert zurück. Bis dahin konnte ein Mann seiner Frau ungefragt den Job kündigen und durfte über ihr Einkommen verfügen. Auch die Reform des Ehe- und Familienrechts 1977 wäre ohne das Engagement der Frauen vermutlich nie durchs Parlament gekommen.

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