Bitte warten...
Hurrikan Katrina schlägt Schneise der Verwüstung

Zehn Jahre nach Sturm "Katrina" Das Öl und der Hurrikan

Es war eine der verheerendsten Naturkatastrophen Amerikas – vor 10 Jahren, am 29. August 2005 verwüstete Hurrikan Katrina die Stadt New Orleans. Doch Katrina war mehr als eine Naturgewalt. Die katastrophalen Folgen des Hurrikans wurden auch durch den lange Zeit vernachlässigten Küstenschutz verursacht. Seit Jahrzehnten verliert der Bundesstaat Louisiana wertvolle Küstenfläche, 65 Quadratkilometer versinken jedes Jahr im Golf von Mexiko. Die Gründe dafür sind, wie so oft, menschengemacht. Der Ölreichtum der Region wird der Natur zum Verhängnis. Nun werden zunehmend Stimmen laut, die fordern, dass die Ölindustrie sich an den Kosten des Küstenschutzes beteiligt, um den Süden Louisianas vor zukünftigen Hurrikans und Stürmen zu schützen.

Ankunft am Port Fouchon, dem südlichsten Hafen von Louisiana am Golf von Mexiko. Knapp 30 Männer und Frauen sitzen an Deck des Motorbootes. Ihre Gesichter sind von der Sonne gerötet. Die Schwimmwesten leuchten im gleißenden Licht des Nachmittags.

Nach und nach reichen die Helfer Schaufeln an Land. Seit dem frühen Morgen haben sie draußen in den küstennahen Sümpfen Bäume gepflanzt. Genauer gesagt Mangroven, die sich an die Lebensbedingungen zwischen salzigem Meerwasser und dem Süßwasser des Inlandes angepasst haben.

Neu gepflanzte Mangroven

Neu gepflanzte Mangroven

Ich arbeite als Klimatologin und ich bin hier nach Louisiana gekommen, um beim Wiederaufbau der Küste zu helfen. Das macht Spaß und für die Natur ist es großartig.

Inseln versinken im Wasser

Am Bootssteg steht Hilary Collis, die Organisatorin der Pflanzaktion, und nimmt den Helfern die Schwimmwesten ab. Sie arbeitet für die Coalition to Restore the Coastal Louisiana, eine NGO, die sich für den Küstenschutz Louisianas einsetzt: Die Pflanzen funktionieren wie ein Anker. Sie festigen den Boden und schützen ihn vor Erosion und damit auch vor Stürmen.

Die Küstenerosion ist Louisianas großes Problem. In den letzten Jahrzehnten hat der Bundesstaat am Golf von Mexiko etwa 5000 Quadratkilometer Land verloren. Das entspricht einer Fläche, doppelt so groß wie das Saarland. Landloss sagen die Einheimischen dazu. Vor allem die Fischer, die hier regelmäßig zum Angeln rausfahren, beobachten diesen landloss seit Jahren: Manchmal fangen wir Fisch nahe einer Insel und Monate später ist die Insel untergegangen. Wir merken uns den Ort, der Fisch bleibt ja da – aber die Insel ist einfach weg.

Fast verschwundene Insel

Durch die Ölkatastrophe fast verschwundene Insel Cat Island am Golf von Mexiko

100 Kilometer weiter nördlich – in Louisianas Haupstadt Baton Rouge erforscht Denise Reed am Water Institute of the Gulf die Ursachen für den massiven Landverlust:Die Sache ist die, dass wir sehr tiefe Kanäle entlang der Küste gegraben haben, um eine Infrastruktur für die Offshore Öl- und Gasindustrie sicher zu stellen, die ja ökonomisch sehr wichtig für Louisiana ist. Doch das hat das natürliche Gleichgewicht aus Salz- und Süßwasser gestört. Das Salzwasser kommt immer weiter in das Landesinnere. Und viele der Pflanzen, die an Süßwasser angepasst sind, können so nicht überleben. Heute sehen wir überall die abgestorbenen Geisterwälder. Die Stämme sind noch da, aber keine Blätter, die Bäume sind alle tot.

Kanäle der Zerstörung

Die Ölindustrie hat die küstennahen Sümpfe über Jahre mit einem riesigen Netz aus Kanälen durchzogen. Das darüber eintretende Salzwasser hat die natürliche Vegetation zum Absterben gebracht. Ohne Wälder ist das Land ungeschützt vor Erosion und damit auch vor den immer wieder auftretenden Stürmen und Hurrikans. So wie Katrina, der vor genau 10 Jahren die Stadt New Orleans fast vollständig zerstörte.

Die Luftaufnahme vom 30.08.2005 zeigt überflutete Straßen im Gebiet um New Orleans

Die Luftaufnahme vom 30.08.2005 zeigt überflutete Straßen im Gebiet um New Orleans

In Port Fourchon sitzt etwas abseits des Bootsanlegers die Busfahrerin der freiwilligen Helfer und wartet darauf, die Gruppe zurück nach New Orleans zu bringen. Sie kann sich noch sehr genau an jenen Tag im August 2005 erinnern, als ihr Haus plötzlich unter Wasser stand: Das Wasser stand uns bis zur Brust. Wir waren nur zwei Meilen vom Superdome entfernt, wo wir Wasser und Essen bekommen hätten, doch man sagte uns, der Weg dorthin sei zu gefährlich. Also haben wir zwei Tage lang auf einer Brücke geschlafen. Das ist eine Erinnerung, die nie mehr weg geht. Die Stadt ist heute nicht mehr dieselbe.

Die Ölindustrie und der vernachlässigte Küstenschutz

Katrina war ein Albtraum für New Orleans und seine Bewohner. 80 Prozent der Stadt wurden überflutet und fast vollständig zerstört. John Barry, ehemaliger Vizepräsident der South East Louisiana Flood Protection Authority, einer nach Katrina gegründeten Kommission für den Aufbau eines besseren Küstenschutzes, ist überzeugt: Dass Katrina die Stadt derart verwüsten konnte, liegt vor allem auch an dem über Jahre vernachlässigtem Küstenschutz – und an den Eingriffen der Ölindustrie in das Ökologische System der Küstenregion: Der Landverlust führt zu einem erhöhten Druck der Sturmfluten gegen die Deiche. Das ist eine grundsätzlich akzeptierte Wahrheit. Daraus folgt, dass die Ölindustrie die Schäden der Sturmfluten mitverursacht. Wir erwarten also, dass die Industrie sich an der Wiederherstellung des Landes, das sie zerstört hat, beteiligt, wozu sie der Gesetzgeber übrigens verpflichtet, oder dass sie den Hochwasserschutz und die Sicherung der Deiche finanziert.

Boote liegen auf einem Parkplatz

Vom Hurrikan Katrina weggeschwemmte Boote liegen auf einem Parkplatz (Archivfoto vom 17.09.2005)

Die Ölindustrie muss zur Verantwortung gezogen werden, sagt Barry, und den Küsten- und Hochwasserschutz mitfinanzieren. Eine Forderung, die er nun vor Gericht durchsetzen will. Barry hat geklagt - gegen 88 ÖL-und Gasfirmen: Die Realität sieht doch so aus: Wenn die Industrie nicht einen wichtigen Beitrag leistet, und damit rede ich von einigen Milliarden Dollar, um die Küste zu wiederherzustellen, dann wird es niemand sonst tun. Weder die Steuerzahler der Vereinigten Staaten, noch die Steuerzahler Louisianas.

Im Meer versunken

Doch wer gegen die Ölindustrie klagt, hat es in Louisiana ziemlich schwer. Sie ist die führende Wirtschaftskraft und Steuern-Quelle des Bundesstaates. Kein Wunder, dass die Klage abgeschmettert wurde. John Barry legte Berufung ein, der 67jährige gibt sich gern angriffslustig. Er weiß, Louisiana muss handeln. Forscher gehen davon aus, dass in den nächsten 15 Jahren weitere 1000 Quadratkilometer Land im Meer verschwinden werden. Und es ist nur eine Frage der Zeit, wann der nächste Hurrikan das Land verwüsten wird: Die Gefahr ist ernst und sie nimmt zu – aber sie ist nicht vorhersehbar. Vielleicht haben wir drei verheerende Stürme in einem Jahr oder aber keinen einzigen in 50 oder 100 Jahren. Aber eines Tages wird es passieren.

Brennende Ölplattform

brennende Ölplattform "Deepwater Horizon" im Golf von Mexiko

Weitere Themen in SWR2