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Eine lautlose Welt 10 Jahre anerkannte Gebärdensprache

Stellen Sie sich vor, Sie könnten nichts hören. Und dann versuchen Sie mal in einem Land, in dem man ihre Sprache nicht spricht, allein durch Lippenlesen zu kommunizieren. Glauben Sie, dass das funktioniert? Genau das erwarten wir nämlich von Menschen, die gehörlos zur Welt gekommen sind. Auch sie haben nie unsere Sprache gehört und haben deshalb ihre ganz eigene Art sich zu unterhalten – nämlich mit Gebärden.

 Vier Gehörlose "unterhalten" sich  in der Gebärdensprache

Vier Gehörlose "unterhalten" sich in der Gebärdensprache

Gebärdensprache gibt es schon sehr lange, doch erst vor 10 Jahren wurde sie in Deutschland offiziell anerkannt. Davor war sie an Schulen oder anderen Bildungseinrichtungen verboten, im 19. Jahrhundert sogar als "Affensprache" hingestellt. Trotz der Anerkennung wird auch heutzutage nur ein kleiner Teil gehörloser Kinder in Gebärdensprache unterrichtet. Mit Hilfe von Implantaten versucht man das Problem zu lösen. All das ist diskriminierend, sagen Betroffene. Gehörlose haben ihre eigene Sprache. Nur mit der Gebärdensprache können sich diese Menschen ausreichend ausdrücken – alles andere wäre nur ein schlechter Ersatz. Ist das tatsächlich so? Und inwieweit wird die Gebärdensprache heute in Schulen und anderen Bildungseinrichtungen angewendet? Um auf diese Fragen Antworten zu bekommen, hat Annegret Faber eine Berufsschule mit dem Schwerpunkt Hören und Sprechen besucht.


Der Berufsbildungsweg für Gehörlose hat sich deutlich verbessert


Zahnarzt

In dieser Zahnarztpraxis können zwei Mitarbeiterinnen die Gebärdensprache

Die Vermittlungschancen für die Absolventen stehen gut, sagt Ausbilderin Katrin Herrklotz. 70 Prozent der Schüler vom Berufsbildungswerk Leipzig bekämen einen Job. Dafür sei es aber auch sehr wichtig sprechen zu können. Denn am Ende müssen sie sich ihren Weg in einer ganz normalen, hörenden Welt bahnen. Die Berufszweige sind die einer gängigen Berufsschule, solche wie Koch/Köchin, Bürokaufmann/frau und Zahnarzttechniker/in.   


Implantate sind nur bedingt nützlich


Cochlea-Implantat

Cochlea-Implantat

Viele der Schüler haben nicht taube Eltern und möchten sprechen und hören wie sie. Sehr oft bekommen gehörlose Kinder deshalb schon im jungen Alter ein Cochleaimplantat, eine Hörprothese für Gehörlose. Doch das Verstehen und Sprechen bleibt damit meist auch weiterhin mühsam. Sollten die Betroffenen also lieber Gebärden lernen? Andreas Costrau sagt ja. Er kritisiert diese Art, Gehörlose zu therapieren. Seiner Meinung nach müssen taube Menschen vor allem Gebärden lernen. Er selbst ist erst in späteren Jahren ertaubt und kann dadurch relativ gut sprechen. Mit dieser Fähigkeit ist er ein wichtiges Bindeglied zwischen Gehörlosen und Hörenden.


Kleinkind mit Cochlear-Implant

Ein Implantat kann die Erlernung der Gebärdensprache nicht ersetzen

Costrau betont den medizinischen Aspekt. Eltern, die gehörlose Kinder zur Welt bringen, bekommen von Ärzten oft zu hören, dass das Kind behindert sei, da das Ohr beschädigt ist, bzw. nicht richtig funktioniert. Aus medizinischer Sicht ist es natürlich richtig, aber in soziologischer Hinsicht, also aus der Sicht der Gehörlosen, ist das Ohr zwar kaputt, aber die Kommunikation ist nicht nur möglich, sondern besitzt auch eine eigene Sprachkultur. Während hörende Menschen eine akustische Sprache brauchen, benötigen visuelle Menschen eben eine visuelle Sprache. 


Mehr Chancen für Gehörlose Kinder durch Unterricht in Gebärdensprache


Gebärdensprach-Unterricht

Gebärdensprach-Unterricht

Durch Lippenlesen kann ein Gehörloser maximal 30 Prozent verstehen, wenn er gut ist, sagt Andreas Costrau. Zwar ist die Gebärdensprache seit 10 Jahren offiziell als Minderheitensprache akzeptiert, doch nur 10 Prozent der gehörlosen Schüler werden von Gebärdensprachlern unterrichtet, so der deutsche Gehörlosen-Bund e.V. Hinzu kommt, dass Gehörlose meist mit Lernbehinderten Kindern in einer Klasse sitzen. Zum Teil würden sie die 10. Klasse verlassen und seien dann auf dem Stand eines Viertklässlers. Für viele Eltern eine schlimme Erfahrung. Bis in die 1990er Jahre war Gebärdensprache an Schulen verboten.


Zeichen für die Gebärdensprache

Spezielle Einrichtungen für Gehörlose - früher undenkbar

Die Eltern gehörloser Kinder hatten keine Möglichkeit Gebärdensprache zu lernen. Es gab weder Volkshochschulen, noch andere Angebote in diese Richtung. Zu Hause bediente man sich eines Fingeralphabets in dem jeder Buchstabe ein Zeichen war, a, b, c, d, e, f, g und jedes Wort zusammengesetzt werden musste. Und in der Schule wurden die Kinder nur oral unterrichtet. Damals wollte man die Kinder soweit therapieren, dass sie alles verstehen können und auch sprechen lernen. Heute weiß man, dass das nicht möglich ist.


Mit Händen sprechen, ist für Gehörlose einfacher und natürlicher als mit Lauten


Gebärdensprache

Handzeichen, Mimik, Körperhaltung und tonlos gesprochene Wörter sind die Grundpfeiler der Gebärdensprache

Man muss sich vorstellen wie es ist eine Sprache, die man nie gehört hat, allein von den Lippen abzulesen. Zum Beispiel die Worte „Butter“ und „Mutter“. Ohne die Laute sehen beide Worte in der Ausführung gleich aus und es gibt sehr viele Worte, die sich auf diese Weise ähneln. Ganz zu schweigen von der Unmöglichkeit die Intonation des Gesprochenen einzufangen.


Im Leipziger Berufsbildungswerk werden die Gehörlosen von einem Logopäden beim sprechen unterstützt.

Neben Gebärdensprachunterricht gibt es hier auch einen Logopäden.

Heute werden Gehörlose mit Implantaten etwas hörend gemacht.  Doch auch mit Implantat bliebe die Sprache ein großes Rätsel, sagt Gebärdensprachlehrer Andreas Costrau. Die Worte würden fremd, verzerrt und hohl klingen. Er selbst lehnt eine Hörprothese ab. Im Leipziger Berufsbildungswerk werden die Gehörlosen von einem Logopäden beim Sprechen unterstützt.


Gebärdensprache muss als Muttersprache der Gehörlosen gelten


Gebärdensprach-Dolmetscher

Gebärdensprach-Dolmetscher

Der deutsche Gehörlosebund kritisiert die Situation stark und fordert mehr Gebärdensprachlehrer. Dies sei die Muttersprache aller nicht hörenden Menschen. Alles andere, ein schlechter Ersatz. Trotzdem hat sich in den letzten 10 Jahren einiges gebessert. Gehörlose haben z.B. im öffentlichen Raum ein Recht auf einen Dolmetscher. Zum Beispiel bei Bewerbungsgesprächen oder auf Ämtern. Eine vollständige Dolmetscherbegleitung an Schulen ist aber noch die Ausnahme. Oft kommt es zu Gerichtsprozessen, so der Deutsche Gehörlosen Bund. Im Fall zweier Mädchen im Großraum Augsburg zum Beispiel streitet sich das Kultusministerium mit anderen Kostenträgern. Niemand will für die Dolmetscherkosten der gehörlosen Kinder aufkommen.

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