Blind auf Reisen Das Verschwinden der Landschaft

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Reisen – ohne Bild von der Umgebung. Reisen – ohne sich selbst noch orientieren zu müssen. Der Reisende der Zukunft könnte vor allem eines sein: nämlich ahnungslos. Für Orientierung sorgt jederzeit der Computer. Das Smartphone. Das immer weiß, wo sein Besitzer sich befindet. Er selbst braucht es nicht mehr zu wissen. Das wirft Fragen auf.

Sonnenaufgang im Morgendunst auf einer Straße unterwegs zur schwäbischen Alb (Foto: (privat) -)
"Es ist immer lohnend, etwas früher unterwegs zu sein", sagt Hartmut Früh aus St. Johann und hat uns den herbstlichen Fotobeweis von seinem Ausflug auf die schöne schwäbische Alb geschickt. Für diesen wunderbaren Sonnenaufgang steht man gerne früher auf! (privat) -

Was wird aus dem Reisenden, der kaum noch weiß, wo er eigentlich ist? Der sich vielleicht sogar so sehr an die satellitengestützte Navigation gewöhnt, dass er sich ohne solche Unterstützung nicht einmal mehr in seinem eigenen Heimatort zurechtfinden kann?

Welt voller Monaden

Konsumgeist ist an die Stelle des Naturbewusstseins getreten und beherrscht den städtischen Lebensraum. Das Gefühl, alles bekommen, alles haben zu können, wird zum bestimmenden Lebensgefühl. Doch wer sich in der Landschaft erlebt, erfährt auch seine Grenzen. Spürt seine Abhängigkeit von der Natur. Wie wichtig ist dieses Erlebnis für die moderne Existenz?

Hohe Betonwand an einer Straße (Foto: SWR, SWR - Petra Jehle)
Bahn-Lärmschutzwand SWR - Petra Jehle

Landschaft zu erleben – sind wir darauf noch angewiesen? Oder ist es ein verblassendes Bedürfnis, das spätere Generationen nicht mehr teilen werden? Das vielleicht sogar ganz verschwinden wird? Landschaft zu erleben, ist längst eine außeralltägliche Erfahrung. Der normale Reisende erlebt keine Landschaften mehr. Nur noch ein beziehungsloses Nebeneinander von Punkten. Schienen, Straßen, Luftkorridore überwinden den Raum. Machen ihn gleichgültig.

Im digitalen Eigenraum statt in der Straßenbahn

Den ferngelenkten Reisenden gibt es nicht erst seit Erfindung des Smartphones. Seit 200 Jahren reisen wir – und benutzen vorgefertigte Raster. Sehen nicht die Landschaft, wie sie an sich ist. Sondern sehen, worauf uns die eigene Navigationshilfe hinweist: irgendeine Sehenswürdigkeit, irgendeine Attraktion. Seit 200 Jahren werden Reisende gesteuert – von einem Medium, von Reiseziel zu Reiseziel.

Jahrhunderte haben Menschen daran gearbeitet, sich immer besser zurechtzufinden. Mit Hilfe von Sternbildern, Kompass und Sextant – immer detaillierteren Land- oder Seekarten. Zum ersten Mal schlägt jetzt das Pendel um: Der Mensch verbessert seine Orientierungsfähigkeit nicht mehr. Er gibt sie an den Computer ab.

Den Blick auf das Display gerichtet

Mann bedient mobiles Navigationsgerät im Auto (Foto: TomTom -)
Wer sagt mir, wo ich bin? TomTom -

Der Atomisierung der Landschaft folgt auch die Atomisierung der Wahrnehmung. Genauer: die Steuerung der Wahrnehmung, durch den Computer. Was befindet sich an einem bestimmten Ort, in einer Straße, an einer bestimmten Stelle? Was kann man dort sehen, was kann man dort erleben, wer begegnet einem dort? Noch ist es normal, sich solches Orientierungswissen selbständig anzueignen. Noch sagt die eigene Erfahrung, was an einem bestimmten Ort zu erwarten ist.

Doch schon bald könnten Internet und Computer auch diese Aufgabe übernehmen. Könnte das Smartphone die Wahrnehmung steuern. Und seinem Besitzer sagen, wo er ist. Welche Geschäfte am Straßenrand liegen. Was man dort kaufen kann. Welches Gebäude an der Ecke steht. Wie die Kirche drüben heißt.

Landschaft unter blauem Himmel mit Wolken (Foto: SWR, SWR -)
Licht, Wind, Wolken, .. SWR -

Aus digitalen Landmarken entsteht ein Bild einzelner Orte, Straßen, vielleicht auch Landschaften, das ganz auf individuelle Bedürfnisse zugeschnitten ist. Die eigene Erwartung braucht sich auf das, was vor Ort passiert, nicht mehr einzulassen. Sie verlässt sich auf den Computer, der das, was an einem Ort erlebenswert ist, schon vorab selektiert. Aufmerksamkeit erzeugt nur noch, worauf der Computer seinen Nutzer hinweist.

Weltmeister im Reisen

Touristin mit Fotoapparat, im Hintergrund große Reisegruppe (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Reisen zu Postkartenzielen Thinkstock -

Die Gefahr: nach dem Verschwinden der Landschaft als natürlicher Umgebung, nach ihrer Benutzung im Massentourismus, könnte sie sich nun auch als sozialer Raum auflösen. Denn auch das war und ist Landschaft: Begegnungsort mit anderen Menschen. Zu wissen oder zu ahnen, weshalb sie dort sind. Begegnungen, die auf solche Weise entstehen – auch das formt den Charakter von Landschaft. Was, wenn solche Begegnungen künftig keine Rolle mehr spielen? Wenn der Raum als sozialer Ort nicht mehr existiert?

Menschen, die sich begegnen – werden sie sich noch zufällig kennenlernen? Weil zufällig jeder von ihnen diesen einen Ort besonders gern mag? Oder wird es Zufälle nicht mehr geben – dank Verabredung im Internet? – Welche Eindrücke werden sie haben? Wie schön das Sonnenlicht in den Zweigen spielt? Wie die Lichtflecken auf dem Wasser in verschiedenen Farben schillern? Oder einfach: Dass die App ,Romantische Orte’ nicht zu viel versprochen hat?

Bunkerruine auf einem offenen Feld (Foto: BUND Rheinland-Pfalz e.V. - Dr. Simone Schneider)
Am 8. August 2011 eröffnet Staatsministerin Ulrike Höfken in Mainz eine Ausstellung mit dem Titel "Grüner Wall im Westen". Sie zeigt, welch vielfältige Tierwelt heute die Überreste des sogenannten Westwalls besiedelt. Die alten Militäranlagen an der Grenze nach Frankreich, Luxemburg, Belgien und Holland stecken voller Leben. Man muss nur genauer hinschauen... BUND Rheinland-Pfalz e.V. - Dr. Simone Schneider
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