Leiser und länger leben Verkehr ohne Lärm?

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Noch klingt es seltsam fremd in unseren Ohren: Das Sirren und Surren der Elektromobile. Der Verkehr der Zukunft – so wie ihn sich Klangdesigner vorstellen. Doch vorerst raubt uns noch das Aufheulen der Verbrennungsmotoren, das Rattern der Züge, das Quietschen der Bremsen die Ruhe. Und genau hier setzen auch die Bemühungen an, den Verkehrslärm einzudämmen. Wie kann das gelingen, in einer Welt, in der die Mobilitäts-Ansprüche immer weiter steigen?

Mit gemeinsamen Aktionen wollen Bahnlärm- und Fluglärmgegner künftig für einen besseren Schutz der Bürger kämpfen (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Gemeinsam gegen Lärm Thinkstock -

Einen mittleren maximalen Schallpegel von 55 Dezibel am Tag und maximal 45 Dezibel in der Nacht – das fordert die Umgebungslärm-Richtlinie der Europäischen Union. Werte, die vielerorts heute deutlich überschritten werden. Die Reduzierung von Verkehrslärm steht bei vielen Institutionen und Menschen auf der Agenda: Bei der EU, beim Umweltbundesamt, bei Ingenieuren, bei Akustik-Forschern und Sounddesignern und nicht zuletzt bei den betroffenen Bürgern. Doch was ist eigentlich Lärm? Die Antwort darauf ist nicht so einfach.

Piepen, Tropfen, Brummen

Lärm ist nicht das gleiche wie laute Geräusche. Lautes Meeresrauschen empfinden viele als entspannend. Umgekehrt kann ein leiser, aber stetig tropfender Wasserhahn den Schlaf rauben.

Wassertropfen schlägt auf Wasseroberfläche auf (Foto: © JupiterImages Corporation -)
Wenn der Wasserhahn den Schlaf raubt © JupiterImages Corporation -

Generell gilt: Akustische Ereignisse ohne Vorwarnung werden störender empfunden als erwartbare. Ein gleichmäßig lauter Verkehrsfluss ist oft immer noch erträglicher als Geräusche mit starken Pegeländerungen – wie etwa von herannahenden Flugzeugen oder Motorrädern. Hohe Töne werden in der Regel unangenehmer empfunden als tiefe. Wer laute Musik hört, kann locker einen Schalldruck von 80, 90 Dezibel erreichen und das nicht als Lärm empfinden - im Gegensatz zum Wohnungsnachbarn. Auch für Verkehrsgeräusche gilt: Nicht alle werden zwangsläufig als Lärm wahrgenommen.

Ohren zuhalten

Als ein besonders schlimmer Lärmverursacher steht heute ausgerechnet ein Verkehrsmittel im Fokus, das eigentlich als besonders umweltfreundlich gilt: die Bahn. Den Güterverkehr von der Straße weitgehend auf die Schiene zu verlagern, fordern Umweltschützer seit langem. Für Anwohner in der Nähe von Bahnstrecken klingt das wie Hohn, nur lauter. Dabei wäre einiges möglich, um die Bahnen und insbesondere die Güterzüge leiser zu machen.

Lärm in der Luft

Vor etwa zwanzig Jahren wurde der Himmel für den freien Wettbewerb geöffnet: Wie zuvor schon in den USA begann 1993 in Europa die Liberalisierung des Luftverkehrs. In der Folge drängten immer mehr Anbieter auf den Markt. Die Preise für Flugtickets wurden sagenhaft billig. Und Flugreisen zum neuen Freizeitvergnügen für Millionen. Der Absatz für neue Flugzeuge stieg und deren Technik wurde verbessert – zum Beispiel der Großraum-Jet von Airbus.

startendes Flugzeug (Foto: SWR, SWR -)
Fraport legt Lärmschutzbericht vor SWR -

Anders als beim Schienenverkehr, der zwar laut ist, aber lokal sehr begrenzt, sind vom Flugverkehr ganze Regionen großflächig betroffen. In den letzten Jahren wurden deshalb neue lärmärmere Landeverfahren entwickelt und genehmigt, bei denen die Maschinen den Flughafen möglichst weit in relativ großer Höhe anfliegen um dann erst im letzten Moment in einem relativ steilen Winkel herabstoßen.

Im Steilflug

Die verkehrsarmen Zeiten sind an vielen Flughäfen jedoch seltener geworden. Auch wegen der immer größeren Zahl von Frachtflugzeugen: Nicht nur hochwertige Waren werden heute auf dem Luftweg transportiert, sondern auch Obst, Gemüse und Textilien.

Fluglärmprotest in Mainz am 24.11.2012 (Foto: SWR, SWR -)
Protest mal anders - mit Bannern an Brücken SWR -

Weltweit tätige Logistikkonzerne wie die deutsche DHL profitieren davon. Und sorgen für ein besonders gesundheitsschädliches Lärmproblem.
Immer mehr Bürger wehren sich gegen den Ausbau von Flughäfen und die Ausweitung von Flugzeiten. In Frankfurt am Main haben Bürgerinitiativen per Gericht ein nächtliches Flugverbot – immerhin von 23 bis 5 Uhr – erstritten. Mit technischen Verbesserungen allein ist dem krankmachenden Lärm nicht beizukommen.

Insel in der Stadt

Der Nauener Platz in Berlin Wedding. Wie eine Insel liegt das rund einen Hektar große Gelände umspült von einem Meer aus tosendem Verkehr. Jahrelang wurde der laute Platz hauptsächlich von jugendlichen Drogendealern genutzt. Familien und Kinder aus der überwiegend multikulturellen Anwohnerschaft mieden den unwirtlichen Ort.

Motorradfahrer (Foto: SWR, SWR -)
Umkreist vom Verkehrslärm SWR -

Zusammen mit Anwohnern unternahmen Psychoakustiker sogenannte „Soundwalks“, zu Deutsch „Geräusch-Spaziergänge“. Auch subjektive Eindrücke wurden dabei akribisch protokolliert und ausgewertet. Auch hier stellte sich heraus: Nicht allein der Lautstärke-Pegel, der mit der Entfernung zu den Straßen abnimmt, hat einen Einfluss auf das akustische Befinden. Gerade in den leiseren Bereichen des Nauener Platzes entdeckten die Psychoakustiker unangenehme, tieffrequente Schwingungen. Diese kann man nicht genau lokalisieren und sie verursachen ein Gefühl von Unwohlsein.

Wo brummt es denn?

Um den Kleinkind-Spielbereich mit den Sandkästen herum wurden kleine Schallschutzwälle gezogen. Ruhebänke erhielten zur Straßenseite hohe Rückenlehnen, die den Lärm ein wenig abschirmen. Sie dienen auch als sogenannte „Audio-Islands“, zu Deutsch: „Hörinseln“, in denen man sich auf Knopfdruck individuell beschallen lassen kann – mit Naturgeräuschen, die sich die Anwohner des Platzes selbst ausgesucht haben.

Das Geräusch eines Elektro-Autos. Es wird künstlich erzeugt und über Lautsprecher nach außen abgestrahlt. Damit auch Fußgänger oder Radfahrer diese leisen Fahrzeuge rechtzeitig wahrnehmen können.

Satt Gas geben

Manche Autohersteller treibt auch die Frage um, wie sie ihren markentypischen Motorensound in die Zukunft der Elektromobilität transferieren können. Jedes Emobil könnte seinen eigenen, ganz individuell designten Klang bekommen.
Bis Elektromobile die Klangkulissen des Verkehrs dominieren, wird es ohnehin noch eine ganze Weile dauern, sagen die Lärmfachleute. Die eine Million Elektroautos, die von der Bundesregierung bis zum Jahre 2020 in Deutschland angestrebt sind, werden den derzeitigen Verkehrsschallpegel jedenfalls nicht merklich senken. Leiser machen können ihn dagegen konsequente Geschwindigkeitsbeschränkungen und geräuscharme Asphaltdecken. Oder ein weiterer Umstieg auf öffentliche Verkehrsmittel und Fahrräder.


Eines wird sicherlich bleiben wie es immer schon war: Wo viele Menschen zusammen leben, gibt es eine Geräuschkulisse – die manche als Lärm wahrnehmen und andere als den belebenden Klang der Stadt.

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