Unterwegs in der Zukunft Mobilität ohne Barrieren

AUTOR/IN

Moderne Verkehrstechnik assoziieren wir vor allem mit: Tempo. Werden die Bedürfnisse von Menschen, die in ihrer Bewegung oder Wahrnehmung eingeschränkt sind, dabei ausreichend berücksichtigt? Wie ist barrierefreies Reisen auch für Rollstuhlfahrer, Blinde oder alte Menschen möglich?

Blaues Schild mit Rollstuhlfahrer-Symbol (Foto: © JupiterImages Corporation -)
© JupiterImages Corporation -

Menschen mit einer Behinderung können nicht gut gehen, nicht gut sehen oder nicht gut hören. Was sie aber besonders gut können: sich schon jetzt sehr gut in die Situation alter Menschen hineinversetzen. Und von denen wird es in Deutschland künftig viel mehr geben.

Reisen oft ein Hindernislauf

Bahnfahren für Blinde oft Hindernistour (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Bahnfahren für Blinde oft Hindernistour picture-alliance / dpa -

Damit blinde und sehbehinderte Menschen ihr Fahrzeug und den Eingang sicher finden können, brauchen sie an den Haltestellen und an den Fahrzeugen sogenannte Aufmerksamkeitsfelder. Gerillte Fußplatten können anzeigen, wo der Wartebereich ist und fühlbare Streifen an der Straßenbahn zeigen den Weg zu dem Eingang, an dem ein Fahrer mit aufpassen kann.

Barrierefrei per Gesetz

Dafür haben viele selbstbewusste Behinderte gesorgt. Sie klagten immer wieder ein, was ihnen verwehrt war. Im Mai 2002 ist das deutsche Behindertengleichstellungsgesetz in Kraft getreten. Es definiert Barrierefreiheit unter anderem für Verkehrsmittel. Sie sollen für behinderte Menschen in der allgemein üblichen Weise, ohne besondere Erschwernis und grundsätzlich ohne fremde Hilfe zugänglich und nutzbar sein.

Blindenschrift auf Geländer

Rollstuhlfahrer fahren über eine Rampe in den Zug (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Rollstuhlfahrer fahren über eine Rampe in den Zug picture-alliance / dpa -

Praktisch bedeutet das, dass Verkehrsunternehmen bei ihren Planungen die Behindertenverbände einbeziehen und anhören müssen. Die Bahn hat in den letzten Jahren viel investiert, um dem Ziel der Barrierefreiheit in Zügen und Bahnhöfen näherzukommen: Neben Hilfen beim Ein-, Um- und Aussteigen hat sich vor allem das verbessert, was man dynamische Fahrgastinformation nennt: die Möglichkeit, sich vor und während der Reise sowohl visuell als auch akustisch zu informieren.

Ein tastbares Leitsystem am Boden soll Passagieren, die schlecht sehen oder blind sind, die Orientierung erleichtern und sie in Aufzügen akustisch informieren. Rollstuhlnutzer finden ihre Wagenstandsanzeiger auf niedrigen Monitoren. Broschüren in einfacher Sprache und großer Schrift geben einen guten Überblick über diesen Service. Im Kleingedruckten allerdings steht: Nicht alle genannten Angebote sind an jedem Bahnhof verfügbar.

Ach, Sie wollten gar nicht über die Straße?

Viele Behinderte haben ein zwiespältiges Verhältnis zur Hilfe ihrer Mitmenschen. Und viele dieser Mitmenschen sind sich unsicher, wie sie richtig helfen können.

Dass Behinderte und Nichtbehinderte immer öfter zusammen zur Schule gehen, an der Universität studieren oder sich bei der Arbeit begegnen hat dazu geführt, dass man respektvoller miteinander umgeht und selbstverständlicher miteinander spricht. Die meisten Fahrgäste legen sehr viel Wert darauf, selbständig zu reisen. Mobile Alte würden sich nie als behindert einstufen und nehmen folglich auch wenig offizielle Hilfeleistungen in Anspruch.
Die Gestaltung des öffentlichen Verkehrs wird sich in Zukunft an eine Gesellschaft anpassen müssen, in der es immer mehr alte Menschen gibt und in der Wohlstand nicht nur in Konsum, sondern in Lebensqualität gemessen wird.

Auto als Reisefreiheit

Noch immer nutzen die meisten Menschen, die nicht oder schlecht gehen können, das Auto. Denn dies steht vor der eigenen Haustür und bringt sie ohne umzusteigen direkt ans Ziel. Sie sparen damit lange Fußwege, vermeiden unangenehme Überraschungen und müssen kein Gepäck tragen. Auch für viele Senioren ist es heute selbstverständlich im Auto unterwegs zu sein. Sie sind in einer Zeit groß geworden, in der das Auto für Freiheit schlechthin stand; und es ist genau diese Freiheit, die sie auch im Alter schätzen.

Eine blinde Frau sitzt am Steuer eines Autos mit Beifahrern (Foto: SWR, SWR -)
Autofahren – für blinde Menschen ein ganz neues Erlebnis SWR -

Doch wie müssen Autos aussehen, in denen ältere Menschen möglichst lange und dennoch sicher fahren können?nDenn Reaktionsvermögen, Sehkraft und Beweglichkeit nehmen mit zunehmendem Alter ab. Brauchen Autofahrer optische und akustische Warnungen vor Tempolimits, Einparkhilfen, Warngeräte für den blinden Punkt im Seitenspiegel, Navis, die unübersichtliche Kreuzungen vermeiden oder eine Nachtsichtbrille für Fahrten bei Dunkelheit?

Da piept doch was

Tatsächlich warnt der Verkehrsclub Deutschland davor, dass zu viel technische Assistenz im Auto ältere Fahrer oft irritiert. Am Ende ignorieren sie dann ein Piepsen, das sie nicht verstehen und sind damit mehr gefährdet, als wenn sie ihre eigenen Defizite realistisch einschätzen und z.B. auf öffentliche Verkehrsmittel umsteigen.

Mann im Rollstuhl (Foto: photos.com -)
Warum ist der Behinderteneingang meist an der Rückseite eines Gebäudes? photos.com -

Verkehrsmittel nehmen wir in Anspruch, um längere Strecken zurückzulegen. Wie sieht es aber mit den Wegen aus, auf denen wir uns zu Fuß bewegen? Eine ADAC-Stichprobe belegt, dass in vielen deutschen Stadtzentren längst noch keine uneingeschränkte und sichere Mobilität für alle Bevölkerungsgruppen sichergestellt ist. Die wahre Herausforderung für Reisende und Verkehrsbetriebe sind heute die Übergänge zwischen Verkehrsmitteln, öffentlichen Plätzen und Gebäuden. Im Fachjargon: die ganze Reisekette. Nahtlose Reise- oder Mobilitätsketten sind deswegen das Thema der Zukunft.

Barrierefreiheit im Komplettpaket

Tatsächlich fördert das Bundesministerium für Bildung und Forschung derzeit bundesweit 14 Verbundprojekte, die innovative Mobilitätslösungen entwickeln. Diese Forschungsprojekte haben vor allem die große Zahl älterer Menschen im Blick. Schon heute werden die Menschen im Schnitt 30 Jahre älter als zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Mann fährt im Spezialmoped auf der Landstraße (Foto: SWR, SWR -)
Im Spezialmoped auf der Landstraße SWR -

Im Jahr 2060 wird bereits jeder Dritte mindestens 65 Lebensjahre erreicht haben und es werden doppelt so viele 70-Jährige leben wie Kinder geboren werden. Wir werden Dank hohen Lebensstandards und medizinischen Fortschritts aktiv und vor allem selbständig leben wollen. Der Schlüssel zu einem solchen Leben heißt Mobilität und Austausch mit anderen Menschen: zur Ärztin mit der Straßenbahn, zu den Enkeln nach Konstanz im Zug und zu einer Ausstellung auf dem Land werden wir mit dem Auto fahren.

Smartes Alter

Mithilfe neuer Technologien sollen vor allem aktuelle Informationen die Mobilität von Senioren erleichtern: mit einer Applikation auf dem Smartphone können sie dann auch erfahren, wo der kürzeste Weg zum Bahnsteig verläuft, wo ein Fahrstuhl zu finden ist und ob er auch funktioniert oder ob ein Zug Verspätung hat.
Wenn eine Gesellschaft das Potenzial von behinderten Menschen und die Erfahrung ihrer Alten in Zukunft nutzen will, dann sollten sie selbstverständlicher und mobiler Teil dieser Gesellschaft sein.

SWR-Maimarktreporterin geht mit einer blinden Frau über den Maimarkt (Foto: SWR, SWR - Foto: Julia Klingbeil)
Beim Bummeln auf dem Maimarkt SWR - Foto: Julia Klingbeil

Dazu gehören möglichst gut verbundene und barrierefreie Verkehrsmittel, kurze Wege zum Einkaufen, zum Arzt und zu den Freundinnen. Leben in einer möglichst intakten Nachbarschaft und Gesellschaft, in der gegenseitige Unterstützung gewünscht ist.
Und eines gilt dabei sowohl für diejenigen, die unsere Mobilität planen als auch für die, die sie nutzen: Barrierefreies Leben ist vor allem auch barrierefreies Denken.

AUTOR/IN
STAND