Alle Wege führen nach Google Das Geschäft mit den Karten

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Navigationssysteme können immer mehr, sie zeigen Wege aus dem Stau und können sogar selbstständig Autos steuern. Dabei spielen sowohl Satellitendaten, als auch Bewegungsprofile von Nutzern eine Rolle. Das Geschäft mit den Karten reicht von der Vermarktung von Satellitendaten bis zum Verkauf von Bewegungsprofilen der Nutzer.

Das Navigationssystem schlägt Alternativrouten vor. (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Das Navigationssystem schlägt Alternativrouten vor. picture-alliance / dpa -

Es gibt nur wenige Straßen in Deutschland, die noch nicht erfasst und digitalisiert sind. Wie kann man mit Landkarten Geld verdienen? Was kosten sie, was bringen sie ein? Wirtschaftlich gesprochen: Wie sieht es aus mit Umsatz vor und nach Steuern, mit Kosten, Gewinn und Rendite des eingesetzten Kapitals? Über solche Themen redet man nicht gern bei einem der größten Anbieter digitaler Karten. Und auch der Staat mischt mit. Denn fast alle Landkarten der Bundesrepublik Deutschland basieren auf einer einzigen Karte. Der amtlichen Grundkarte, herausgegeben von den Landesvermessungsämtern.

Kartographin im Bundesamt für Kartographie und Geodäsie (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Kartographin im Bundesamt für Kartographie und Geodäsie picture-alliance / dpa -

Kaum jemand kennt die staatliche Infrastruktur hinter den Karten. Die Bundesrepublik Deutschland unterhält über 400 Ämter in Sachen Landesvermessung. Die meisten davon auf kommunaler Ebene, vormals Katasteramt geheißen. Hinzu kommen die Landesvermessungsämter und das Bundesamt für Kartografie mit seinem geodätischen Observatorium im bayerischen Wettzell. Außerdem noch das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrografie mit seinen drei Vermessungsschiffen, zuständig für amtliche Seekarten. Und das Amt für Geoinformationen der Bundeswehr für Sicherheitsfragen.

Wer sagt, wo’s lang geht?

Die Grundkarte im bisherigen Koordinatensystem ist auch 2013 die allgemein verbindliche, amtliche Basiskarte für Deutschland. Von dieser Karte verkaufen die Landesvermessungsämter Lizenzen an die Kartenhersteller.
Zu den staatlichen Quellen kommen zwei weitere, aus denen die Kartenhersteller schöpfen. Eine davon sind private Anbieter. Und die letzte und wichtige Datenquelle ist das sogenannte Crowdsourcing.

Open-Street-Map-Projekt (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Open-Street-Map-Projekt picture-alliance / dpa -

Beispielsweise das Projekt Open Street Map. Europaweit haben sich über eine halbe Million Menschen zusammengeschlossen, die Welt zu kartieren. Sie sammeln weltweit Daten über Straßen, Eisenbahnen, Flüsse, Wälder, Häuser und alles andere, was gemeinhin auf Karten zu sehen ist. Da die Projektteilnehmer die Karten selbst zeichnen, müssen keine Lizenzen gezahlt werden. Die Karten kann jeder frei nutzen und weiterverarbeiten, ob privat oder gewerblich.
Ob von der Bundesrepublik Deutschland, einem kommerziellen Kartenhersteller oder wie Open Street Map im Crowdsourcing-Verfahren erstellt – die Karten selbst erscheinen entweder digital auf dem Computer, dem Smartphone und dem Navi. Oder man druckt sie auf Papier und verkauft sie über den Buchhandel.

Alle Karten in einer Hand

Doch Karten auf Papier sind teuer. Auch in der Herstellung. Je nachdem, wie detailliert die Karte, wie ausgefeilt die Grafik ist. Bei solchen Kosten gibt es nur noch einen einzigen, großen Kartenverlag in Deutschland. MairDumont in Ostfildern bei Stuttgart. Er bringt die gängigen Straßenkarten und Stadtpläne heraus, die dann ganz anders heißen. Falk, der Stadtplan, beispielsweise. Marco Polo, die Karte für den Urlaub. Und Kompass, Rad- und Wanderwegkarte. Oder der Verlag verkauft sein Kartenwerk an andere Einrichtungen, die es dann unter eigenem Namen veröffentlichen. Wie zum Beispiel der ADAC-Straßenatlas.
Anders im Geschäftsbereich digitaler Karten. Digitale Karten kennen keine Verlage. Kartenhersteller sind hier Halbleiterkonzerne und Softwarefirmen. Apple, Google und Microsoft. Handyhersteller wie Nokia. Und Hersteller von Navigationsgeräten, wie beispielweise TomTom oder Navteq.

An der Nase rumgeführt

Das klare Straßenbild suggeriert Sorgfalt, Genauigkeit und Detailtreue. Aber an der Genauigkeit hapert’s. Im Detail bei Google Maps, das auf dem Weg von Freudenstadt nach Dornstetten im Schwarzwald 2011 eine besonders unfallträchtige Haarnadelkurve empfahl, die laut Verkehrsführung längst verboten war.

LKW festgefahren im Wald (Foto: SWR, SWR -)
Fehlgeleiteter LKW SWR -

An Genauigkeit hapert‘s auch im Großen wie 2012 beim Kartendienst von Apple. Schwedens Hauptstadt Stockholm war 2012 in Richtung Norden verschoben, New York hatte keine Freiheitsstatue mehr, der Nürnberger Justizpalast wanderte nach Wien, das Brandenburger Tor stand in einem Berliner Vorort und der Stuttgarter Hauptbahnhof war zeitweise nicht zu finden. Alle möglichen Straßen verliefen im willkürlichen Zickzack und endeten im Nichts, Brücken über Flüsse und Täler verschwanden.
Trotzdem sind die Karten im Navi alltagstauglich. Wenn auch nur für einen einzigen, eng umrissenen Zweck. Einfache Routen über gutausgeschilderte Straßen zu finden. Zum Beispiel von Stuttgart nach Berlin, Rom oder Canossa. Oder vom Kölner zum Bonner Hauptbahnhof.

Staumeldung in Echtzeit

Das Navi als Lizenz zum Gelddrucken. So war’s gedacht. 2008, als man sich dieses technische Highlight noch mit Saugnapf an die Windschutzscheibe pappte. Alle zwei Jahre sollte man seine Karten aktualisieren und dafür zahlen. Doch dann wurden die Hersteller und deren Hightech-Geräte selbst von Hightech überrollt. Das Smartphone. Kleiner Alleskönner mit Google-Navi in jedermanns Hand.

Navi mit Staumeldungen (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Navi mit Staumeldungen picture-alliance / dpa -

Aktuelle Staumeldungen, automatisch errechnete Umleitungsempfehlungen und minutengenaue Fahrtzeitangaben auf dem Navi. 2013 der Standard der Navigationsgeräte für den privaten PKW. Jetzt geht es um detaillierte Karten. Darum, anhand der Fahrzeugbewegungen einen Kreisverkehr von einer Kreuzung mit Verkehrsinsel und die wiederum von zwei im Bogen verlaufenden Fahrtrichtungen um einen Grünstreifen herum zu unterscheiden. Und darum, dass sämtliche Geschwindigkeitsbeschränkungen eingearbeitet sind, und die Radien, mit denen die Straße sich in ihre Kurven neigt. Dass eine Karte weiß, wie breit eine Straße ist und mit welcher Steigung sie einen Berg erklimmt.

Das Auto als Besserwisser

Mit solchen Informationen wird die Karte zu Herz und Hirn künftiger Autos. Navis sind heute fest mit den Funktionen in den PKWs verbaut. Es sagt dem Auto nicht mehr allein, wo es langgeht, sondern auch, wie es fahren soll. Der Tempomat hält die Geschwindigkeitsbegrenzung ein. Das Getriebe schaltet nach den Informationen über die Steigung. Bewegliche Scheinwerfer leuchten individuell jede einzelne Kurve aus. Und sollte der Fahrer doch einmal zu dicht an den Straßenrand geraten, gibt’s einen Warnton. Bei Schlimmerem – einen automatischen Notruf des Navis zur Unfallrettung.

Google-Dienste in der Fahrzeug-Navigation (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Google-Dienste in der Fahrzeug-Navigation picture-alliance / dpa -

Man zahlt den Preis dafür beim Kauf des Autos. Sind wenigstens die Karten und Navigations-Apps auf dem Smartphone kostenlos? Man zahlt auch dafür, direkt beim Kauf der Geräte. Wie viel genau bleibt Geschäftsgeheimnis. Wie man auch über andere Einkünfte über das Kartenwerk kein Wort verliert, obwohl diese Umsätze das Hauptgeschäft ausmachen.
Googles Idee: Der Privatmann orientiert sich mit dem Kartenwerk in der Welt. Dabei lässt er sich aber von Google auch in der Welt aufspüren, ortsgenau. Längst können sich Werbekunden vom Unternehmen Fragen beantworten lassen wie: Wie viele Frauen zwischen 20 und vierzig Jahren haben abends zwischen 20 und 22 Uhr aus dem Großraum Stuttgart eine bestimmte Webseite besucht? Keine dieser Frauen musste sich für solche Daten vorab registrieren lassen. Allein der Mausklick verrät sie – und Googles Kartenwerk.

Ich sehe was, und Du siehst mich nicht

Wie die Suchmaschine Google mit seiner Monopolstellung in Teilen der Welt bestimmt, was die Menschen im Internet sehen oder nicht sehen, könnte das Unternehmen mit seinem Kartenwerk künftig den Blick auf die Welt definieren. Denn man glaubt dem Navi, unbesehen.

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