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Verdis Requiem aus Zürich auf DVD Choreografisch wie musikalisch großartig

DVD-Tipp vom 23.11.2017

DVD-Cover Verdi

DVD

Titel:
Verdi | Messa da Requiem
Dirigent:
Fabio Luisi, Conductor | Christian Spuck, Choreographer | Ballett Zürich | Philharmonia Zürich | Chor der Oper Zürich | Opernhaus Zürich
Label:
accentus music ACC 20592

Eine Frau drückt sich vorsichtig an einer Wand entlang, zögert, tastet sich vorwärts, windet sich, blickt sich um – traurig? verzweifelt? ängstlich? Sie hat ein hautfarbenes, kurzes Kleidchen an, ihr Körper wirft einen Schatten an die Wand. Fast unhörbar setzt die Musik ein.
Die Bühne ist umgeben von fensterlosen Wänden, es gibt keinen Himmel, keine Unterwelt. Nur diesen kahlen, dunklen Raum, der Boden ist mit schwarzen Flocken bedeckt. Rechts und links stehen viele Menschen; sie sind grau und schwarz gekleidet und im diffusen Licht schwer zu erkennen. Im Vordergrund schälen sich langsam Tänzer aus der Masse.

„Ich wurde gefragt und ich habe gesagt, ich möchte das machen mit dem Wunsch, keine Geschichte zu erzählen auf der Bühne …, sondern mein Wunsch ist es, insgesamt 16 Tableauxs auf der Bühne zu entwickeln, die vielleicht die Emotionalität von diesem Werk ein bisschen erzählen können. Das kann Trauer sein, das kann Wut sein, das kann Verzweiflung sein, das kann Alleinsein, das kann alles möglich sein, was dieses musikalische Werk in sich trägt.“

Der Choreograf Christian Spuck ist seit 2012 Ballettdirektor am Opernhaus Zürich. Er hat schon mit vielen renommierten Kompagnien zusammengearbeitet und seine Choreografien laufen an vielen Häusern weltweit. Aber Guiseppe Verdis Requiem ist für ihn ein außergewöhnliches Projekt, diese Musik steht ihm besonders nahe:

„Eigentlich braucht es keine Bilder, eigentlich braucht es auch kein Ballett, es braucht keine Szene dazu, das hat so eine Kraft, das hat so eine Stärke, das kann vollkommen für sich stehen ... und dann trotzdem den Mut zu haben und zu arbeiten, dass man vielleicht ein Bild findet oder eine Bewegung findet, die sich dem nicht in den Weg stellt, aber trotzdem die Wahrnehmung verändert, dass man vielleicht doch noch mehr von der Musik versteht, das wäre schön, wenn das klappt.“

Der Film „Stepping into the unknown“ des schweizerischen Journalisten Jürg Gautschi begleitet die Entstehung der Choreografie von Christian Spuck zu Verdis Requiem. Er ist als Bonus-Material auf der DVD mit der Ballettproduktion zu finden. In ihm erleben wir den Probenprozess, gibt Spuck Einblick in seine Ideen:

„Das erinnert so ein bisschen an die Klagemauer in Jerusalem. Ich war einmal da vor einigen Jahren, und ich fand das unheimlich berührend, wie Menschen in die Mauer ihre Geheimnisse und ihre Sorgen reinflüstern ..., und das würde ich gerne in die Produktion mit reinnehmen.“

Der Chor und die Tänzer werfen sich gegen diese Mauer, sie schreiben mit Kreide darauf, klettern an ihr hoch. In diesen Aktionen sind Sänger und Tanzkompagnie oft zu einer großen Masse verschmolzen. Auch die Sänger-Solisten interagieren mit den Tänzern: Wenn der Bassist Georg Zeppenfeld die Hand der Tänzerin kurz ergreift, um sie sogleich, weil sie weggetragen wird, wieder loslassen zu müssen – das ist bewegend – und für den DVD-Zuschauer besonders gut zu erleben, denn mit der Kamera sind wir auf der Bühne, direkt im Geschehen. Oft sehen wir die Tänzer und Sänger in Großaufnahme oder sind immer noch so nah dran, dass nur ein Teil der Bühne einzusehen ist. Totalen, also Aufnahmen der ganzen Bühne, sind eher die Ausnahme. Das ist manchmal schade, wenn einem der Überblick etwas fehlt, andererseits ist die Bühne durchweg so dunkel beleuchtet, dass man sowieso nur sehr wenig in der Totalen erkennen kann.

Christian Spucks Ballett intensiviert die verschiedenen Emotionen, die in Verdis Musik stecken – dieses Konzept Spucks geht wirklich auf. Die musikalische Interpretation des Opern-Orchesters Philharmonia Zürich und des Chors der Oper unter Fabio Luisi ist ebenfalls großartig: mitreißend, aber immer schlank und präzise, ohne zu trocken zu sein. Die Sängerinnen – Krassimira Stoyanova, Veronica Simeoni, Georg Zeppenfeld – passen gut in diesen Klang hinein. Nur Tenor Francesco Meli scheint zu Beginn der mitgeschnittenen Aufnahme etwas Schwierigkeiten zu haben, findet dann aber noch zu seiner Form.

Zu Recht spricht das Opernhaus vom Höhepunkt seiner vergangenen Saison und bringt die Produktion jetzt auf DVD heraus. Der Bonus-Film dazu ist vielleicht manchmal etwas zu affirmativ, erhellt aber das Konzept der Choreografie und punktet mit schönen Eindrücken von hinter den Kulissen. So viel sei noch verraten: Am Ende fließen jede Menge Freudentränen.

DVD-Tipp vom 23.11.2017 aus der Sendung „SWR2 Cluster“

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