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"Zwangsschule" für jüdische Kinder in Freiburg 1936-1940 Klassenziel: Überleben

Deutschen Lehrern kann nicht mehr zugemutet werden, jüdische Kinder zu unterrichten. So verfügt es ein Runderlass nach der Reichspogromnacht im November 1938. Jüdische Schulen scheinen die einzige Alternative zu bieten. Auch in Freiburg.

Heute wird in der Lessingschule jeder herzlich willkommen geheißen, Ansicht auf Willkommens-Plakate

Heute wird in der Lessingschule Freiburg jeder herzlich willkommen geheißen, das war nicht immer so: Die jüdischen Schüler mussten 1936-1938 separate Eingänge benutzen.

Spuren der ehemaligen jüdischen Schulabteilung sucht man in dem Gebäude, das heute in Freiburg die Lessing-Realschule und das "Zentrum für individuelle Bildung und Beratung mit sonderpädagogischem Schwerpunkt" beherbergt, vergebens.

Zwangsschule oder Zufluchtsort?

Zwischen dem 21.10.1936 und dem 9.11.1938 kamen jüdische Kinder nicht nur aus Freiburg, sondern auch aus entlegenen Schwarzwaldorten, aus dem Kaiserstuhl, von Offenburg in der Ortenau und Lörrach an der Schweizer Grenze hierher. Denn für sie alle war es die nächstgelegene jüdische Schule. Manche der Jugendlichen konnten unter der Woche bei ortsansässigen Verwandten wohnen, andere mussten bei fremden Menschen ein Zimmer mieten, für die Jüngsten eine schwere Belastung.

Ansicht auf die Lessingschule von 1930

Die Seitenansicht vom Hauptportal der Lessingschule im Jahr 1930.


Ungefähr 70 jüdische Mädchen und Jungen waren in einem Seitentrakt der Lessingschule - damals eine Knaben-Hauptschule - untergebracht und wurden auf zwei Klassenzimmer verteilt.


Blick in eine Knaben-Schulklasse

Zu Zeiten des Kaiserreichs waren die Knaben-Hauptschüler noch völlig unter sich.

Das Hauptportal der Lessingschule war für die jüdischen Schüler tabu: Sie durften lediglich die zu den beiden Klassenräumen führenden Seiteneingänge benutzen. Sie hatten aber auch gesonderte Pausenzeiten. Auf diese Weise sollte von Anfang an jeglicher Kontakt zwischen den Schülern der Knaben-Hauptschule und der jüdischen Schule unterbunden werden.

Nirgendwo anders sicher

Dass diese "Zwangsschule" dennoch zu einer Art Zufluchtsort für die jüdischen Mädchen und Jungen wurde, war vor allem dem Engagement ihrer Lehrer Alfred Kaufmann und Dr. Alice Mendel Weil zu verdanken. Selbst diskriminiert und verfolgt, "... haben sie händeringend versucht, ihre Schüler inmitten all der Aufregung liebevoll und sinnvoll zu behüten, und den Alltag erträglich zu machen", erzählt Rosita Dienst-Demuth, Geschichtslehrerin an der heutigen Lessing-Realschule. Als Begründerin der Geschichtswerkstatt "Zwangsschule für jüdische Schüler, 1936-1940" machte sie sich 2001 gemeinsam mit Schülern auf die Suche nach den Spuren der ehemaligen jüdischen Schulkinder. 

Schüler auf Klassenausflug, posieren sitzend für ein Gruppenfoto

Ein Stück Normalität: Die jüdischen Schüler der Lessingschule auf Klassenausflug im Schwarzwald um 1939/40. Rechts von der Mitte: Wiltrude Hene. Zweite von rechts, hinten: Margot Kramer, zweite von links, hinten: Myriam Cohn.

Vorbereitung auf die Flucht

Ein normaler Schulunterricht war an der jüdischen Schule zu Zeiten des NS-Regimes kaum möglich. An Unterrichtsmaterial gab es nur, was die Lehrer selbst zusammentragen konnten. Lediglich zwei "Tatsachen- und Arbeitshefte" des ehemaligen Schülers Eugen Moses zeugen noch davon, was im Unterricht durchgenommen wurde: z.B. "Das deutsche Vaterland" sowie "Deutsche Geschichte bis zu den Befreiungskriegen". Viel mehr weiß man heute nicht über die damaligen Lerninhalte. "Vor allem werden sie Englisch gelernt haben, damit sich die Kinder auf eine Ausreise oder Flucht vorbereiten konnten", meint Rosita Dienst-Demuth, "vielleicht auch ein bisschen Hebräisch." Außerdem war da Klara Maier, eine Lehrerin für Handarbeiten.

Altes Haus, von Kletterpflanzen umrankt

Ab März 1939 gingen die jüdischen Mädchen und Jungen im ehemaligen jüdischen Gemeindehaus am Werthmannplatz 1 zur Schule.

Novemberpogrom 1938: Was wird aus Schülern und Lehrern?

Alfred Kaufmann war im Herbst 1935 vom Oberrat der Israeliten Badens, Karlsruhe damit beauftragt worden, die jüdische Schulabteilung in der Freiburger Lessingschule zu leiten. Nach der Reichspogromnacht wurde sie jedoch geschlossen: Alfred Kaufmann wurde in das Konzentrationslager Dachau verschleppt. Nach seiner Entlassung am 16. Dezember 1938 wurde ihm der Zutritt in die Schulräume der Lessingschule verboten, alle Klassenhefte und Unterrichtsmaterialien gingen verloren.

Lehrer Alfred Kaufmann gab nicht auf: Er kämpfte bei der Stadt Freiburg für neue Schulräume und fand sie schließlich im ehemaligen jüdischen Gemeindehaus am Werthmannplatz 1, Standort des heutigen Kollegiengebäudes II der Universität Freiburg. Nachdem die jüdische Gemeinde auf eigene Kosten die Räume renoviert hatte, konnte der Unterricht im März 1939 zum neuen Schuljahr wieder aufgenommen werden. Für das inzwischen enteignete Gemeindehaus musste die jüdische Gemeinde Miete zahlen. Alfred Kaufmann unterrichtete bis Juli 1939, bis er über England in die USA auswanderte. Nachdem auch Dr. Alice Mendel Weil in die Vereinigten Staaten emigriert war, unterrichteten am Werthmannplatz 1 Adolf Reutlinger, Dr. Ilse Hamburger, außerdem, so erinnert sich die ehemalige Schülerin Else Geismar, "Professor Maier" und "Herr Strauß".

Ein Straßenschild zeigt die Richtung nach Gurs an, im Hintergrund ein Gebäude der Uni Freiburg

Wo junge Menschen heute unter anderem Rechtswissenschaften studieren, bereiteten sich früher jüdische Jugendliche auf Flucht oder Emigration vor. Viele von ihnen wurden in das französische Internierungslager Gurs deportiert.

Camp de Gurs: Schicksalsort für viele Schüler

Am 22.10.1940 kam es zur ersten großen Massendeportation von Juden aus Baden: Eine Stunde Zeit zum Packen gab man den Menschen. Viele der jüdischen Schüler, die sich unter der Woche in Freiburg aufhielten, konnten nicht mehr in ihre Heimatorte zurückkehren und trafen ihre Eltern erst nach bangen Stunden der Ungewissheit wieder im Zug, der die badischen Juden in das südfranzösische Internierungslager Camp de Gurs brachte.

Für viele der Deportierten führte der Weg von Gurs ab Sommer 1942 nach Auschwitz. Dank der beherzten Hilfe von Quäkern und Mitarbeitern des jüdischen Kinderhilfswerks OSE, konnten viele jüdische Kinder gerettet und in Kinderheimen oder auch bei französischen Familien untergebracht werden und in die rettende Schweiz geschmuggelt werden. So auch die ehemalige Schülerin der Lessingschule, Wiltrud Hene.

Eine junge Frau vor einer Baracke des Schweizer Roten Kreuzes in Gurs 1941

Lichtblicke in Gurs, 1941: Organisiert vom Schweizer Roten Kreuz, durften Wiltrude Hene und ihr Packesel Käse und Milch in den umliegenden Dörfern besorgen. Akustische Stolpersteine über ihre jüngere Schwester Sonja und die Eltern Sigmund und Flora machen die Lebensgeschichte der Familie Hene aus Eichstetten hörbar.

Sie wurde aus dem Lager Gurs herausgeholt und im Kinderheim des Schweizer Roten Kreuzes La Guespy aufgenommen. Nachdem sie später für kurze Zeit im Wald versteckt hausen musste, fand sie schließlich bei Hugenotten in Le Chambon-sur-Lignon Zuflucht: Geburtsort des jüdischen Filmemachers Pierre Sauvage, der im Film "Weapons of the Spirit" die Geschichte von 5.000 Juden erzählt, die dort versteckt und auf diese Weise gerettet wurden.

Dank "mutiger Menschen aus dem Widerstand" überlebten viele der ehemaligen Schüler der Lessingschule – an sie erinnert die Gedenktafel an der Hauptfront der Lessing-Realschule.


Die Freiburger Lessingschule erinnert an ihre ehemaligen jüdischen Schüler

"Dank mutiger Menschen aus dem Widerstand" überlebten die meisten der ehemaligen jüdischen Schüler, ihre Angehörigen jedoch oft nicht.

Erinnerung: Das Vermächtnis der jüdischen Schüler

Dass die Geschichte der jüdischen Abteilung an der Lessingschule nach 60 Jahren überhaupt wieder erinnert wird, geht auf die Erzählungen von Else Geismar bei einem Besuch in der Gedenk- und Bildungsstätte "Blaues Haus" in Breisach zurück. Als Rosita Dienst-Demuth davon hört, wird sie aktiv und gründet die Geschichtswerkstatt Lessing-Realschule, initiiert erstmals 2004 Begegnungen mit den ehemaligen Schülern der jüdischen Schule, 17 Zeitzeugen. Die Geschichte dieser außergewöhnlichen Verbindung erzählte vom 19. Januar bis 26. April 2015 auch die Ausstellung "Zwangsschule für jüdische Kinder in Freiburg 1936-1940" für Schüler ab der 8. Schulklasse im Kreismedienzentrum Freiburg.


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Die Lessingschule Freiburg: Damals und heute

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Heute wird in der Lessingschule Freiburg jeder herzlich willkommen geheißen, das war nicht immer so: Die jüdischen Schüler mussten 1936-1938 separate Eingänge benutzen.

Heute wird in der Lessingschule Freiburg jeder herzlich willkommen geheißen, das war nicht immer so: Die jüdischen Schüler mussten 1936-1938 separate Eingänge benutzen.

Der Haupteingang des Trakts, in dem die heutige Lessing-"Förderschule" untergebracht ist, war damals für die jüdischen Schüler tabu. Sie mussten möglichst ohne viel Aufhebens zwei Seiteneingänge benutzen. Vor allem die Mädchen fielen den Knaben-Hauptschülern natürlich trotzdem auf.

Heute schmücken die Fenster bunte Papierdrachen: Früher war die so genannte "Zwangsschule" für jüdische Kinder in Freiburg möglichst unauffällig in einem Seitentrakt untergebracht.

Ansicht auf einen der beiden Hintereingänge der Lessingschule, rechts davon eines der ehemaligen Klassenzimmer der zeitweise 70 jüdischen Schüler. Um jeden Kontakt zu den Schülern der Knaben-Hauptschule zu unterbinden, hatten sie eigene Pausenzeiten.

Historische Spuren gibt es in dem ehemaligen Klassenzimmer nicht mehr, der Ausblick auf die alten Stadthäuser und die angrenzende Johanneskirche dürfte aber ähnlich gewesen sein.

Der Lehrplan im Jahr 2015 weicht stark von dem ab, was die jüdischen Schüler ehemals lernten: Sie bereiteten sich in erster Linie auf Flucht oder Emigration vor. Tragischerweise meist vergeblich.

Was bleibt: Junge Menschen, die mit ihrer Arbeit in der Geschichtswerkstatt auch ein Jahr nach dem 125-jährigen Bestehen ihrer Schule dafür einstehen, "Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage" zu sein. Mittendrin: Geschichtslehrerin Rosita Dienst-Demuth.


Von Julia Wieland //


Quellen:

125 Jahre Lessingschule Freiburg. 2014

Dokumentation "Zwangsschule für jüdische Kinder in Freiburg 1936-1940, 2004, 2005, 2006-2008

"...es geschah am helllichten Tag!" Die Deportation der badischen, pfälzer und saarländischen Juden in das Lager Gurs/Pyrenäen. Unterrichtsmaterialien zum Download, herausgegeben aus Anlass der sechzigsten Wiederkehr der Deportation am 22./23. Oktober 1940. Als Bausteine ausgearbeitet. Hrsg.: LpB, 2005.

Exil-Club: http://www.exil-club.de/groups/ueberleben/seiten/5_schicksal/lehrer.html