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Schulalltag nach 1933 Kreuzzug gegen Kinder

Was eine vom Nationalsozialismus überschattete Kindheit konkret bedeutet, schildert Gerhard Durlacher aus Baden-Baden in seinem autobiografischen Buch "Ertrinken. Eine Kindheit im Dritten Reich". 1933 war er 6 Jahre alt. Als jüdisches Kind wurde er schon am ersten Schultag von der Klassengemeinschaft abgesondert, der Schulweg wurde immer mehr zum Angstweg.

Für jüdische Kinder war die Schule im nationalsozialistischen Deutschland eine Welt voller Gefahren. Die tagtägliche Ausgrenzung traf Schulanfänger und die jüngeren Kinder ganz besonders, weil sie dem noch nichts entgegensetzen konnten. Wenn es irgend möglich war, versuchten Eltern, ihre Kinder vor diesen Erfahrungen zu schützen und auf eine jüdische Schule zu schicken. 

Aufnahme einer Schulklasse aus dem Jahr 1933

Aufnahme einer Schulklasse aus dem Jahr 1933


Aber als Hitler an die Macht kam, gab es nur sehr wenige jüdische Volksschulen im Deutschen Reich. Für die assimilierten deutschen Juden war es eine Selbstverständlichkeit gewesen, ihre Kinder auf staatliche Schulen zu schicken. Im Land Baden existierte beispielsweise keine einzige jüdische Volksschule. Erst ab 1933 wurden sie in größeren Städten – nämlich in Bruchsal, Mannheim, Heidelberg, Pforzheim, Karlsruhe und Freiburg – aus dem Boden gestampft. Bald bestand der Hauptzweck der Schulen in der Vorbereitung auf eine Zukunft in anderen Ländern nach der Emigration. Für viele Eltern, die nicht in diesen Städten lebten, war das oft keine Lösung, waren doch damit Kosten und die Sorge um die Sicherheit bei den täglichen Fahrten verbunden. So blieb nichts anderes übrig, als den Nachwuchs vor Ort zur Schule zu schicken.

Der "Kreuzzug" gegen jüdische Gymnasiasten und Studenten, von dem Erika Mann 1938 sprach, begann mit der 1. Verordnung zum Gesetz gegen die Überfüllung deutscher Schulen und Hochschulen vom 25. April 1933. Sie beschränkte die Zahl der Neuaufnahmen jüdischer Schüler an höheren Schulen und Hochschulen auf 1,5 %. Ausgenommen von dieser Regelung waren die Kinder von Frontkämpfern und ausländischen Staatsbürgern.

Auf Grund der täglichen Drangsalierungen stieg nun in Baden und Württemberg bezeichnenderweise der Anteil von Kindern, die jüdische Schulen besuchten, von 18,3% im Jahr 1933 auf 86,9% im Jahr 1937 an. Besser situierte Eltern versuchten ihren Nachwuchs auf Internate ins Ausland zu schicken.

Schulverbot

Unmittelbar nach der Reichspogromnacht wurde am 15.11.1938 Juden der Besuch deutscher Schulen verboten, da es "keinem deutschen Lehrer … mehr zugemutet werden (kann), an jüdische Schulkinder Unterricht zu erteilen. Auch versteht es sich von selbst, dass es für deutsche Schüler unerträglich ist, mit Juden in einem Klassenraum zu sitzen ...", hieß es in dem entsprechenden Runderlass.

Nun blieb für alle nur noch die Möglichkeit, Kinder auf jüdische Schulen zu schicken. Viele Schüler waren gezwungen zu pendeln oder die Woche über in jüdischen Familien in einer fremden Stadt zu wohnen wie z.B. Esther Cohn und ihre zwei Schwestern aus Offenburg: in ihrer Heimatstadt gab es keine jüdische Schule, deshalb musste die Mutter Familien in Freiburg finden, die sie unter der Woche aufnahmen – keine einfache Situation: die jüngste Tochter Eva war erst 8 Jahre alt, die älteste Tochter Esther durch eine Kinderlähmung behindert.

Mutige Lehrer

Das "Haus zur Sonne" in Worms: Jüdisches Gemeindehaus und Bezirksschule

Das "Haus zur Sonne" in Worms: Jüdisches Gemeindehaus, in dem am 2.5.1935 die jüdische Bezirksschule eröffnet wurde. 1936 war das Jahr mit der größten Schülerzahl: über 120 Schüler in vier Klassen.


Die wenigen jüdischen Lehrkräfte, die noch nicht emigriert waren, versuchten in diesen jüdischen Schulen ihr Bestes zu geben, den Kindern einen halbwegs normalen Schulalltag zu ermöglichen, um ihnen etwas Halt zu vermitteln – so wie die Wormser Lehrerin Herta Mansbacher, die 1933 als Jüdin aus dem staatlichen Schuldienst entlassen worden war und deshalb zur 1935 gegründeten jüdischen Schule in Worms wechselte. Als der Direktor und andere männliche Lehrkräfte in der Reichspogromnacht verhaftet wurden, sorgte sie als frühere Leiterin der Schule schon am nächsten Tag dafür, dass der Schulbetrieb in dem demolierten Gebäude so schnell wie möglich wieder aufgenommen werden konnte: Sie ließ sich nicht entmutigen, sondern sammelte bei den jüdischen Leidensgenossen in der Stadt Möbel, Bücher und Stifte für ihre Schule.

Angesichts der nach dem 9.11.1938 einsetzenden Massenflucht nahmen die Schülerzahlen ständig ab. So zählte die Wormser Schule im Februar 1939 nur noch 22, im September 1939 gerade einmal 15 Schüler. Hertha Mansbacher blieb bei "ihren" Kindern – bis zur Schließung der Schule im September 1941.

Das Aus für alle verbliebenen jüdischen Schulen im Reich kam im September 1942. Zum 1.7.1942 wurde jeglicher Unterricht – ob besoldet oder unbesoldet – verboten.

Schulkinder der jüdischen Schule Worms mit ihrer Lehrerin Herta Mansbacher vor dem Eingang der Frauensynagoge, 1937/1938

Schulkinder der jüdischen Schule Worms mit ihrer Lehrerin Herta Mansbacher vor dem Eingang der Frauensynagoge, 1937/1938


Von Angelika Schindler //