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Homosexuellen-Verfolgung "Die Befreiung von den Nazis kam erst 1969"

Eine Ausstellung in Freiburg beschäftigt sich mit der Verfolgung homosexueller Männer in Südbaden und dem von Deutschland besetzten Elsass. Interview mit ihrem Initiator William Schaefer.

Historische Ansicht des ehemaligen Landgerichts Freiburg, vor 1933.

Ehemaliges Landgericht Freiburg. Dort wurden in den Jahren 1933-45 neben vielen anderen Menschen ca. 180 - 190 Männer wegen § 175 verurteilt. Einige von ihnen kamen nach Verbüßung der Strafe ins KZ und wurden dort ermordet. Heute Amtsgericht, Holzmarkt.

Am 27.1. ist Holocaust-Gedenktag. Die Stadt Freiburg und der SWR veranstalten* einen Vortragsabend zur Verfolgung homosexueller Männer im Nationalsozialismus unter dem Motto des Paragraph 175, der die "Unzucht" zwischen Männern unter Strafe stellt. Dieser Paragraph galt bereits im Kaiserreich, was änderte sich ab 1933?
Auch ohne Gesetzesänderung haben die Nationalsozialisten ab der Machtergreifung mit der Verfolgung der Homosexuellen begonnen. In den Großstädten haben sie an bekannten Schwulentreffpunkten Razzien durchgeführt und die Schwulenkneipen geschlossen. Die ganzen Schwulenorganistaionen der Weimarer Zeit haben sich aus Furcht freiwillig aufgelöst und ihre Akten vernichtet damit ihre Mitgliederkarteien nicht den Nationalsozialisten in die Hände fallen.
Im Juni 1935 kam dann die Gesetzesänderung [der § 175 a] mit der Absicht, die Homosexualität auszulöschen. Bis dahin waren nur "beischlafähnliche Handlungen" strafbar, solche sind praktisch sehr schwer zu beweisen. Durch den Paragraphen 175 a war alles in diese Richtung strafbar: Blicke, eine Berührung, zu langes Händeschütteln. So stiegen ab 1935 die Verurteilungszahlen sprunghaft an.

Wie sah die Verfolgung Homosexueller im Nationalsozialismus aus?
In den Großstädten gab es Razzien, aber hier in Südbaden, wo es keine Schwulenkneipen und keine Infrastruktur gab, lief es meist über individuelle Anzeigen gegen einzelne Männer, viel über Denunziationen aus der Bevölkerung. Die Nationalsozialisten haben die Menschen dazu angehalten, alles zu melden: Nachbarn meldeten Nachbarn, Gastwirte zeigten Gäste an, in manchen Fällen, ganz unbegreiflich, auch Mütter, die ihre eigenen Söhne anzeigten. Gerade auf dem Land, in den Dörfern wo man sich kannte, gelangte auch der Tratsch zur Polizei.

Was passierte nach der Verurteilung mit den Männern?
Es ist schwer das allgemein zu sagen, die Schicksale waren oft sehr unterschiedlich. Normalerweise wurden die Männer angezeigt, verhaftet, vor Gericht gestellt, verurteilt und kamen dann ins Gefängnis oder Zuchthaus und mussten dort ihre Strafe absitzen. Die meisten kamen nach Verbüßung der Strafe aber auch wieder frei. Das ist aber nicht so glimpflich wie es zunächst klingt, denn für gewöhnlich bedeutete so eine Verurteilung Ausgrenzung, gesellschaftlichen und beruflichen Ruin. Die Männer wurden nach Entlassung unter besondere Beobachtung gestellt um zu verhindern, dass sie "rückfällig" wurden.
Einige kamen aber auch ins KZ. Das hatte viel mit dem Richter zu tun. Auch im Dritten Reich gab es für Richter einen gewissen Ermessensspielraum. Ein sehr kritischer Punkt kam noch nach der Verbüßung der Strafe, wenn die Kriminalpolizei oder in einigen Fällen auch die Gestapo zu entscheiden hatte: Entlassung oder nicht? Und wenn der Polizeibeamte gegen eine Entlassung entschied, hieß das meist KZ.

Im Centre Culturel Français Freiburg gastiert noch bis 22.2. eine Ausstellung über die Verfolgung homosexueller Männer in Frankreich und Baden.
Diese Ausstellung beschäftigt sich überwiegend mit der Verfolgung der Homosexuellen im Elsass. Dort galt der § 175 nach der Angliederung an den Gau Baden ab 1941 genauso wie im Rest des Reichs. Obwohl in ganz Frankreich unter der deutschen Besatzung Homosexuelle verfolgt wurden, ist das Elsass der Schwerpunkt weil dort die meisten Fälle bekannt sind. Die meisten Tafeln der Ausstellung sind auf Französisch, aber es gibt ein Begleitheft mit deutschen Übersetzungen. Am 1. Februar liest dort Manfred Burkhart aus dem Werk "Ich, Pierre Seel, deportiert und vergessen".

Historische Ansicht des ehemaligen Ledergeschäfts Müller in Freiburg

Ledergeschäft Müller. Hier wohnte und arbeitete Karl Müller, Jahrgang 1886. Er wurde verhaftet und wegen § 175 angeklagt. Aus Angst vor der Strafe erhängte er sich am 17.05.1942 während der Untersuchungshaft im Gefängnis von Freiburg. Das Geschäft stand dort, wo sich heute in der Kaiser-Josef-Straße Kaufhof befindet. Ab 12.2.2015 erinnert ein akustischer Stolperstein an ihn.



Zusammen mit der Rosa Hilfe haben Sie darauf hingearbeitet, dass 2010 in Freiburg die ersten Stolpersteine für homosexuelle Opfer des Nationalsozialismus gelegt wurden. Der SWR sendet am 12.2. einen akustischen Stolperstein für Karl Müller, können Sie uns etwas zu seinem Schicksal erzählen?
In Südbaden gibt es mittlerweile 10 Stolpersteine für homosexuelle Opfer, sechs davon in Freiburg, jeweils einen in Offenburg, Lahr, Konstanz und Überlingen.
Einen Stolperstein haben wir für Karl Müller gelegt, der sich 1942 im Gefängnis noch vor seinem Prozess erhängt hat. Er besaß in der damaligen Adolf-Hitler-Straße [heutige Kaiser-Josef-Straße] ein Ledergeschäft, über dem er wohnte. Im Stadtarchiv habe ich nach seiner Meldekarte gefragt, die gibt es nicht mehr, die Kartei wurde irgendwann „gesäubert“. Karl Müller hatte schon die sogenannte "freiwillige Entmannung" unterschrieben. Der Mann war etwa 60 Jahre alt und hat mit Gefängnis oder Zuchthaus und anschließen KZ gerechnet. Das war für ihn keine Lebensperspektive mehr.
Und es gibt noch viele Opfer, die ich nie finden werde, weil so viele Akten verschwunden sind.

Paragraph 175, auch in der verschärften Form von 1935, bestand nach 1945 weiter. Wie ist die Aufarbeitung bis heute verlaufen?
Kein Mensch der unter § 175 Verurteilten ist nach dem Krieg entschädigt worden.
Für die Justiz gab es keine Stunde 0. Sie hat weitergearbeitet als wäre nichts gewesen, der § 175 galt nach wie vor. Und bald ging die Verfolgung in der Bundesrepublik wieder los und steigerte sich in den 50er Jahren noch. Unter Adenauer sind zahlenmäßig mehr Männer verurteilt worden als unter Hitler. Der gleiche Staatsanwalt, die gleichen Richter, als wäre nichts gewesen. Die Urteile aus der Nazi-Zeit wurden am 17.5. 2002 aufgehoben, nicht aber spätere Urteile, obwohl es das gleiche Gesetz war.
Erst ab 1969 war der einvernehmliche Sex zwischen erwachsenen Männern nicht mehr strafbar. Man kann sagen, dass erst dies die Befreiung der Homosexuellen von den Nazis war, nicht das Kriegsende.


Das Interview führte Friedrich Dunkel, Januar 2015 //


*) Die Ausstellung "NS-Verfolgung homosexueller Männer in Frankreich und Baden" fand vom 16. Januar bis zum 22. Februar 2015 im CCFF, Kornhaus, Münsterplatz 11 in Freiburg statt.