Bitte warten...

Entrechtet und entwürdigt Homosexuellen-Verfolgung

Ein Großteil der Homosexuellen wurde in der Zeit des Nationalsozialismus denunziert. Durch Hinweise Dritter gerieten sie in das Netz von Gestapo und Kriminalpolizei, wurden verhaftet und eingesperrt.

Homosexuelle Handlungen zwischen Männern standen in Deutschland von 1871 bis 1994 unter Strafe (§ 175 des Strafgesetzbuchs). Von 1871 bis zum Juni 1935 musste für eine Strafverfolgung eine beischlafähnliche Handlung nachgewiesen werden.

Die Nationalsozialisten stellten homosexuelle Männer als "Volksschädlinge", "gefährliche Gewohnheitsverbrecher", "Staatsfeinde" und "bevölkerungspolitische Blindgänger" dar, die es zu bekämpfen und aus der "gesunden Volksgemeinschaft auszumerzen" galt. Viele Deutsche teilten diese Meinung offenbar, denn ein Großteil der Homosexuellen geriet durch Denunziationen in das Netz von Gestapo und Kriminalpolizei.

Am 28.6.1935 wurde das Strafrecht verschärft (§ 175, § 175a), sodass bereits ein begehrlicher Blick oder eine Körperberührung für eine Verurteilung ausreichten: Eine sexuelle Handlung musste nicht mehr nachgewiesen werden. Nach § 175a konnten homosexuelle Handlungen zwischen einem Mann von über 21 Jahren mit einer männlichen Person von unter 21 Jahren und u.a. auch männliche Prostitution mit einer Zuchthausstrafe bis zu zehn Jahren geahndet werden. Polizei und Justiz sollten eine "Verführung" heterosexueller Männer verhindern, um das Volk "rein" zu halten.

Insgesamt wurden in der NS-Zeit rund 54 000 Männer nach § 175 und/oder § 175a zu Gefängnis und Zuchthaus verurteilt bzw. in Anstalten eingewiesen. Das ging fast immer einher mit der Zerstörung sozialer Existenzen (Verlust von Arbeitsplatz, Wohnung und Eigentum, Entzug der Approbation, Aberkennung akademischer Titel).

Viele Beschuldigte entzogen sich vor oder während des Verfahrens durch Selbstmord der Verurteilung. Die Männer wurden nicht nur strafrechtlich verfolgt, sondern auch in Konzentrationslager oder Tötungsanstalten eingewiesen und dort ermordet oder zur "freiwilligen" Kastration gezwungen.

Der Zusammenbruch des NS-Regimes beendete die Verfolgung der Homosexuellen keineswegs. Der verschärfte § 175 galt weiter in den Besatzungszonen und später in der Bundesrepublik Deutschland. Von 1949 bis 1969 wurde gegen ca. 100 000 homosexuelle Männer ermittelt. In etwa der Hälfte der Fälle kam es zu Verurteilungen.

Erst 1969, 24 Jahre nach Kriegsende, wurden gleichgeschlechtliche Handlungen zwischen erwachsenen Männern (damals über 21 Jahre) straffrei.

Weibliche Homosexualität stand nicht unter Strafandrohung, wenngleich sie sich strafverschärfend auswirkte, wenn Fragen wegen anderer Delikte auffällig geworden waren.


Von Beate Meyer, Bernhard Rosenkranz und Ulf Bollmann //


Artikel aus:
Susanne Lohmeyer: Stolpersteine in Hamburg-Eimsbüttel und Hamburg-Hoheluft-West. Biographische Spurensuche. Herausgegeben von Dr. Rita Bake und Dr. Beate Meyer, Landeszentrale für politische Bildung Hamburg, Hamburg 2012 Bd2, S. 588f