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Freiburg Fanny Grötzinger: Die Angst bleibt ein ständiger Begleiter

Stolperstein am Goetheplatz 1

Renate Lais ist 14 Jahre alt, als ihre jüdische Großmutter Fanny Grötzinger am 22.10.1940 nach Gurs deportiert wird. Ihre Mutter, in so genannter "Mischehe" lebend, wird an diesem Tag verschont. Aber die Angst, wen es als nächsten in der Familie trifft, bleibt ein ständiger Begleiter.

Fanny Grötzinger mit ihrer Enkeltochter Renate

Fanny Grötzinger mit ihrer Enkeltochter Renate, ca. 1930

Kurzbiografie:

Fanny Grötzinger (*7.10.1863) war mit einem Fabrikanten verheiratet. Das Ehepaar hatte fünf Kinder, drei verloren ihr Leben noch als Kleinkinder, ein Sohn starb als junger Mann. Nur die Tochter Martha überlebte. Fanny Grötzinger wohnte mit ihr und ihrer Familie am Goetheplatz. "Sie war eine stolze und sehr intelligente Frau; jemand, der nie jammerte", erinnert sich ihre Enkelin Renate Lais. "Erst als ich selber erwachsen war, habe ich verstanden, was ich da für einen Schatz an dieser Großmutter hatte". Am 22.10.1940 wurde sie verhaftet und in das französische Internierungslager Gurs deportiert, später in das Lager Noé verlegt. 1943 starb sie dort an einer Lungenentzündung.


Blick auf die Fassade des Hauses Fanny Grötzinger Goetheplatz 1

Hier wohnte Fanny Grötzinger

Bericht vom 2.11.40

Am Dienstag vor 8 Tagen, dem 22.Oktober, erschienen morgens um zehn Uhr ein Hilfspolizist und ein nicht uniformierter Kriminalbeamter in meiner Wohnung. Sie erklärten, daß sie Befehl hätten, alle nicht arisch verheirateten Juden zu verhaften, daß diese innerhalb einer Stunde das Notwendigste an Kleidern, Wäsche und Essen (dies für 8 Tage) in einen Koffer packen müssten, den sie selbst tragen könnten. Meine Frau könne hier bleiben meine Schwiegermutter müsse mit.

Alle Einwendungen und Bitten waren vergebens.

Ich rief Renate von der Schule heim. Um 11 Uhr wanderten meine Frau, Renate und die Großmutter zum Annaplatz, wo einer der Sammelplätze war. Etwa um 12 Uhr wurden die Juden in Autos verladen und in eine der alten Eisenbahnwerkstätten an der Bahn, in der Wenzingerstraße gebracht. Von dort wurden sie abends auf den Bahnsteig transportiert. Der erste Transportzug konnte nicht alle fassen.

Meine Schwiegermutter gehörte zu den Zurückgebliebenen, in der Nacht wurden diese und andere inzwischen Verhaftete in der Turnhalle der Stühlinger Schule untergebracht, wo sie auf Bänken schliefen oder weinend wachten. Am Vormittag des Mittwochs konnte meine Frau ihre Mutter noch einmal in der Turnhalle besuchen und ihr einiges bringen, was in der Eile vergessen worden war.

Als wir am Nachmittag noch einmal dorthin gingen, war die Turnhalle leer.

Die Gefangenen waren inzwischen wieder in das Haus in der Wenzingerstraße gebracht worden. Als wir dort ankamen, stand und saß die lange Kolone der Unglücklichen bereits auf dem Bahnsteig. Man geruhte, mir und meiner Frau die Erlaubnis zu erteilen, die Schwiegermutter nochmals auf dem Bahnsteig zu besuchen. Von einer Polizistin eskortiert gingen wir zu ihr…

Seit jenem Zeitpunkt wissen wir nichts von ihr.

Augenblicklich seien die Gefangenen über Mülhausen in das unbesetzte Frankreich geschafft worden. Alle Schritte, die wir unternahmen, die 77-jährige Frau zurück zu bekommen, sind erfolglos geblieben. Man hat aus Freiburg über 90-jährige Juden fortgeführt, man hat die, die nicht gehen konnten, auf Bahren in den Zug getragen.

Man hat vor Krüppeln nicht Halt gemacht, denen im Weltkrieg eine Fliegerbombe ein Bein abgeschlagen hatte, und die auf einem Holzbein nun ins Ungewisse wandern mussten,

man hat Schwerkriegsbeschädigte und die Träger höchster Auszeichnungen des Weltkrieges nicht verschont. In Freiburg hat die Witwe des Professor L., bei dem ich noch Mathematik gehört hatte, sich durch Öffnen der Pulsadern der irdischen Ungerechtigkeit entzogen, Herr F. und ein anderer Jude haben anders (Anm. der Redaktion: auf andere Weise wie die Witwe) Selbstword begangen.

In Mannheim haben sich von den 2000 Juden, die noch da waren, 400 mit Gas ums leben gebracht. In Offenburg wurde ein Kind, noch nicht im Alter meiner Renate, fortgeschleppt. Es war in der jüdischen Religion erzogen worden. Sein Vater ist Katholik und steht z.Zt. im Feld, seine Mutter ist Jüdin; sie wurde zurückgelassen.
Die Aktion erstreckte sich auf Baden und die Pfalz. Überall ist die Empörung allgemein.

Die Menschen stehen mit toternsten Gesichtern beisammen;

nähert man sich ihnen, so hören sie auf mit reden. Es gibt auch andere, völlig vertierte. Die Schwester eines Bekannten sagte mir tröstend: "Wissen Sie, davon weiss der Führer nichts!"

Es gibt nur zwei Dingen, mit denen man den armseligen  Rest seines Lebens noch ausfüllen kann.
Sie heissen  Arbeit und Hass. Möge Ihr Leben von so furchtbarem Geschehen  verschont bleiben möchten Sie aber auch nicht der Dumpfheit und Stumpfheit verfallen mit der die heutigen jungen Menschen fremdes Leid sich für ihren Augen erfüllen sehen und sich dadurch zu Mitschuldigen machen.

Juni 1942

Gerade jetzt findet wieder eine Aktion ähnlich der statt, der meine Schwiegermutter vor 1 ½ Jahren zum Opfer gefallen ist. Da auch gute Bekannte und ein Verwandter meiner Frau betroffen sind, und sie so garantiert helfen kann, wir alles Leid von damals wider neu. Man kann seine einzige Freude nur noch in der Arbeit, im Schauen der schönen Natur und im Bewusstsein finden, dass man treue Freunde hat.