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80 Jahre Novemberpogrome Die Reichspogromnacht 1938

Im November 1938 setzen die Nationalsozialisten einen Gewaltexzess gegen jüdische Menschen und Einrichtungen in Gang. Propagandistischer Aufhänger dafür ist die mutmaßliche Erschießung des deutschen Botschafters Ernst vom Rath in Paris durch den Juden Herschel Grynszpan. Auch in Baden-Württemberg kommt es zu Zerstörung und Gewalt.

Blick auf die schneebedeckte zerstörte Synagoge in der Hindenburgstraße 44, nach dem 09./10.11.1938.

Zerstörte Synagoge in Mainz

Die Nacht der brennenden Synagogen

Am 9. November 1938 feiert Adolf Hitler mit Spitzen der NSDAP in München den Jahrestag des missglückten Hitlerputsches von 1923. Gegen Abend trifft die Nachricht vom Tode Ernst vom Raths ein. Zwei Tage zuvor war der deutsche Botschafter in Paris von einem 17-jährigen Juden angeschossen und schwer verletzt worden.

Was folgt ist ein vom nationalsozialistischen Regime organisierter und gelenkter Gewaltausbruch gegen jüdische Menschen und Einrichtungen im ganzen Land. Jüdische Geschäfte, Schulen, Waisenhäuser werden angezündet, Wohnungen geplündert. Synagogen gehen in Flammen auf.

Zerstörtes jüdisches Geschäft in Magdeburg(nach "Reichskristallnacht" am 9.11.1938

Zerstörtes jüdisches Geschäft.

Dutzende jüdische Bürger werden von Schlägerbanden der SA und SS ermordet. Tausende Juden verlieren ihre Existenzgrundlage. Am Morgen des 10. November sind über 30.000 Juden verhaftet, viele wurden in den Tod getrieben. Der angebliche spontane Volkszorn ist in Wirklichkeit ein kalkuliert geplantes Pogrom gegen das jüdische Volk.

Das Attentat als Vorwand

Herschel Seibel Grynszpan

Herschel Seibel Grynszpan

Am Morgen des 7. November 1938 betritt der 17-jährige Herschel Grynszpan die deutsche Botschaft in Paris. Er schießt den höheren Beamten der deutschen Botschaft, Legationssekretär Ernst vom Rath, in dessen Büro fünf Mal in den Bauch. Vom Rath wird schwerverletzt in ein Krankenhaus gebracht.
Herschel Grynszpan, der Sohn polnisch-jüdischer Eltern, ist in Hannover aufgewachsen, dann aber flieht er vor den zunehmenden Repressalien des NS-Regimes nach Paris. Im November 1938 erfährt er dort, dass die Nationalsozialisten seine Eltern und Geschwister nach Polen verschleppt haben. Der junge Mann, empört über die immer dreisteren Gewaltakte in Deutschland, fasst den Entschluss zu der folgenschweren Tat.

Nach dem Attentat schickt Adolf Hitler seinen Leibarzt Karl Brandt nach Paris. Am Morgen des 8. November sieht er Ernst vom Rath zum ersten Mal. Nach Brandts Besuch verschlechtert sich der Gesundheitszustand des Patienten. Vom Rath stirbt am Nachmittag des 9. November. Die genauen Vorgänge des 9. Novembers sind bis heute umstritten. Einiges spricht dafür, dass die Nationalsozialisten den Tod des Botschaftsangestellten billigend in Kauf genommen, wenn nicht sogar forciert haben. Das Attentat war für das NS-Regime ein willkommener Anlass für Übergriffe auf die Juden im Reich.

Entrechtung der Juden vor 1938

Tatsächlich haben die Nationalsozialisten nach der Machtübernahme Adolf Hitlers 1933 jüdische Mitbürger Schritt für Schritt aus dem öffentlichen Leben gedrängt.

SA - Mitglieder kleben an das Schaufenster eines Berliner jüdischen Geschäfts ein Schilder mit der Aufschrift "Deutsche, wehrt euch, kauft nicht bei Juden"

Boykott der Nationalsozialisten gegen jüdische Geschäfte in Deutschland.

Die Nationalsozialisten propagieren eine rassistische Weltsicht. Ihre judenfeindliche Politik drückt sich in Gesetzen und Verordnungen ebenso aus wie in so genannten "Maßnahmen". Reichspropagandaminister Joseph Goebbels ruft zum Boykott jüdischer Geschäfte auf. Mit dem "Reichsbürgergesetz" und dem "Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre" vom 15. September 1935 schaffen die Nationalsozialisten die Grundlage dafür, die Rechte der Juden immer mehr einzuschränken. Jüdische Beamte werden entlassen, Ärzten wird die Approbation entzogen, Anwälte dürfen nicht mehr praktizieren. Diskriminierungen, Misshandlungen und Verhaftungen sind an der Tagesordnung. Ein großer Teil der jüdische Bevölkerung versucht auszuwandern. Die Reichspogromnacht markiert den vorläufigen Höhepunkt antisemitischen Terrors in Deutschland.