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SWR2 Buch der Woche vom 06.06.2016 Stefan Fischer: Im Irrgarten der Bilder

Die Welt des Hieronymus Bosch

Vor 500 Jahren starb Hieronymus Bosch – einer der einfallsreichsten und sonderbarsten Maler der frühen Neuzeit. Jetzt erklärt der große deutsche Bosch-Kenner Stefan Fischer das Werk des niederländischen Malergenies. Er hat nicht nur einen großen Bildband zu Boschs Gesamtwerk herausgegeben, sondern auch eine umfassende Studie dazu angefertigt. "Im Irrgarten der Bilder" heißt das kenntnisreiche und tiefgründige Werk.

Buchcover - Stefan Fischer: Im Irrgarten der Bilder. Die Welt des Hieronymus Bosch

Buch

Stefan Fischer

Im Irrgarten der Bilder. Die Welt des Hieronymus Bosch

Verlag:
Reclam Verlag
Länge:
237 Seiten
Preis:
34,95 Euro
Bestellnummer:
978-3-15-011003-4

4:23 min

Mehr Info

Buch der Woche am 06.06.2016

Stefan Fischer: Im Irrgarten der Bilder

Carmela Thiele

Die Welt des Hieronymus Bosch <br />Reclam Verlag <br />237 Seiten <br />34,95 Euro

Boschs rätselhafte Bilder

Wenn es einen populären Maler des Spätmittelalters gibt, dann ist es Hieronymus Bosch. Bis heute geben seine Bilder Rätsel auf. Mal wurden seine fantastischen Mischwesen für Produkte der Endzeitstimmung um 1500 gehalten, andere verstanden den Niederländer als Vorfahren der Surrealisten. Zum 500. Todestag von Hieronymus Bosch fand/findet dieses Jahr (bis 5. Mai in 's-Hertogenbosch, ab 31.5. im Prado, Madrid) eine wohl einzigartige Ausstellung statt, die das komplette Schaffen des Meisters, rund 20, zum Teil mehrteilige Werke und 9 Zeichnungen, vereinigt. Im Vorfeld hatten die Leihgeber, Museen in New York, Madrid, Venedig und Paris, gemeinsam ein Projekt zur Restaurierung der einzigartigen Tafeln auf den Weg gebracht und die Ergebnisse der technischen Untersuchungen veröffentlicht. Aus Anlass des 500. Todestags sind auch in Deutschland mehrere Publikationen zum Thema erschienen. Dazu gehört die kompakte Studie von Stefan Fischer.

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Die Bilderwelt des Hieronymus Bosch

Schrecklich oder schön? Schrecklich schön!

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Königin Letizia I. von Spanien (vorne im Bild) betrachtet eines der Hauptwerke von Hieronymus Bosch, "Der Garten der Lüste", im El Prado Museum in Madrid.

Königin Letizia I. von Spanien (vorne im Bild) betrachtet eines der Hauptwerke von Hieronymus Bosch, "Der Garten der Lüste", im El Prado Museum in Madrid.

"Das himmlische Paradies" auf der Mitteltafel ist wie das gesamte Tryptichon "Der Garten der Lüste" vermutlich um 1500 entstanden.

Bosch zeichnet hier ein Bild davon, wie er sich offenbar ein ideales Paradies vorstellte, in dem Mensch und Tier in Frieden und in Freude miteinander leben.

In einem "Garten der Lüste" haben Liebe und sogar Erotik ganz selbstverständlich ihren Platz. Beispielsweise überdimensionale Früchte dienen Bosch hierfür als sprechende Symbole.

Aber Hieronymus Bosch wurde nicht berühmt für Romantik oder Wohlfühl-Idylle. Seine "andere" Seite lernt der Betrachter spätestens beim Anblick des rechten Nebenflügels kennen - wie hier in der Berliner Multimedia-Ausstellung "Bosch Alive" in der Alten Münze, Berlin, in der ein Besucher das Motiv "Baummensch" fotografiert.

Die Darstellung der Musikinstrumente in "Die Hölle" haben dafür gesorgt, dass der rechte Flügel des Tryptichons "Der Garten der Lüste" auch "Die musikalische Hölle" oder "Musikantenhölle" genannt wird. Zwischen zwei überdimensionalen Ohren steckt ein Messer, die Ohren werden von einem Pfeil durchbohrt.

Nicht umsonst hält sich einer der Gefolterten die Ohren zu. Aber in der "Musikantenhölle" wird nicht nur mit Höllentönen gequält: Ein Mensch ist in die Saiten einer Harfe eingespannt, ein anderer wird von einer großen Flöte niedergedrückt. Ein Mensch liegt unter einer Laute, das Hinterteil mit Noten beschrieben, nach denen die Umstehenden unter Anleitung eines Dämons singen müssen.

Bosch oder die Strebebogenfiguren - keiner weiß, wer zuerst "da" war. Anregung für seine Fabelwesen hätte sich Hieronymus Bosch in seinem Heimatort jedenfalls sehr gut holen können: Die St.-Johannes-Kathedrale in 's-Hertogenbosch ist eine spätgotische, reich geschmückte Kirche, die zwischen 1380 und 1520 erbaut wurde. Einmalig in den Niederlanden ist der doppelte Strebebogen und einmalig in der Welt sind die 96 Strebebogenfiguren. Die können 2016 bei Kirchenführungen ausnahmsweise besichtigt werden.

's-Hertogenbosch hat seinem berühmtesten Bürger 2016 eine besondere Ausstellung im Het Noordbrabants Museum gewidmet. Willem-Alexander, König der Niederlande, lässt sich von Kurator Matthijs Ilsink das "Weltgerichtstryptichon" erklären.

Es besteht aus drei Tafeln, und stellt von links nach rechts "Das Paradies", "Das Weltgericht" und "Die Hölle" dar. Wenn auch nichts für schwache Nerven, am originellsten ist sicher der Mittelteil.

Neben den Fabelwesen mit Tierkopf und Menschenkörper werden im "Weltgericht" auch menschliche Figuren in besonderer Weise dargestellt: so genannte "Kopf-Füßler".

Diese menschenähnlichen Wesen bestehen in der Regel nur aus Beinen oder Füßen und einem Kopf beziehungsweise kopfähnlichen Gebilde. Offenbar sind die "Kopf-Füßler" in den Weltgerichts-Bildern früherer Maler nicht bekannt, sind also typisch Bosch.

Bosch greift jedenfals auch auf beliebte Motive früherer Weltgerichts-Bilder zurück: In seinen Bildern wimmelt es von dämonischen Folterknechten und Verdammten, Engel und Heilige sind, wenn überhaupt - übrigens im wortwörtlichen Sinne -, Randfiguren.

Immer wieder transportieren Boschs Werke ernste Botschaften, die nicht zwangsläufig christlich, sondern universell und zeitlos zu verstehen sind. "Die sieben Todsünden" und "Die vier letzten Dinge" zählen zu den insgesamt 20 Gemälden und acht Zeichnungen, die eindeutig Hieronymus Bosch zugeordnet werden können. Im Zentrum der Platte steht das Rundbild mit dem Auge Gottes und Jesus Christus in der Pupille. Zu sehen im Museum El Prado in Madrid.

Das El Prado Museum in Madrid zeigt aber nicht nur die realen Exponate an sich, sondern als Teil einer Show auch schon mal in überdimensionaler Größe: in der Multimedia-Ausstellung "Infinite Garden". Bosch im XXL-Format gibt's aber auch in der Alten Münze Berlin, in der Ausstellung "Bosch Alive".

Hieronymus Bosch als Außenseiter

Aus heutiger Perspektive erscheint der Maler Hieronymus Bosch als krasser Außenseiter. Während andere Künstler wie Albrecht Dürer um 1500 den Körper des Menschen, und damit das Individuum, als Motiv entdeckten, entwarf Bosch in seinen Altarbildern eine komplexe Form der Moralsatire. Die Renaissance in Italien interessierte ihn nicht. Er hatte Vergnügen an fantastischen Mischwesen, wie sie bereits in mittelalterlichen Schriften wie der Legenda Aurea beschrieben wurden oder die Kapitelle der Kathedralen schmückten. Doch ging der Maler weit über solche Vorbilder hinaus.

Porträt von Hieronymus Bosch um 1570 von Cornelis Cort (1533-1578)

Porträt von Hieronymus Bosch um 1570 von Cornelis Cort (1533-1578)

Ein geistreicher Zeitgenosse

Dabei kam ihm nicht nur seine außergewöhnliche Vorstellungskraft zugute, sondern auch seine profunde Schulbildung. Dies ist der Kerngedanke der neuen Hieronymus-Bosch-Monografie des Kunsthistorikers Stefan Fischer, ein die als handliches Hardcover mit zahlreichen Farbabbildungen daherkommt. Der Autor hat sich intensiv mit der Laienbildung, der religiösen Prägung der Stadtkultur und der christlichen Bildrhetorik in Nordbrabant während des Spätmittelalters befasst. Hieronymus Bosch erscheint nun in völlig anderem Licht: als gelehrter, geistreicher und witziger Zeitgenosse, der im Sinne des Frühhumanismus die Menschen zum eigenständigen Denken anregen wollte.

Erste Aufträge im Elite-Netzwerk

Mitteltafel des Tryptichons &quot;Der Garten der Lüste&quot; von Hieronymus Bosch

Der Ausschnitt entstammt der Mitteltafel des Tryptichons und zeigt ein Stück von "Das himmlische Paradies". Vermutlich ist es um 1500 entstanden.

Jheronimus van Aken, genannt Jereon, wurde zwischen 1450 und 55 als dritter Sohn des Malers Antonius van Aken in 's-Hertogenbosch geboren. Die Familie lebte seit seinem zwölften Lebensjahr in einem kleinen, bescheidenen Haus, das noch abbezahlt werden musste, wie ein historisches Dokument verrät. Richtig bergauf ging es für Jereon erst, als er 1480 die Patriziertochter Aleid van der Mervenne heiratete und fünf Jahre später in die Liebfrauenbruderschaft aufgenommen wurde, in der sie schon lange Mitglied war. Seine ersten Aufträge standen in Zusammenhang mit diesem Elite-Netzwerk, vor allem dessen Kapelle in der Kathedrale Sint-Jan.
Seinen Durchbruch als Maler erlebte Hieronymus Bosch erst im reifen Alter von 40 Jahren mit einer "Anbetung Christi", die eine Antwerpener Stifterfamilie in Auftrag gegeben hatte. Besonders die Grisaille auf den Außenflügeln des Altarbildes, eine in verschiedenen Grau- und Brauntönen gemalte "Gregorsmesse", ist laut Fischer ein innovatives, hochkomplexes Werk, das die Lektüre der in den Klöstern seiner Heimatstadt verfügbaren theologischen Schriften vorausgesetzt habe.


Fantastische Mischwesen und aberwitzige Gestalten

Szenenausschnitt aus dem &quot;Weltgericht&quot;-Tryptichon von Hieronymus Bosch

Szenenausschnitt aus dem "Weltgericht"-Tryptichon von Hieronymus Bosch

Die fantastischen Mischwesen, für die Hieronymus Bosch heute bekannt ist, dominieren erst seine späteren Werke, den "Garten der Lüste" oder die "Versuchung des heiligen Antonius". Allgegenwärtig sind die personifizierten Todsünden und menschlichen Laster. Eine Fülle aberwitziger Gestalten, nicht Tier, nicht Mensch, nicht Gegenstand, begleiten den Heiligen auf seinen Lebensstationen. Da ist etwa der Vogel mit Schlappohren auf Schlittschuhen und einem Trichter auf dem Kopf. Der umgekehrte Trichter stand für Trunksucht, die Schlittschuhe für das Glatteis, auf das man sich sprichwörtlich begeben kann. Doch ging Bosch noch einen Schritt weiter, wie Fischer überzeugend deutlich macht. So imitiert bei Bosch das Schlechte, die Mischwesen, das Gute; der bizarr kostümierte Vogel trägt – wie ein treuer Staatsdiener – die Anklageschrift des Antonius im Schnabel.

Zugang zu einem breiten Publikum

Dr. Stefan Fischer

Dr. Stefan Fischer, Hieronymus-Bosch-Biograph

Der Autor macht deutlich, dass Hieronymus Bosch sowohl Stilformen der Rhetorik, als auch der Lyrik in seinen Bilderfindungen verarbeitet haben muss. Aber auch eine kräftige Prise Humor durfte offenbar nicht fehlen. Heute würde man von einer Mischung von "High und Low" sprechen, die den Erfolg seiner Kunst ausmachte. Mit den derben Folterszenen, sowie Illustrationen von Sprichwörtern und Redensarten erreichte er ein breites Publikum. Die Metaebene seiner Werke, das Spiel mit den unterschiedlichen Stil-lagen und Stilformen, stellte hingegen seine anspruchsvolle Klientel zufrieden. Bosch gehörte gerade beim Hochadel zu den gefragtesten Künstlern seiner Zeit. Sein Werk wurde vielfach kopiert und wirkte stilbildend.
Stefan Fischer gibt einer sagenumwobenen Künstlerpersönlichkeit Gestalt und entwirft ein spannendes Panorama des Spätmittelalters. Eine einfache Lektüre erwartet den Leser allerdings nicht. Das Buch entpuppt sich als gekürzte und überarbeitete Doktorarbeit des Autors aus dem Jahr 2009. Wer die irrwitzigen Mikrowelten des malenden Visionärs ganz auskosten möchte, dem sei der bei Taschen erschienene neue Bildband zu Hieronymus Bosch empfohlen. Autor ist ebenfalls: Stefan Fischer.

Ausstellung im Museo del Prado, Madrid
"Bosch. The 5th Centenary Exhibition"
vom 31.05.2016 bis zum 11.09.2016

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