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Weltersteinspielung von Telemanns Reformations-Oratorium unter Reinhard Goebel Klangschön intonierendes Ensemble

CD-Tipp vom 26.5.2017

CD-Cover Telemann

CD

Titel:
Telemann | Reformations-Oratorium 1755
Interpret:
Mühlemann • Johannsen • Appl • MacLeod | Chor des Bayerischen Rundfunks | Bayerische Kammerphilharmonie | Reinhard Goebel
Label:
Sony Classical 88985373872

Verdienstvolle Ausgrabung

Das A und O beim Liedgesang ist die Textverständlichkeit. Aber dieses Gebot gilt genauso für die protestantische Kirchenmusik, denn bei der reformatorischen Konfession steht ja bekanntlich das Wort im Mittelpunkt. So auch in Georg Philipp Telemanns Reformations-Oratorium, das Reinhard Goebel gerade als Weltersteinspielung vorgelegt hat. Diese Ausgrabung ist durchaus verdienstvoll und kommt zur rechten Zeit: Schließlich ist 2017 ein Telemann-Gedenkjahr – der Komponist starb vor 250 Jahren, am 25. Juni 1767. Ganz abgesehen davon, dass wir gerade ein halbes Jahrtausend Reformation feiern und uns mitten im Luther-Jahr befinden.

Aber auch unabhängig von solchen Eckdaten ist Goebels neueste CD, die er mit dem Chor des Bayerischen Rundfunks und der Bayerischen Kammerphilharmonie aufgenommen hat, eine gute Tat. Denn sonst wüssten wir doch gar nicht, dass Telemann einen so unorthodoxen Chorsatz wie „Um deinetwillen werden wir getötet“ geschrieben hat. Das ist eine ungewöhnliche Klangsprache: Passend zum Text, der die Gläubigen mit Schlachtschafen vergleicht, komponiert Telemann im langsamen Einleitungsteil chromatische Linienführungen mit avancierten harmonischen Rückungen, ehe sich die düstere Atmosphäre in barock jubelnde Glaubenszuversicht auflöst.

Eigenwilliges Werk

Telemanns Oratorium „Holder Friede, heil’ger Glaube“ ist ein eigenwilliges Werk, auch was die Dramaturgie angeht. Es gibt keinen Erzähler, also keinen Evangelisten, der eine Handlung referiert, sondern vier Solisten als Allegorien für den Frieden, die Andacht, die Religion und die Geschichte. Dieser Zuschnitt hat mit dem Entstehungsanlass zu tun: Telemann schuf das Werk 1755 als Festmusik zur 200-Jahr-Feier des Augsburger Religionsfriedens, der eine Koexistenz von Luthertum und Katholizismus ermöglichte. Deshalb beginnt das Oratorium auch nicht mit einer Ouvertüre oder einem großen Chor, sondern mit einem munteren Duett zwischen dem Frieden und der Religion. Wenn man nicht wüsste, worum es sich hier handelt, dann würde man vielleicht eher auf ein deutsches Singspiel tippen, in dem sich die beiden Protagonisten gerade ihrer Liebe versichern – aber gewiss nicht auf das geistliche Reifewerk eines bald 70-jährigen barocken Meisters.

Polystilistisches Sammelsurium

Telemann ist also erstaunlich jung geblieben und überhaupt nicht rückwärtsgewandt, eher scheint er seiner Zeit voraus zu sein. Und doktrinär ist er auch nicht. Sein Reformations-Oratorium ist vielmehr ein polystilistisches Sammelsurium, das mal Heinrich Schütz anklingen lässt, dann choralartige Abschnitte bereithält und schließlich sogar dem ganz neuen, aufkommenden Stil der Empfindsamkeit huldigt. Reinhard Goebel ist ein kompetenter Anwalt für diese Musik, auch wenn seine Telemann-Interpretation inzwischen nicht mehr ganz so sehr unter Strom steht wie noch in seinen früheren Jahren. Dafür hat er mit dem Österreicher Daniel Johannsen einen sensibel singenden Tenor im Ensemble und mit dem Chor des Bayerischen Rundfunks ein kultiviert, präzis und klangschön intonierendes Ensemble.

Bereicherung für den Plattenmarkt

Mit seiner Weltersteinspielung hat Reinhard Goebel, der unermüdliche Schatzgräber und Telemann-Pionier, den Plattenmarkt bereichert hat. Es gibt also noch immer viel zu entdecken bei diesem Komponisten.

CD-Tipp vom 26.5.2017 aus der Sendung „SWR2 Treffpunkt Klassik – Neue CDs“

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Im Programm

Louis Spohr:
Notturno C-Dur op. 34
Zefiro
Antonio Vivaldi:
Konzert F-Dur RV 551
Adrian Iliescu, Satoko Koike, Sini Simonen (Violine)
Kammerorchester Stuttgart
Leitung: Ariadne Daskalakis
Emmanuel Séjourné:
"Departures"
Katarzyna Mycka, Franz Bach (Marimbafon)
Antonín Dvořák:
Slawischer Tanz C-Dur op. 46 Nr. 1
SWR Rundfunkorchester Kaiserslautern
Leitung: Jiri Stárek

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