SWR2 Wissen Wie wird mein Kind klug?

Aus der 5-teiligen Reihe: Erziehung heute (1)

Chinesisch-Kurs und Klavier-Stunden – viele Eltern wollen ihre Kinder möglichst früh und möglichst gut fördern. Doch Kinder wissen selbst am besten, wie man die Welt entdeckt.

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Der Züricher Kinderarzt Professor Remo Largo hat über drei Jahrzehnte für die so genannten Züricher Longitudinalstudien das Heranwachsen Hunderter Kinder untersucht. Seine Erziehungsbücher wie „Babyjahre“ oder „Kinderjahre“ sind Standardwerke, sie vermitteln Eltern die kindliche Entwicklung. Largo rät zuallererst zu Entspannung im Tanz um das Kind.

Eltern möchten heute gern den Erfindungsgeist und den Bewegungsdrang unterstützen. Sie spornen ihre Kinder zu mehr an und melden sie schon mit Drei im Sportverein an. Sie suchen Kitas mit Fremdsprachenangebot. Die musikalische Früherziehung boomt. Familienausflüge werden zu Erziehungs-Projekten. Fördern und fordern heißt die Maxime vieler Eltern. Doch manche übertreiben es. Und wieder andere leiden darunter, dass sie nicht die Möglichkeiten dazu haben. Diese Eltern können sich zurück lehnen, sagt Remo Largo. Selbst Musik führe nicht zu einer Intelligenzsteigerung, das haben Studien gezeigt.

Drei  Kleinkinder mit Spielzeug (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
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Jesper Juul ist ein dänischer Familientherapeut, der zahlreiche Erziehungsratgeber veröffentlicht hat. Einer seiner bekanntesten trägt den Titel: Das kompetente Kind". Er plädiert für "erwachsenenfreie" Zonen für Kinder. Kinder würden sich gerne unsichtbar machen, sich zurückziehen und verstecken.

Jesper Juul plädiert ähnlich wie Remo Largo seit vielen Jahren für mehr Gelassenheit in der Erziehung. Eltern haben heute oft das Gefühl, die Kinder zu sehr „sich selbst zu überlassen“. Das fällt ihnen schwer. Entwicklungsforscher dagegen bestätigen: Sie können Ihrem Kind und seinem Lernwunsch ruhig vertrauen!

Kinder lesen Buch (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
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Raum geben und ein Umfeld schaffen, in dem ein Kind selbstbestimmt lernen kann. Damit sich zum Beispiel Muttersprache ausbildet, ist Vorlesen, Zuhören und miteinander Reden nötig. Das ist vielen Eltern bereits klar. Manche geben diese Aufgabe aus Unsicherheit, aus Zeitmangel oder wegen anderer Nöte an Kindergarten und Schule ab – andere überfrachten ihren Nachwuchs aus eigenem Antrieb. Das Lernen in der Kindheit soll dann einerseits nur in den Institutionen stattfinden oder gerät andererseits zum Dauer-Programm. Dem kindlichen Lernen wird beides nicht wirklich gerecht. Findet auch Philosoph Christoph Quarch. Er hat zusammen mit dem Hirnforscher Gerald Hüther 2016 das Buch „Rettet das Spiel!“ veröffentlicht.

Im Spielen verbinden Kinder ihre Gefühle mit ihrem Wissen, und sie bewegen sich meist auch dazu – bauen ihre Phantasie-Welt feinmotorisch detailliert als Pferdehof auf oder proben einen Familiendialog im Rollenspiel am Klettergerüst. So lernen sie am besten. 

Spielende Kinder in einem Klettergerüst (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
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Sportwissenschaftlerin Professorin Renate Zimmer betont: Vor allem in den ersten drei Lebensjahren ist der Körper der Motor der Entwicklung. Wenn ein Kind sich aufrichtet, erlebt es Selbstständigkeit. Es erprobt ihm Unbekanntes und baut Selbstvertrauen auf, es entwickelt eine Vorstellung von der eigenen Person: Was kann ich? Was schaffe ich? Was löse ich aus?

Erfahrungswissen oder informelles Wissen aufzubauen ist ein individueller Vorgang. Remo Largo empfiehlt Eltern, hier nicht die positiven Verstärker zu spielen. Sondern auch eine gelungene kindliche Aktion einfach nicht zu kommentieren. Kinder wissen schon selbst, was die besten nächsten Lernschritte für sie sind, sagt der Entwicklungsforscher. Spätestens beim Schuleintritt werden viele Familien dann mit den Normvorstellungen von Wissen und Können konfrontiert. Nicht selten wird dabei der kindliche Forscher- und Entdeckungsdrang gebremst oder gar abgeblockt. Mit fünf oder sechs Jahren lernen alle Lesen, Schreiben, Rechnen. Manche beginnen damit aber schon mit drei oder vier Jahren oder später, mit Sieben oder Acht. Jedes Kind hat sein eigenes Tempo. Eltern sollten nicht drängeln oder überfordern, sondern ihren Kindern den Rücken stärken.

Erziehungsratgeber (Foto: westerholt & gysenberg -)
westerholt & gysenberg -
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