Joghurt (Foto: © Colourbox.de -)

SWR2 Wissen Wie Lobbyisten unser Essen gesund lügen

AUTOR/IN

Der Verbraucher sollte vor haltlosen Gesundheitsversprechen auf Lebensmitteln geschützt werden. Deshalb trat vor gut zwei Jahren die Health-Claims-Verordnung der EU in Kraft. Seitdem darf nur mit ausdrücklich bewiesenen und erlaubten Gesundheitsaussagen auf den Verpackungen geworben werden. Doch statt die Flut der Gesundheitsversprechen einzudämmen, hat sich die Zahl entsprechend beworbener Lebensmittel mehr als verdoppelt. Denn weil sich die Politiker in Brüssel nicht einigen konnten, ist die Verordnung kein eindeutiges Regelwerk. Die Hersteller nutzen das kreativ aus. Und gerichtliche Entscheidungen fallen oft genug zugunsten der Hersteller aus.

Dauer

Studien belegen immer wieder, dass wir eher zu Produkten greifen, die mit gesundheitlichen Vorzügen werben, als zu solchen, die nicht damit ausgelobt sind. Es reicht sogar, den gesunden Zusatznutzen im Bild auf der Verpackung anzudeuten. Wird auf dem Etikett eines Erfrischungsgetränks eine schlanke, joggende Frau gezeigt, denken die meisten Verbraucherinnen und Verbraucher, dass dieses Getränk gesünder sein müsse als eine normale Zitronenlimo. Etliche glauben sogar, dass sie kalorienreduziert sei.

Mehr als 60 Prozent der Aussagen sind erfunden

Die neue "Health-Claims"-Verordnung soll sowohl die Verbraucher und Verbraucherinnen vor irreführender Werbung schützen als auch die Hersteller zu präzisen Angaben verpflichten. Doch die Verbraucherzentralen haben festgestellt, dass das nicht richtig klappt. 63 Prozent der untersuchten Produkte locken mit irreführenden Aussagen.

Ein Glas mit Eis im Hintergrund stehen Energiedrinks (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Darf ein Alkohol-Mixgetränk mit "Energy" werben? Thinkstock -

Dass die Verordnung, die doch zu präzisen Angaben verpflichten sollte, soviel Spielraum lässt, ist den Bemühungen von Politik, der Lebensmittelwirtschaft und Verbraucherschutzorganisationen zu verdanken. Allein in Brüssel arbeiten rund 30.000 Lobbyistinnen und Lobbyisten daran, dass ihre Interessen in der Gesetzgebung berücksichtigt werden. Das sorgt für jahrelange Verzögerungen und für weniger strikte Vorgaben. Die "Health-Claims"-Verordnung ist ein klassisches Beispiel dafür.

Trinken fürs Gedächtnis

Und letztendlich sind alle Interessensgruppen irgendwie unzufrieden mit dem Ergebnis. Die Einen halten sie nicht für streng genug und aus Sicht der Anderen ist sie viel zu restriktiv und streng und verbietet die Kommunikation vieler Botschaften, die eigentlich doch allgemeines Ernährungswissen sind, und von denen man geglaubt hat, dass sie auf jeden Fall auch unter Anwendung der Verordnung weiter kommuniziert werden dürfen.

Die Produkte, die 2014 zur Wahl des goldenen Windbeutel stehen. (Foto: Foodwatch -)
Diese Produkte standen im Jahr 2014 zur Wahl der Goldenen Windbeutels - als Auszeichnung für besonders gelungene Verbrauchertäuschung und irreführende Angaben Foodwatch -

Die amtliche Lebensmittelüberwachung in Rheinland-Pfalz ist mit rund zehn Prozent der Gesundheitsauslobungen nicht einverstanden. In Baden-Württemberg sieht es ähnlich aus. Birgit Bienzle vom Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz in Stuttgart erzählt von Mineralwasser, das uns schöner machen soll und Getränken, die dem Gedächtnis auf die Sprünge helfen sollen.

Produkte für Kinder

Sachverständige müssen dann Gutachten erstellen, die darlegen, warum die Gesundheitswerbung aus Sicht der Behörden nicht gesetzeskonform ist. Die Produzenten lassen die Aussagen, die nicht zugelassen sind, in der Regel anstandslos von der Verpackung verschwinden, erklärt die stellvertretende Referatsleiterin für Lebensmittelüberwachung. Hier sind die Hersteller einsichtig. Doch das ist nicht immer so.

Ein Kind in einem Supermarkt schaut sich die Produkte im Regal an. (Foto: © Colourbox.com -)
Die Aussage zu den "Wachstumsbausteinen" in einem Kindermüsli beziehe sich laut Pressesprecherin auf die Kindermilchprodukte der Firma, mit denen sich das Müsli besonders gut zubereiten lasse © Colourbox.com -

Das Kinder-Beeren-Müsli von Hipp beispielsweise hatten die Verbraucherzentralen beanstandet, weil es damit beworben wird, die wertvollen Wachstumsbausteine Eisen, Jod und Zink zu enthalten. Nicht zugelassen, doch die Pressesprecherin von Hipp hält dagegen: Die Aussage zu den Wachstumsbausteinen beziehe sich nämlich auf die Kindermilchprodukte der Firma, mit denen sich das Müsli besonders gut zubereiten lasse. Außerdem sei die Aussage gar kein Claim, weil sie nicht gesundheitsbezogen sei.

Bifi und Bifidus

Hipp ist zumindest eine der zwei Firmen, die bereit sind, über das Thema "Health Claims" zu sprechen. Alle anderen reagieren entweder gar nicht oder verweisen kurz angebunden auf ihre offiziellen Stellungnahmen. Die zweite, gesprächsbereite Firma ist Nestlé. Die Verbraucherzentralen hatten bemängelt, dass es keinen einzigen erlaubten Claim für die Gesundheitswirkung von Milchsäurebakterien wie Bifidus gibt. Dennoch, so die Ernährungsreferentin der Verbraucherzentrale Mainz, wurde auf der BEBA-Kindermilch mit Bifidus-Kulturen geworben; - zumindest optisch.

Hersteller und Verbraucherorganisationen streiten nicht nur über die Verpackungsgestaltung, sondern auch darum, wie die Gesundheitsaussagen formuliert sind. Die Claims dürfen nämlich im Wortlaut verändert werden. Das war bei der Gesetzesgestaltung ein dringendes Anliegen der Lebensmittellobby, um mehr Spielraum bei der Verpackungsgestaltung zu haben.

Retorten Lebensmittel (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
"So wichtig wie das tägliche Glas Milch" - dieser Werbespruch beschäftigte die Gerichte fünf Jahre lang Thinkstock -

Auslegungssache

Laut Verordnung sind gleichbedeutende Formulierungen in Ordnung. Expertinnen und Experten haben dazu sogar Leitlinien verfasst, als Auslegungshilfe. Die Liste mit den erlaubten Auslobungen umfasst rund 250 konkrete Aussagen. Aus Sicht der Lebensmittelüberwachung wäre es wünschenswert gewesen, wenn die Lebensmittelproduzenten diese wortwörtlich nutzen müssten, seufzt Birgit Bienzle.

Noch mehr stört sie allerdings, dass die Hersteller ihren Produkten werbekräftige Mineralstoffe und Vitaminen zugeben, wenn es für die eigentlichen Hauptzutaten keine Auslobung gibt. Für die Lebensmittelchemikerin ist es nachvollziehbar, wenn Käse etwa aufgrund des natürlichen Kalziumgehalts mit einer Gesundheitsaussage beworben wird. Nicht nachvollziehbar ist es für sie, wenn Gummibärchen oder Chips durch zugeschüttete Vitamine als Gesundbrunnen dargestellt werden.

So wichtig wie das tägliche Kilo Zucker

Trotzdem könnte es auf dem Monsterbacke Früchtequark bald wieder heißen: "So wichtig wie das tägliche Glas Milch". Dieser Werbespruch beschäftigte die Gerichte fünf Jahre lang. Im Februar dann entschied der Bundesgerichtshof, dass er nicht irreführend ist. Schließlich sei den Verbraucherinnen und Verbrauchern klar, dass ein Früchtequark mehr Zucker enthalte als Milch. Damit ist die deutsche Wettbewerbszentrale gescheitert, die meinte, dass die Aussage zum täglichen Glas Milch, den Zuckergehalt des Früchtequarks verschleiere und ihn deshalb verboten haben wollte.

Junger Mann betrachtet Regal mit Ölflaschen im Supermarkt (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Es wird in Zukunft immer schwerer als gedacht, Lebensmittel nach ihrem Gesundheitswert einzuschätzen Thinkstock -

Verbraucherschützer und -schützerinnen stöhnen resigniert. Mit dem Urteil haben die Richter und Richterinnen nicht gerade für Klarheit bei der Gesundheitsauslobung gesorgt. Denn die Hersteller dürfen zukünftig wieder damit werben, dass Früchtequarks für Kinder so wichtig wie das tägliche Glas Milch sei. Er ist sogar aufgefordert, diesen Spruch noch durch eine gesundheitsbezogene Aussage zu ergänzen. Ein extra Hinweis aber auf die vier Stück Würfelzucker im kleinen Monsterbacke-Becher ist nicht nötig.

Und so lässt sich weiter trefflich streiten, wie simpel Informationen auf Lebensmitteln sein sollten und welches Ernährungswissen man bei Verbraucherinnen und Verbrauchern man voraussetzen kann. Natürlich können sich die Käufer und Käuferinnen denken, dass in einem süßen Quark viel Zucker enthalten ist. Trotzdem wird es in Wirklichkeit immer schwerer als gedacht, Lebensmittel nach ihrem Gesundheitswert einzuschätzen.

AUTOR/IN
STAND