Jungaal (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)

Bedrohter Edelfisch Wie Frankreich den Aal retten will

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SWR2 Wissen. Von Bettina Kaps

Der Europäische Aal ist eines der am weitesten wandernden Tiere weltweit. Frankreich versucht, den Edelfisch vor dem Aussterben zu retten.

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„Anguilla anguilla“ – so der wissenschaftliche Name des Europäischen Aals – werden in der Karibik gezeugt, der Golfstrom und der Nordatlantik-Strom tragen die Aallarven dann Richtung Europa, bis zu siebentausend Kilometer weit. Noch im Atlantischen Ozean verwandeln sie sich in Jungfische. Diese fast durchsichtigen, sogenannten Glasaale treffen irgendwo zwischen Marokko und dem Baltikum auf die europäische Küste, die meisten in Frankreich.

Aal- vom Alltagsfisch zur Delikatesse

Frankreich ist der wichtigste Lebensraum für Europäische Aale. Die jungen Fische bleiben an den Küsten oder ziehen die Flüsse hinauf, wo sie 10, 15, manche auch 20 Jahre lang im Süßwasser leben. Erst dann setzt langsam ihre Pubertät ein, sichtbar durch die Silberfärbung der Tiere. Aale vermehren sich nur ein einziges Mal im Leben. Dazu kehren sie wieder in die Karibik zurück, in die Sargassosee östlich von Florida, wo sie Jahrzehnte zuvor selbst gezeugt wurden.

Im Pariser Feinschmeckerlokal Nodaiwa köpft und filetiert der Koch Yoshimasa Tsuchiya mehrere Dutzend Aale am Tag. (Foto: SWR, SWR -  Bettina Kaps)
Im Pariser Feinschmeckerlokal Nodaiwa köpft und filetiert der Koch Yoshimasa Tsuchiya mehrere Dutzend Aale am Tag. SWR - Bettina Kaps

Bis in die 60er-Jahre wimmelte es in Europas Flüssen von Aalen. In vielen Regionen war der schlangenartige Fisch früher ein billiges Alltagsgericht. Räucheraal im Brötchen, Aal in Gelee, Aalsuppe sind in Deutschland beliebte Leckerbissen. Zur französischen Esskultur hat der Aal nie gehört. Nodaïwa ist wohl das einzige Restaurant in Frankreich, das ausschließlich Aalgerichte auf seiner Karte führt. Der japanische Besitzer hat die Filiale in Paris vor 21 Jahren eröffnet. Er wollte die Franzosen für die japanisch verfeinerte Delikatesse begeistern. Aber es ist für ihn schwieriger geworden, 100 bis 200 Kilogramm Aal pro Woche in der gewünschten Qualität zu kaufen, weil Aale immer seltener werden.

Fang und Verkauf trotz Artenschutz

Sylvie Dufour ist Forschungsleiterin im naturhistorischen Museum von Paris. Die Biologin ist besorgt um die Population der Aale: „Seit den 60er-Jahren sind weltweit rund 90 Prozent aller Aale verschwunden. Das ist ein dramatischer Arten-Rückgang.“ Erst um die Jahrtausendwende wachten die Verantwortlichen langsam auf. Und zogen die Notbremse: Seit 2010 steht der Europäische Aal auf der roten Liste des Washingtoner Artenschutzabkommen, zusammen mit Elefanten und Rhinozerossen. Geangelt und verkauft werden darf er trotzdem, allerdings unter strengen Vorgaben. Um die Art zu retten, muss sich ganz Europa für ihn engagieren, sagt Sylvie Dufour.

Dufour hat sich auf die Fortpflanzung von Aalen spezialisiert. In ihrem Labor stehen zahlreiche Tiefkühltruhen, in denen sie Gewebeproben aufbewahrt, die ihr Kollegen aus anderen Laboren zusenden. Wenn ein Glasaal am Anfang seiner Pubertät  nicht zu den Laichgebieten in der Karibik aufbrechen kann, weil ihn ein Stauwehr daran hindert oder weil er in Gefangenschaft lebt, ist seine Sexualreife komplett blockiert. Dufour und ihr Team versuchen herausfinden, wie man diese Blockaden überwinden kann.

Die Forscher gießen Flusswasser in die Kiste mit den Glasaalen, um die Wassertemperaturen anzugleichen. (Foto: SWR, SWR - Bettina Kaps)
Die Forscher gießen Flusswasser in die Kiste mit den Glasaalen, um die Wassertemperaturen anzugleichen. SWR - Bettina Kaps

Das Pariser „Muséum national d‘Histoire naturelle“ hat dabei Pionierarbeit geleistet: 1936 injizierte der Biologe Maurice Fontaine einem männlichen Aal einen Extrakt aus dem Urin schwangerer Frauen und brachte ihn dadurch zur Geschlechtsreife. Erst 30 Jahre später ist es dem Franzosen auch gelungen, die Entwicklung von Eierstöcken zu stimulieren. Inzwischen können Aaleier künstlich befruchtet und das Schlüpfen von Larven beobachtet werden. Die Larven des Europäischen Aals sterben allerdings stets nach einigen Tagen ab. Heute seien japanische Labore in der Aalforschung führend, sagt Dufour.

Weil die Zahl der Aale in europäischen Gewässern nicht künstlich erhöht werden kann, wie es beispielsweise bei Lachsen und Forellen üblich ist, bleibt nur eins: Die natürlichen Lebensgrundlagen müssen verbessert werden. Dem Wanderfisch drohen viele Gefahren: Fischfang und Schwarzfischerei, Giftstoffe im Wasser, Parasiten, Trockenlegung der Feuchtgebiete und – nicht zuletzt – künstliche Hindernisse.

Endlich Maßnahmen zu Erhaltung der Populationen

„Überall sind Stauwehre und Kraftwerke. Das hindert den Aal daran, die Wasserläufe zu besiedeln“, erklärt der Wissenschaftler Cédric Briand. Er arbeitet für den Internationalen Rat für Meeresforschung, genauer: für dessen „Working Group on Eels“, die Arbeitsgruppe für Aale. Das Gremium gibt jährlich einen Bericht über den Gesamtbestand der Aale in Europa heraus. Er dient den zuständigen Politikern als Grundlage für ihre Aalbewirtschaftungspläne.

Im vergangenen Winter durften in Frankreich insgesamt 65 Tonnen Glasaale gefischt werden. Cedric Briand gefällt es nicht, wie die Behörden die Quoten festlegen: „Um einen Fischbestand nachhaltig zu bewirtschaften, untersucht man jeweils, wie viele Jungfische vorhanden sind, auf dieser Grundlage errechnet man dann die Fangquoten. Beim Glasaal aber schauen sich die Verantwortlichen die Statistiken vom Vorjahr an. Niemand kontrolliert die Zahl der Glasaale, bevor die Quote erlassen wird.“

Eine Million Glasaale werden in der Vilaine ausgesetzt, in der Hoffnung, dass sie dort besonders geeignete Lebensbedingungen vorfinden. (Foto: SWR, SWR -  Bettina Kaps)
Eine Million Glasaale werden in der Vilaine ausgesetzt, in der Hoffnung, dass sie dort besonders geeignete Lebensbedingungen vorfinden. Ein Polizeiinspektor der staatlichen Umweltagentur beaufsichtigt die Arbeit der Wissenschaftler. SWR - Bettina Kaps

2007, nach drei Jahrzehnten Untätigkeit, hat die Europäische Union endlich Maßnahmen beschlossen, um den dramatischen Rückgang des Aalbestands zu bremsen. Unter anderem verpflichtete sie die betroffenen Länder, ihre Aalbestände „wieder aufzufüllen“. Seit der Europäische Aal auf der roten Liste des Washingtoner Artenschutzabkommen steht, ist sein Export aus Europa strikt verboten. Aale dürfen nur noch innerhalb des Kontinents umgesiedelt werden.

Überraschungen bei der Verfolgung der Aalwanderung

Die Wanderung des Aals in die Sargassosee begeistert viele Wissenschaftler. So auch Eric Feunteun. Der Meeresbiologe leitet eine staatliche Forschungseinrichtung in der bretonischen Stadt Dinard. Zudem ist er am europäischen Forschungsprojekt EELIAD beteiligt, das die Migration verfolgen und die Laichgebiete der Aale aufspüren soll. Um die Wanderung der Aale zu beobachten, haben Feunteun und seine europäischen Kollegen 700 Aale aus Schweden, Dänemark, Irland, Deutschland, Frankreich und Spanien mit Mini-Sendern ausgestattet. Sie konnten die Daten von etwa 400 dieser Tiere sammeln.

Dabei sind sie auf drei überraschende Ergebnisse gestoßen, die bisherige Annahmen widerlegen: „Alle Aale, ob sie nun in Nordeuropa oder im Mittelmeer aufgebrochen sind, treffen bei den Azoren zusammen. Die Aale aus dem Baltikum machen also einen großen Umweg Richtung Süden.“

Die europäischen Aale wandern auch sehr viel langsamer als zunächst angenommen, erzählt Feunteun. Sie machen sich jeweils im November auf den Weg, kommen aber frühestens nach einem Jahr im Sargassomeer an.

Die dritte Überraschung: Jede Nacht, exakt zum Sonnenuntergang, schwimmen die Aale fast bis an die Meeresoberfläche hoch – und jeden Tag tauchen sie wieder ab, bis auf tausend Meter Tiefe. Die Forscher wissen: Das energiezehrende Auf und Ab hat nichts mit Nahrungssuche zu tun, denn während ihrer langen Migration fressen die Aale nicht. Sie fliehen auch nicht vor natürlichen Feinden, denn dann müssten diese Aal immer in der Tiefe bleiben, wo es weniger Räuber gibt.

Parasiten und Gifte erschweren die Wanderung

Noch ein weiterer Faktor behindert die Ausbreitung der Aale: Die europäischen Aale sind krank. Sie leiden unter einem Parasiten, der aus Japan eingeschleppt wurde. Der sogenannte Schwimmblasenwurm bohrt die Schwimmblase auf, sagt Fabien Charrier von der Firma Fish-Pass. Fabien Charrier berichtet: „80 Prozent der Aale sind befallen. Die Schwimmblase dient zum Druckausgleich im Meer. Wir wissen nicht, welche Folgen der Parasitenbefall für die Migration der Aale hat.“

Diese Glasaale wurden in der Sargassosee gezeugt, etwa 7.000 Kilometer von den europäischen Küsten entfernt. (Foto: SWR, SWR - Foto: Bettina Kaps)
Diese Glasaale wurden in der Sargassosee gezeugt, etwa 7.000 Kilometer von den europäischen Küsten entfernt. SWR - Foto: Bettina Kaps

Aber nicht nur Parasiten schwächen den Aal auf seiner anstrengenden, transatlantischen Reise. Auch viele Giftstoffe in europäischen Flüssen setzen ihm zu: Der Aal nimmt sie mit der Nahrung auf und reichert sie in seinem Fettgewebe an. Sylvie Dufour vom Muséum national d'Histoire naturelle in Paris hat nachgewiesen, dass Schwermetalle wie Cadmium die Eizellen von Aalen abtöten. Selbst Tiere, die völlig gesund wirken, haben so viele Giftstoffe gespeichert, dass es dramatische Folgen für sie hat, wenn sie ihre Fettreserven mobilisieren.

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