Kiebitz (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)

Das Verschwinden der Vögel Auch häufige Arten brauchen Hilfe

SWR2 Wissen. Von Julia Beißwenger

Seit Jahrzehnten geht in Deutschland und Europa die Anzahl der Vögel zurück. Das liegt an Pestizideinsatz in der Landwirtschaft, illegaler Jagd und fehlenden Brutmöglichkeiten.

Dauer

Betroffen sind vor allem einst sehr häufige Arten wie Rebhuhn, Kiebitz, Feldlerche, Star oder Schwalben. Von knapp 250 heimischen Brutvogelarten nimmt jede dritte Art deutlich ab. Bei den Vögeln in der Agrarlandschaft ist das sogar die Hälfte aller Arten, resümiert Konstantin Kreiser vom Naturschutzbund NABU. Er hält das für eine schleichenden Katastrophe. In den letzten Jahrzehnten gab es Millionen Vögel weniger in Deutschland als zuvor.

Monitoring von Vögeln im Schilf (Foto: SWR, SWR - Wolfgang Mädlow)
Der Schilfrohrsaenger: eine der bedrohten Vogelarten SWR - Wolfgang Mädlow

Bedenklicher Rückgang vieler Arten

Das Aussterben der Vogelarten wird deutschlandweit über mehrere Projekte, die die Vogelbestände erfassen, festgestellt. Die meisten der insgesamt rund 2000 ehrenamtlichen Ornithologen beschränken sich dabei auf das regelmäßige Zählen der Vögel. Im Herbst und Winter ermitteln sie die Anzahl der Wasservögel, die hier überwintern. Im Frühjahr werden alle heimischen Brutvögel erfasst.

Eine Wiese mit einem Plakat, auf dem ein Rebhuhn abgebildet ist (Foto: SWR, SWR - Sandra Kolnik)
Besonderer Schutz für Rebhühner SWR - Sandra Kolnik

Heute leben nur noch 5 Prozent der Rebhühner, die sich noch vor 25 Jahren auf unseren Wiesen und in den Bäumen tummelten. Stark zurückgegangen ist auch die Zahl der Kiebitze. Und zwar um 75 Prozent in den letzten 25 Jahren. Auch die Stare werden immer seltener - ihre Zahl ist in den letzten 25 Jahren um 60 Prozent zurück gegangen. Und selbst der Haussperling hat ein Viertel seines Bestandes eingebüßt. Ornithologen sehen das als ein großes Warnsignal für den Gesamtzustand unseres Ökosystems.

Teilerfolge im Vogelschutz

Dabei feiert der Vogelschutz auch Erfolge: von Jagdverboten und einer besseren Wasserqualität in Seen und Flüssen profitieren vor allem Wasservögel. So konnten sich zum Beispiel die Bestände von Haubentauchern, Kranichen oder Kormoranen in den vergangenen Jahrzehnten in Deutschland erholen. Auch die Seeadler - das deutsche Wappentieres- haben sich von nur noch 60 Brutpaaren in Deutschland jetzt wieder auf 600 aufgerappelt. In Feuchtgebieten werden Greifvögel wie der Wanderfalke und Vögel wie die Rohrdommel und der große Brachvogel geschützt, sie vermehren sich wieder etwas häufiger. Die Großtrappe wäre als Vogelart fast ausgestorben, jetzt brütet sie wieder in einigen Brandenburger Schutzgebieten.

Gründe für das Artensterben

Doch während die seltenen Arten kleine Erfolge vermelden und etwas mehr Vogelpaare brüten als zuvor, sterben Millionen Rebhühner, Feldlerchen, Schwalben oder Stare weg. Für das Artensterben sind mehrere Gründe verantwortlich:

Eine Schwalbe fliegt (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Die Schwalbe findet keine Ställe für ihre Nester mehr. Thinkstock -
  • Die Jagd auf dem Zug in wärmere Regionen. Vor allem Singvögel überleben ihre Reise nach Afrika oft nicht. Schätzungen zufolge sterben über 100 Millionen Vögel jährlich in Netzen in Ägypten und Libyen, etwa 25 Millionen werden auf dem Zugweg über Europa gefangen oder abgeschossen.
  • Die schwierigen Zustände in den Brutgebieten. Besonders schwer haben es Vögel, die in Siedlungen leben. Wildernde Hauskatzen erlegen Schätzungen zufolge in Deutschland bis zu 200 Millionen Vögel im Jahr.
  • Besonders gefährdet sind die so genannten Gebäudebrüter: Mehl- und Rauchschwalben, Mauersegler oder der Hausrotschwanz werden immer seltener Sie bauen ihre Nester an Hauswänden oder in Ställen. Und finden immer weniger Nistmöglichkeiten. Denn die Landwirtschaft setzt auf immer mehr hermetisch abgeriegelte Ställe und viele Bewohner treffen an ihren sanierten und renovierten Häuserfassaden Abwehrmaßnahmen gegen Schwalben.
  • Unter dem Wandel auf dem Land leiden auch die Agrarvögel. So nennt man Vögel, die vor allem auf Feldflächen brüten wie zum Beispiel die Feldlerche. Kiebitze, Stieglitze, Wiesenweihen oder Grauammern, sie alle trifft die Intensivierung der Landwirtschaft. Hecken verschwinden, kleine Teiche in der Landschaft. Wenn jeder Quadratmeter genutzt wird, um möglichst viel Ertrag zu erreichen, fallen Nistplätze hinten runter.
  • Pflanzenschutzmittel, vor allem sogenannte Neonicotinoide, die seit den 90er Jahren im Einsatz sind, führen dazu, dass massenhaft Insekten sterben. Seither hat die Dichte der Insekten auf dem Land um mindestens 80 Prozent abgenommen. Für Vögel ist das vor allem bei der Aufzucht ihrer Jungen ein Problem, denn Insekten sind für viele Küken die Hauptnahrungsquelle. Ohne sie verenden die Jungvögel.
  •  Windkraftanlagen. Gerade Greifvögel sterben regelmäßig in den Rotoren der Windkrafträder. Rotmilane und Mäusebussarde sind davon besonders betroffen. Eine Studie hat Windkraftanlagen in Norddeutschland untersucht und festgestellt, dass pro Windkraftanlage etwa ein halber Mäusebussard pro Jahr zu Tode kommt. Wenn man das für ganz Deutschland hochrechnet, sterben 12 bis 14 000 Mäusebussarde an Windkraftanlagen.

Warum die Ackerbrachen verschwunden sind

Anfang der 90er Jahre gab es in der EU einen Getreideüberschuss. Die Mitgliedsstaaten verpflichteten deshalb ihre Landwirte dazu, einen Teil ihrer Flächen als Brache still zu legen. Diese Marktregulierungsmaßnahme hatte positive Nebenwirkungen auf die Vögel. Die Ackerbrachen mit vielen blühende Pflanzen und Insekten waren für viele Vögelarten ein Rückzugsort. Dort konnten sie nisten und den Nachwuchs in Ruhe groß ziehen.

Doch dann kam die Energiewende. Die Politik wollte Erneuerbare Energien fördern und auf stillgelegten Ackerflächen sollten Bioenergiepflanzen wie Mais oder Raps wachsen. 2009 schaffte die EU die Förderung von Stilllegungsflächen gänzlich ab. In Deutschland gingen in kurzer Zeit fast alle Brachen verloren, Mais und Ras wurde großflächig angepflanzt. Die Zahl der Agrarvögel ist seither deutlich gesunken. Gerade Mais ist für die meisten Vogelarten ein problematisches Umfeld. In Maisfeldern gibt es wenig Wildkräuter und kaum Insekten.

Maisfeld vor der Ernte (Foto: SWR, SWR - Stephan Frank)
Maisfelder werden oft zur Todesfalle für Jungvögel SWR - Stephan Frank

Junge Kiebitze sterben im Maisfeld

Maisfelder sind eine regelrechte Falle zum Beispiel für Kiebitze. Mitte Mai wirkt ein Maisfeld sehr attraktiv für den Nestbau. Doch wenige Wochen später verenden die Jungvögel, weil sie zwischen den schnell wachsenden Pflanzen keine Nahrung finden. Das Problem wird verschärft, da fast alle Landwirte das Gleiche anbauen, nämlich Raps oder Mais oder Weizen.

Die Politik hat das Problem der intensiven Landwirtschaft mit Monokulturen im Prinzip erkannt. In den EU-Mitgliedstaaten gibt es daher seit 2015 das so genannte Greening: Es bedeutet, dass Landwirte auf einem Teil ihrer Flächen Umweltmaßnahmen einführen sollen, um Subventionen zu erhalten. Das können Blühstreifen am Feldrand sein, Brachen oder zum Beispiel so genannte Kiebitzinseln auf dem Acker, wo kein Getreide wächst.

Viele deusche Landwirte sind bereit, im Rahmen des Greening, Pufferstreifen und Blühstreifen anzulegen. Doch die Behörden raten davon ab. Die Maßnahmen könnten nicht kontrolliert werden und die europäischen Vorgaben seien extrem streng mit metergenauen Kontrollen. So wird den Bauern die Umweltmaßnahme madig gemacht und ohne Kontrollen macht sich keiner die Extra-Mühe.

Vogelwart Wolfgang Mädlow am Netz (Foto: SWR, Wolfgang Mädlow -  Wolfgang Mädlow)
Vogelwart Wolfgang Mädlow am Netz Wolfgang Mädlow - Wolfgang Mädlow

Im Wald haben die Vögel weniger Probleme als auf den Ackerflächen.

Vögel, die im Wald leben, sind häufig auf Waldtümpel und Bäche angewiesen. Wie zum Beispiel der Schreiadler. Mitte April kommt der relativ kleine, braun gefärbte Greifvogel aus dem Süden Afrikas in seine Brutgebiete. Das sind die Wälder Osteuropas bis nach Ostdeutschland. Zur Zeit gibt es nur noch rund 100 Brutpaare in Deutschland, Tendenz sinkend. Denn in der früheren DDR ist der Wald mit Gräben durchzogen und systematisch entwässert worden. Ziel war es, mehr Boden für die Holzproduktion zu gewinnen. Im Rahmen eines EU-Projekts werden nun die Entwässerungsrohre wieder aus dem Boden geholt und künstliche Gräben zugeschüttet. So kann das Wasser wieder stehen bleiben und Amphibien können sich ansiedeln. Sie sind neben Mäusen und Reptilien eine wichtige Nahrungsquelle der Schreiadler. Das Wasser lockt Insekten und weitere Vögel an, zum Beispiel Waldschnepfen, Waldwasserläufer, Habichte oder Schwarzstörche.

Naturschützer versuchen wieder Moore anzulegen

Bundesweit bemühen sich Naturschützer auch um den Wiederaufbau von Mooren vor allem in Bayern und in den norddeutschen Bundesländern. Denn heute sind nur noch 5 Prozent von den einst 1,5 Millionen Hektar natürlichen Moorgebietes übrig. Die Moore wurden vor allem in den 1950er und 60er Jahren entwässert, abgetorft und bebaut. Deshalb sind die Moorbewohner unter den Vögeln- zum Beispiel Kornweihen, Wiesenweihen, Wachtelkönige oder Seggenrohrsänger - heute stark gefährdet.

Den Garten vogelfreundlich gestalten

Jeder Gartenbesitzer kann den Singvögeln helfen. Denn Gärten werden immer wichtiger für das Überleben unserer Vogelarten. Wichtig ist, komplett auf Gift zu verzichten und möglichst auch auf intensives Düngen. Man kann im Garten bestimmte Flächen freihalten und diese bewusst verwildern lassen. Und es ist möglich durch Anpflanzen bestimmter Büsche und Bäume die Nistchancen für Vögel zu erhöhen. So sind zum Beispiel einzelne Nadelbäume ganz interessant zum Brüten für die Vögel, die können sich da auch im Winter versteckt ein Nest bauen. Insgesamt aber sind Laubbäume besser, denn die bieten mehr Insektennahrung und häufig Beeren und Früchte, von denen sich die Vögel ernähren können.

AUTOR/IN
STAND