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Ein dunkler Bildschirm mit vielen Einsen und Nullen. In der Mitte der Schriftzug "Darknet".

SENDETERMIN Fr, 14.9.2018 | 8:30 Uhr | SWR2

Zuflucht im Darknet Wie Journalisten der Zensur entgehen

Von Gabi Schlag und Benno Wenz

Das Darknet ist bisher bekannt und berüchtigt als die dunkle Seite des Internets, in dem jede Form von Kriminalität - von Auftragsmord bis Waffenhandel - stattfinden kann. Doch es gibt auch die andere, die "gute" Seite des Darknets. Viele Whistleblower und Menschenrechtler nutzen die Anonymität, um unbehelligt über Missstände zu berichten.

Um trotz Internetzensur unerkannt Informationen zu bekommen und weitergeben zu können, braucht man Verschlüsselungsdienste und: Das Darknet. Viele Dissidenten und Whistleblower, Journalisten und Menschenrechtler wären ohne das Darknet im Gefängnis. Deshalb arbeiten sie mit der Anonymisierungssoftware Tor im Darknet.

Die Kommunikation im Darknet wird wie im normalen Internet mit Hilfe von IP-Adressen abgewickelt, die ähnlich wie Postadressen auf einem Briefumschlag jedes Datenpaket vom Sender zum Empfänger leiten. Aber im Darknet wird jede Nachricht nicht direkt vom Sender zum Empfänger geschickt, sondern auf Umwegen über so genannte Knoten.

Wenn jetzt jemand z.B. eine E-Mail abfangen würde, könnte er nicht feststellen, wer der ursprüngliche Sender und wer der Empfänger ist, denn jeder Knoten kennt nur seinen unmittelbaren Vorgänger und seinen Nachfolger. Das führt zu anonymer Kommunikation. Zum einen sieht der Internetanbieter nicht mehr, welche Seite angesurft wird. Und zum anderen sieht die Ziel-Website nicht, wer der Nutzer ist.

Anonymer Browser

Man lädt sich den Browser von der offiziellen Website des TOR-Projekts herunter und installiert die Anonymisierungssoftware wie jedes andere Programm. TOR steht für "The Onion Router", also in etwa "Das Zwiebelnetzwerk", denn so, wie man bei einer Zwiebel das Innere nicht sehen kann, wenn man die Schale entfernt, sondern immer wieder nur eine neue Schicht sieht, so kann man im Darknet die Identitäten der Nutzer nicht feststellen.

Es verspricht seinen Nutzern Anonymität gegenüber Diktaturen und Geheimdiensten, aber auch gegenüber den big five - Google, Amazon, Facebook, Microsoft und Apple.

Plakate mit einem Portrait von Edward Snowden und der Unterschrift "Asyl".

In Deutschland wird das Postfach des Heise-Verlages von vielen Whistleblowern und Dissidenten genutzt

Deshalb haben sich viele Zeitungen, Verlage und Internetportale eine Zweitpräsenz im Darknet zugelegt, eine Art alternative Zugangstür zu ihren Inhalten und Diensten und Postfächer für anonyme Informationen, die nicht zurückverfolgbar sind. So z.B. das norwegische Dagbladet, der britische Guardian, die taz in Berlin, der Heise-Verlag in Hannover und viele andere. In Deutschland wird das Postfach des Heise-Verlages von vielen Whistleblowern und Dissidenten genutzt.

Zensur in Deutschland

Das könnte an der politischen Tendenz in Deutschland liegen - sich zugunsten von Sicherheit, gegen Meinungsfreiheit und Datenschutz zu entscheiden. Und die Länder, die bisher schon als die härtesten Zensurstaaten galten, scheinen es verstanden zu haben, die Zensurschraube noch weiter anzuziehen: China, Russland und Iran.

In einigen Ländern gibt es Versuche, den Zugang zum Darknet zu blockieren. Chinas Zensurbehörde versucht herauszufinden, hinter welchen IP Adressen sich Torknoten verbergen, um diese Adressen dann zu sperren. Da ständig neue Torknoten entstehen, ist das ein ununterbrochenes Katz- und Mausspiel.

Darknet Tor: Ein Mann im Schatten und ein Soldat mit einem Tablet-Computer, auf dem eine lachende Frau und ein Kind zu sehen ist.

Der syrische Geheimdienst modernisierte 2012 massiv seine Überwachungstechnologie, dabei wurde er von der EU unterstützt

In Russland hingegen kann man das Darknet mithilfe von Tor sehr gut nutzen, deshalb steht Russland bei der Anwendung des Tor-Browsers weltweit auf Platz vier. Im Iran sind die Zahlen nicht klar. All dies sind wichtige Informationen für Journalisten, die in diesen Ländern arbeiten müssen.

Europa hilft Diktaturen

Und als würde es nicht genügen, dass viele Regierungen diktatorisch und repressiv agieren, erklären sich zudem europäische Staaten dazu bereit, den zensierenden Diktaturen Überwachungssoftware zu verkaufen. Beispiel Syrien: Der syrische Geheimdienst modernisierte 2012 massiv seine Überwachungstechnologie. Dabei wurde er unterstützt – ausgerechnet von IT-Unternehmen mit Sitz in der EU.

Monitoring Center sind Systeme, die eine flächendeckende Überwachung großer Bereiche des Internets ermöglichen. In Deutschland ist eine solche Überwachung offiziell verboten. Doch der BND soll angeblich heimlich jede Menge von Telefongesprächen und E-Mails abhören. Eine Praxis, mit der der BND die Glaubwürdigkeit westlicher Staaten im Kampf gegen Zensur und Kommunikationsüberwachung untergraben würde.

Eine Frau schaut durch ein Bücherregal in einem Archiv hindurch.

Noch niemals hatten Regierungen und Konzerne die Möglichkeit, derart umfassendes Wissen über die privatesten Angelegenheiten ihrer Bürger zu sammeln

Vor kurzem wurde durch Recherche einiger deutscher Medien nachgewiesen, dass deutsche Überwachungssoftware 2017 aus Deutschland in die Türkei geliefert wurde, um Protestaktionen zu überwachen. Solange das so ist, stellt das Darknet durch die Anonymisierungssoftware TOR eine wirkliche Alternative für Dissidenten und Verfolgte dar.

Überwacht wird jeder

Die umfassendste Überwachung, mit der wir es im Internet zu tun haben ist aber die kommerzielle Überwachung durch die Netz-Giganten Google, Amazon, Facebook, Microsoft und Apple, die sämtliche unserer Daten speichern. Und sie beschränken sich nicht darauf, die Daten nur zu speichern, sie werten sie aus und sie nutzen sie. Vielen Menschen scheint trotz Facebook-Skandal immer noch nicht klar, wie bereitwillig sie ihre Daten preisgeben und was dann damit geschieht.

Nicht die Leistungen von Google & Co sind die Produkte, sondern wir und unsere Daten. Nicht nur das, was herkömmlich unter dem Begriff Zensur verstanden wird, verstärkt sich weltweit, der Begriff Zensur muss anscheinend auch umfassend erweitert werden: um die völlige Preisgabe jeglicher Privatsphäre und jeglichen Datenschutzes.

Auf den Datenbanken der fünf Konzerne Amazon, Google, Facebook, Apple und Microsoft sammelt sich im Quasi-Monopol die größte und detaillierteste private Datenmenge der Menschheit. Noch niemals hatten Regierungen und Konzerne die Möglichkeit, derart umfassendes Wissen über die privatesten Angelegenheiten ihrer Bürger zu sammeln. Da nützen keine neuen Datenschutzgesetze mehr, diese Chance ist vertan.

Sendung vom

Fr, 14.9.2018 | 8:30 Uhr

SWR2

Ein Mann tippt auf einer Laptoptastatur.

Ein Tummeplatz für Kriminelle

Darknet - die große Anonymität

Eine Parallelwelt, in der Recht und Gesetz weitestgehend ausgehebelt sind, in der problemlos mit Waffen, Drogen und Kinderpornographie gehandelt wird: Diese Welt ist real, zumindest digital, im sogenannten Darknet.

Sendezeiten

Montags bis samstags, 8.30 bis 9.00 Uhr, sonn- und feiertags: SWR2 Wissen: Aula

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