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SENDETERMIN Mi, 8.5.2019 | 8:30 Uhr | SWR2

Neues vom Zappelphilipp Wirksamere Therapien bei ADHS

SWR2 Wissen. Von Ulrike Till

Gut 30 Jahre ist die Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitätsstörung als Krankheit klassifiziert, seither wird über die Therapie dieser Verhaltensauffälligkeit gestritten.

ADHS versus ADS - hyperaktiv oder verträumt

Wie viele Menschen in Deutschland an der „Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung“ leiden, lässt sich nur schätzen: zwischen zwei und sechs Prozent der Kinder und Jugendlichen sollen betroffen sein. Es gibt auch eine auf den ersten Blick weniger auffällige Variante: nämlich ADS ohne Hyperaktivität. Diese Kinder trödeln dann ständig, sind verträumt und können sich schlecht organisieren.

Aber: Viele Kinder und Jugendliche mit ADHS können sich auch perfekt konzentrieren, wenn sie etwas brennend interessiert. Das Phänomen heißt „Hyperfokus“, erklärt Professor Tobias Renner. Er leitet die Kinder- und Jugendpsychiatrie am Uniklinikum Tübingen und hat dieses Verhalten schon oft beobachtet: „Leider ist beim Computerspiel die Motivation häufig höher als bei der Mathematikaufgabe, und deswegen haben wir da im schulischen Kontext durchaus dann trotzdem die Schwierigkeiten.“

Mädchen schaut müde über Bücherstapel

Es gibt auch Aufmerksamkeitsstörungen, die nicht von Hyperaktivität begleitet sind.

ADHS belastet auch die Psyche

Kinder mit einer Aufmerksamkeitsstörung sind zusätzlich oft besonders impulsiv und aufbrausend; dazu kommt vor allem bei Jungen häufig starke motorische Unruhe. Dieses „Vollbild“ der ADHS findet sich dreimal häufiger bei Jungen als bei Mädchen. Bei Mädchen ist die Unruhe oft nach innen gerichtet, sie fallen daher meist viel weniger auf.

Schwere Fälle von ADHS sind psychisch so belastend, dass Depressionen und Ängste möglicherweise als Folge der Aufmerksamkeitsstörung gehäuft auftreten.

Ursachen von ADHS

Nach Ansicht der meisten Fachleute liegt der Einfluss der Gene bei ADHS bei 70 bis 80 Prozent, so der Tübinger Psychiater Tobias Renner. Diese Annahme ist allerdings umstritten – vor allem bei Menschen, die auf alternative Heilmethoden setzen: So schreibt beispielsweise die Apothekerin Amrei Wittwer in ihrem gerade erschienenen Buch „Warum ADHS keine Krankheit ist – eine Streitschrift“: „ungesunde Lebensbedingungen“ würden ADHS vor allem auslösen. Dazu zählt sie Stress, Konflikte, Verlustereignisse oder Leistungsdruck in der Schule. Die Gehirne der Kinder funktionierten ganz normal, versichert die Pharmazeutin. Die Mannheimer Psychiaterin Sarah Hohmann widerspricht entschieden:
„Das stimmt so nicht. Da gibt’s zum Beispiel eine Langzeitstudie, wo Kinder und Jugendliche über Jahre hinweg immer wieder im Kernspin untersucht worden sind. Und da sieht man, dass einzelne Gehirnregionen langsamer reifen.“

Ritalin

Fluch oder Segen?

Behandlung von ADHS

Kinder und Jugendliche mit einer schweren Aufmerksamkeitsstörung bekommen in vielen Fällen Medikamente. Das entspricht schon lange den offiziellen Leitlinien. Ein wichtiges Detail aber hat sich im Sommer 2018 geändert: Seitdem gilt eine neue Leitlinie zu Diagnostik und Therapie von ADHS, erstmals haben sich 30 deutsche Fachgesellschaften auf gemeinsame Empfehlungen verständigt. Neu ist, dass Psychopharmaka nun auch schon bei mittelschweren Fällen verschrieben werden sollen.

Dennoch bleibt Psychotherapie eine entscheidende Säule der Behandlung, betont Sarah Hohmann. Psychologische Verfahren verbessern zwar in der Regel nicht die Aufmerksamkeit, können aber Selbstwertgefühl und Sozialkompetenz stärken.

Vielversprechende Therapie-Ergebnisse zeigt auch Neurofeedback: dabei lernen Betroffene, ihre Gehirnströme gezielt zu kontrollieren.

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