Bitte warten...
Frau beim Zähne putzen

SENDETERMIN Mi, 15.2.2017 | 8:30 Uhr | SWR2

Zahnpflege Was nützen Putzen und Prophylaxe?

SWR2 Wissen. Von Jochen Paulus

Mit kreisenden Bewegungen oder schüttelnd und rüttelnd, vor dem Essen oder lieber danach? Die Wissenschaft tut sich schwer damit herauszufinden, wie man richtig die Zähne putzt.

Mundhygiene scheint eine kinderleichte Sache zu sein. Immer schön die Zähne putzen, Zahnseide verwenden, regelmäßig zum Zahnarzt. Dort wartet auch die Prophylaxehelferin, die alles noch mal erklärt und verschiedene Vorsorgemaßnahmen trifft. Wissenschaftlich betrachtet aber ist nichts simpel.

Die Zahnseide wurde aus den offiziellen US-amerikanischen Empfehlungen gestrichen, der Medizinische Dienst der Krankenkassen zweifelt am Nutzen der Zahnprophylaxe in der Arztpraxis und selbst das Zähneputzen wirft viele Fragen auf – Zahnputzlied hin oder her.

Laut der Mundgesundheitsstudie finden sich bei gerade mal sechs Prozent der Zwölfjährigen über 60 Prozent der kranken Zähne. Besonders häufig trifft es Kinder aus sozial benachteiligten Elternhäusern. Auch in den anderen Altersgruppen bestätigt sich die alte Beobachtung: Man kann das Einkommen an den Zähnen ablesen.

Je ärmer, desto schlechter das Gebiss

Doch auch beim Rest der Bevölkerung steht keineswegs alles zum Besten. Bei den meisten geht es weniger um Karies, die Mehrheit hat Zahnfleischentzündungen, weiß die Medizinpsychologin Renate Deinzer von der Universität Gießen. Die Psychologie-Professorin beschäftigt sich mit Zahnerkrankungen.

Eine Frau putzt sich die Zähne.

Man kann das Einkommen an den Zähnen ablesen

Denn die Frage, wie sich Menschen dazu bringen lassen, die Zähne richtig zu putzen, ist ein psychologisches Problem. Dass fast alle Deutschen eine Zahnfleischentzündung haben, ist noch nicht einmal das Hauptproblem. Das Hauptproblem sind die schweren Fälle.

Eine Zahnfleischentzündung – Fachleute nennen sie Parodontitis, nicht Parodontose - entsteht durch Bakterien. In schweren Fällen schädigt die Entzündung das Zahnfleisch und den Knochen so stark, dass Zähne keinen Halt mehr haben und ausfallen.

Deutsche auf den letzten Plätzen

Die Deutschen verzeichnen in der aktuellen Studie zwar weniger schwere Fälle als in den Vorgängerstudien, stehen aber alles andere als glänzend da. Zehn Prozent der jungen Erwachsenen haben eine schwere Parodontitis. Das ist im internationalen Vergleich ein Mittelplatz, gleichauf mit dem Iran.

Zahnmodell mit Implantaten

Eine Zahnfleischentzündung entsteht durch Bakterien, in schweren Fällen haben die Zähne keinen Halt mehr und müssen ersetzt werden

48 Prozent der jungen Deutschen haben eine mittelschwere Entzündung, was international einen Platz im schlechtesten Drittel sichert. Noch trauriger sieht es allerdings bei den Senioren aus. Sie belegen unter den verglichenen Ländern den letzten Platz.

Die Psychologin machte sich also an die Entwicklung eines Programms, mit dem Erwachsene lernen, ihre Zähne besser zu putzen. Bloß, was heißt das? Für Erwachsene werden hauptsächlich zwei Methoden empfohlen. Deren Anhänger widersprechen sich.

Fones oder Bass?

Stefanie Ebel, eine Mitarbeiterin von Renate Deinzer, fasst die Lehrmeinungen so zusammen: Es gibt die Fones-Technik, die viele kennen, bei der man kreisende Bewegungen macht. Die zweite ist die modifizierte Bass-Technik, die ein bisschen schwieriger ist.

Ein Zahnarzt untersucht mit Hilfe eines Spiegels den Mundinnenraum eines Patienten.

Welche Methode beim Zähneputzen ist besser?

Hierbei soll man auf der Stelle kleine rüttelnde Bewegungen machen und zwar so, dass die Zahnbürsten zwischen die Zähne und den Zahnfleischrand kommen, damit dieser Bereich ganz saubergemacht wird. Hier macht man ganz viele kleine rüttelnde Bewegungen auf der Stelle und wischt anschließend zur Zahnkrone hin das aus.

Welche Methode ist besser? Stefanie Ebel las im Internet nach, was angesehene Einrichtungen wie Universitäts-Zahnkliniken und kassenzahnärztliche Verbände empfehlen. Auch hier fand sich nur Widersprüchliches, teilweise sogar auf den verschiedenen Seiten der gleichen Einrichtung.

Müssen wir umlernen?

Es gibt natürlich auch Experten, die vom Gelehrtenstreit unbeeindruckt die einzig wahre Methode kennen. So machte sich ein Professor der Universität Witten/Herdecke vor ein paar Jahren für eine Variante der Bass-Technik stark. Die Botschaft wurde von der Presse gerne und ungefiltert weitergegeben. "Wir müssen umlernen!", titelte beispielsweise die Apotheken-Umschau.

Strahlendes Lächeln

In Deutschland putzen die Frauen besser, tun auch sonst mehr für ihre Zähne, und trotzdem haben sie mehr Karies – im Schnitt ist bei ihnen ein Zahn mehr befallen als bei den Männern

Forscher stellen jedoch eine weitere grundsätzliche Frage: Hilft Zähneputzen überhaupt etwas? Immerhin putzen in Deutschland die Frauen besser, tun auch sonst mehr für ihre Zähne, und trotzdem haben sie mehr Karies – im Schnitt ist bei ihnen ein Zahn mehr befallen als bei den Männern. Nützt das ganze Schrubben also tatsächlich?

Professor Hellwig holt erst einmal Luft. Denn da gibt es keinen Beweis für. Doch dass es keine Studie gibt, beweist natürlich nicht, dass Zähneputzen nichts bringt. Aber so unglaublich es klingt: Der Nutzen ist wissenschaftlich nicht nachgewiesen. Niemand hat sich die Mühe gemacht, das solide zu untersuchen.

Würde nur das Fluorid schon ausreichen?

Doch wir säubern die Zähne ja nicht einfach mit der Bürste. Wir verwenden Zahnpasta. Und die meisten Zahnpasten enthalten Fluorid. Und das hilft nun – wissenschaftlich bewiesen – tatsächlich.

Untersuchung beim Zahnarzt

Der Mensch hat sich schon immer viel Mühe gegeben, seine Zähne sauber zu halten

Fluoride sind nicht nur in den meisten Zahnpasten, sie können auch als Lack auf die Zähne gepinselt werden. Das passiert entweder in der Zahnarztpraxis oder – mehr oder weniger umfangreich – in Schulen. Besonders Kinder aus Elternhäusern, in denen es mit dem Zähneputzen nicht so genau genommen wird, profitieren davon.

Natürlich kann Fluorid auch Nebenwirkungen auslösen. Wird auf Dauer zu viel davon benutzt, entsteht eine Zahnfluorose. Sie zeigt sich in weißlichen Flecken auf den Zähnen und ist eher ein Schönheitsproblem. Wird drastisch überdosiert, kann es zu einer Vergiftung kommen. Aus Deutschland ist jedoch kein Fall bekannt. Manche Eltern betrachten Fluorid trotzdem als Teufelszeug.

Vom Zahnstocher bis zur Seide

Der Mensch hat sich schon immer viel Mühe gegeben, seine Zähne sauber zu halten. Schon vor gut einer Million Jahre benutzten unsere Vorfahren in Nordspanien offenbar eine Art Zahnstocher. Denn Forscher entdeckten im Zahnstein eines dort gefunden Zahns Spuren von ungenießbarem Holz, das folglich nicht als Nahrung in den Mund gelangt sein kann. Später gaben sich Araber alle Mühe, ihre Zähne sauber zu halten.

Ein Zahnarztspiegel beleuchtet Geldscheine, die in einem Gebiss stecken.

Zahnmediziner empfehlen seit Jahrzehnten alle möglichen Maßnahmen, um die Zähne gesund zu erhalten, ein großer Teil der Bevölkerung müht sich, aber viele Empfehlungen sind überhaupt nicht bewiesen

Im 19. Jahrhundert kamen dann die ersten Zahnpasten. Auch Zahnseide, die ursprünglich wirklich Seide war, wurde nun erstmals genutzt. Seit Jahrzehnten wird der Gebrauch von Zahnseide ebenso wie das Zähneputzen empfohlen. Beides sei täglich "mit religiöser Inbrunst" zu absolvieren, schrieb ein US-Wissenschaftsmagazin.

Doch seit 2016 ist es mit der öffentlichen Gewissheit vorbei. Monatelang war die amerikanische Nachrichtenagentur AP US-Ministerien mit Nachfragen nach den wissenschaftlichen Grundlagen ihrer Empfehlung für Zahnseide auf die Nerven gegangen. Schließlich entfernte die Regierung die Zahnseide kommentarlos aus ihren Empfehlungen.

Schlecht geputzt ist schlecht geputzt

In einem Brief an AP gab sie zu, dass der Nutzen niemals wissenschaftlich untersucht worden war. Einzelne Studien gibt es zwar, aber sie taugen nicht viel. Ein erstaunliches Geständnis. Da empfehlen die Zahnmediziner seit Jahrzehnten alle möglichen Maßnahmen, um die Zähne gesund zu erhalten, ein großer Teil der Bevölkerung müht sich, aber viele Empfehlungen sind überhaupt nicht bewiesen.

Selbst ob es etwas nützt, auch ohne Beschwerden alle sechs Monate zum Zahnarzt zu gehen, ist unklar. Vielleicht muss man bei etlichen Maßnahmen noch mal ganz von vorne anfangen. Zum Beispiel beim Zähneputzen, was die meisten Laien ja sehr schlecht erledigen, auch wenn die Fachleute sich weiter darüber streiten, wie es eigentlich am besten geht.

Sendung vom

Mi, 15.2.2017 | 8:30 Uhr

SWR2

Mehr zum Thema im SWR:

Sendezeiten

Montags bis samstags, 8.30 bis 9.00 Uhr, sonn- und feiertags: SWR2 Wissen: Aula

Die Sendungen finden Sie auch in allen gängigen Podcast-Portalen, bei Spotify und Deezer und natürlich auch in der ARD Audiothek.

Weitere Themen in SWR2