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Vitamintabletten sind vor Früchten zu einem Turm gestaplet

SENDETERMIN Mi, 12.7.2017 | 8:30 Uhr | SWR2

Nutzen und Gefahren von Vitaminpillen Wie gesund sind Nahrungsergänzungsmittel?

SWR2 Wissen von Anja Schrum und Ernst-Ludwig von Aster

Vitamin D, Selen oder Zink: Jeder dritte Deutsche schluckt Präparate, weil er etwas für seine Gesundheit tun will. Doch wer die Höchstmengen überschreitet, schadet sich.

Eine Studie zeigt, dass Spitzenathleten ihre natürliche Nahrung sehr häufig durch zusätzliche Mittel ergänzen. Besonders beliebt sind Magnesium, Calcium, Vitamin C und Multi-Vitamin-Präparate.

Die größten Gefahren:

  • Verunreinigungen
  • Überdosierungen
  • Fehlende Kontrolle

Manche Sportler nehmen sogar 17 verschiedene Präparate. Das ist gerade für Sportler risikoreich. Es besteht die Gefahr, dass die Nahrungsergänzungsmittel verunreinigt sind. Biathletin Evi Sachenbacher-Stehle trank vor den Olympischen Spielen 2014 einen speziellen Tee, den ihr Mental-Trainer empfohlen hatte. Durch den Genuss dieses Tees kam die Sportlerin unter Doping-Verdacht. Denn der Tee war mit der Substanz Methylhexanamin belastet, ein sogenanntes Stimulanz, das im Wettkampf verboten ist.

Auch Breitensportler greifen zu Produkten, die im Internet als "Workout-Booster" oder "Fett-Burner" beworben werden. Diese Mittel versprechen eine extreme "Fettschmelze" oder einen verbesserten Muskelaufbau und fallen meist schon durch ihr aggressives Marketing auf.

Verschiedene Packungen mit Vitamintabletten

Von A wie Vitamin A bis Z wie Zink - Vitamine, Mineralien und "sonstige Stoffe" dürfen enthalten sein

Illegale Mischungen

Weil sich in den Präparaten Substanzen mit einem gefährlichen Nebenwirkungsspektrum finden, sind sie zum Teil als Arzneistoffe verboten. In die Nahrungsergänzungsmittel werden diese Substanzen jedoch reingemischt.

Doch auch harmlose Substanzen können sich negativ auswirken - und zwar durch Überdosierung. In einer Studie der ETH Zürich wurde das Blut von 127 Hobby-Marathonläufern untersucht. 19 der Männer zeigten einen deutlichen Eisen-Überschuss. Die Züricher Wissenschaftler gehen davon aus, dass ein langanhaltender Eisenüberschuss Herzkreislauferkrankungen oder gar Krebs auslösen kann.

Das Internet ist für Nahrungsergänzungsmittel ein Markt der unbegrenzten Möglichkeiten. Versprochen wird alles, geliefert vieles. Dabei sind die Nahrungsergänzungspräparate oft angereichert mit Stoffen, die sonst nur in Apotheken auf Rezept zu haben sind. .

Ein Mädchen vergleicht Orangensaft

Obst und Gemüse liefern nicht nur Vitamine, sondern hunderte andere Stoffe, die mit den Vitaminen zusammen wirken

Inhaltstoffe nicht geregelt

Die deutschen Behörden können nur eingreifen, wenn auch die Anbieter in Deutschland sitzen. Für die jeweilige Überprüfung vor Ort sind dann die Bundesländer zuständig, genauer die Lebensmittelkontrolleure.

Dabei ist zwar die Farbe der Kapselhülle klar geregelt, aber für die Inhaltsstoffe gibt es wenig Beschränkungen: Vitamine, Mineralien und "sonstige Stoffe" dürfen enthalten sein. So steht es in der "Verordnung über Nahrungsergänzungsmittel" vor. "Sonstige Stoffe" – das ist ein unerschöpfliches Reservoir für Angebote aller Art.

So gibt es zum Beispiel Nahrungsergänzungspräparate aus Rotschimmelreis. Sie sind immer noch als natürliche Cholesterinsenker auf dem Markt, obwohl die Behörden schon seit Jahren vor drohenden Muskel- und Nierenschädigungen als Folge der Einnahme warnen.

Knapp 200 Millionen Packungen Nahrungsergänzungsmittel werden jedes Jahr in Deutschland verkauft, rund ein Drittel der Bevölkerung schluckt regelmäßig Pülverchen und Pillen. Im Glauben, der Gesundheit etwas Gutes zu tun.

Für Veganer

Im Frühjahr 2016 veröffentlichte die Deutsche Gesellschaft für Ernährung ein Positionspapier zur veganen Ernährung. Darin kommt sie zu dem Schluss, dass Veganer auf jeden Fall Vitamin B12 substituieren sollten. Beim kompletten Verzicht auf tierische Lebensmittel erhöht sich – laut DGE – auch bei einigen weiteren Nährstoffen das Risiko für Defizite. Doch hilft eine ausgewogene Ernährung mit viel Vollkorngetreide, Gemüse, Obst, Samen, Nüsse und hochwertige Pflanzenöle vor einem Mangel. Außer Vitamin B 12 braucht auch ein Veganer keine Nahrungsmittelzusatzstoffe. Allerdings rät die DGE Schwangeren, Stillenden und ihren Babys sowie Kindern bis ins Jugendalter von einer veganen Ernährung ab.

Kein Mittel hilft gegen ungesunde Ernährung

Wer sich ungesund ernährt, kann die Folgen seiner Fehlernährung nicht durch Nahrungsergänzungspräparate ausgleichen. Denn Obst und Gemüse liefern nicht nur Vitamine, sondern hunderte anderer Stoffe, die mit den Vitaminen zusammenwirken. Ein Effekt, den es bei isolierten, synthetischen Stoffen nicht geben kann.

Gefährliche Dosen

Das Bundesinstitut für Risikobewertung warnt zum Beispiel davor längere Zeit hohe Mengen an Vitamin D aufzunehmen. Denn dann steigt das Risiko für Nierenveränderungen, für Nierensteine, oder auch für Gefäßverkalkungen.

Gerade in der dunklen Jahreszeit versuchen viele Menschen ihren Vitamin D Status durch Vitamin-Präparate aufzustocken. Die Werbung verspricht: Mehr Vitamine gleich mehr Gesundheit – doch für den Verbraucher geht diese Rechnung nicht auf.

Wenn Vitamin D-Präparate als Nahrungsergänzungsmittel verkauft werden, dann werden sie nicht kontrolliert. Sie enthalten bis zu viermal mehr Vitamin-D als verschreibungspflichtige Arzneimittel. .

Verschiedene Packungen mit Vitamin-D-Präparaten

Einige Pharmafirmen haben zudem Vitamin-D-Produkte als Nahrungsergänzungsmittel registrieren lassen, um so ihre Verkaufszahlen zu steigern

Unkontrollierter Markt

Für zwölf potentiell riskante Stoffe von Beta-Karotin bis Kupfer haben die Wissenschaftler schon vor Jahren Höchstmengen errechnet. Sie definieren eine noch verträgliche Zufuhr zusätzlich zur normalen Ernährung. Bei Beta-Karotin beträgt dieser Wert z.B. 2 Milligramm für einen Erwachsenen. Bei Calcium 500 Milligramm und bei Eisen 0 Milligramm. Seit mehr als zehn Jahren liegen diese Höchstwerte auf dem Tisch. Ohne, dass sie in gesetzliche Regelungen umgesetzt wurden.

Und der Nahrungsergänzungsmittel-Markt boomt. Unkontrolliert. Unter den Käufern sind auch viele Kranke. Sie hoffen durch die Nahrungsergänzung ihrer bereits angegriffenen Gesundheit unter die Arme zu greifen. So nehmen 70 Prozent aller Krebskranken zusätzlich nicht verschreibungspflichtige Tabletten oder Kapseln ein - davon ist der größte Teil aus dem Nahrungsergänzungsmittelbereich.

Eine Zitrone und Tabletten

Für die meisten Menschen, die sich ausgewogen ernähren, ist die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln schlicht überflüssig

Vitamine in der Chemotherapie

Problematisch kann die Wechselwirkung mit anderen Medikamenten sein. Auch die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln während einer Chemotherapie sollte mit dem Arzt geklärt werden, weil die Mittelchen die Wirkung der Therapie abschwächen können.

Doch manche Ärzte bieten selbst hochdosiertes Vitamin C als Infusionslösung an. Auf Selbstzahler-Basis. Erste Untersuchungen zeigen immerhin, dass Patienten mit einem höheren Vitamin D-Spiegel bei verschiedenen Krebserkrankungen länger überleben als Patienten mit einem niedrigen Spiegel.

Was braucht mein Körper wirklich?

Es ist nicht einfach als Betroffener den ganzen Wust von finanziellen Interessen zu durchschauen: So gibt es zum Beispiel für Selen Hinweise, dass es eventuell die Verträglichkeit der Krebs-Therapie verbessert. Doch bislang sind diese Befunde umstritten. Außerdem kann ein zu hoher Selenspiegel negative Folgen haben. Selen sollte deshalb nicht längerfristig ohne eine Blutspiegel-Kontrolle und nur in Abstimmung mit dem behandelnden Onkologen genommen werden. Wer seinen Selenspiegel ganz ohne Pillen verbessern möchte, kann auf natürliche Quellen zurückgreifen - wie z.B. Paranüsse, Sonnenblumenkerne, Lachs oder Lammfleisch.

Vitamin D3 Kapseln

Knapp die Hälfte der Verbraucher glaubt laut einer Umfrage, dass Nahrungsergänzungsmittel staatlich kontrolliert und auf ihre Wirksamkeit überprüft würden

Keine staatliche Kontrolle

Magnesium ist das wohl am meisten verbreitete Nahrungsergänzungsmittel. Leistungssportler wie Hobbyathleten nehmen es gegen Krämpfe und Muskelprobleme. Doch zahlreiche Magnesiumpräparate sind weit höher dosiert als die täglich empfohlene Tagesportion. Außerdem enthalten viele Getränke und Riegel, die für Sportler angeboten werden, zusätzlich Mineralien und Vitamine.

Seit Jahren beschäftigen sich die Verbraucherschützer mit Nahrungsergänzungsmitteln und verklagen Hersteller, die unzulässig für ihre Produkte werben. Knapp die Hälfte der Verbraucher glaubt laut einer Umfrage auch, dass Nahrungsergänzungsmittel staatlich kontrolliert und auf ihre Wirksamkeit überprüft würden.

Verbraucherschützer klären auf

Da die Politik den Markt offenbar nicht regulieren und kontrollieren will, gehen die Verbraucherschützer jetzt in die Offensive. Auf dem Portal "www.klartext-Nahrungsergänzung.de" können sich Verbraucher austauschen und besonders dreiste Werbeversprechen melden. Im Hintergrund arbeitet ein Beratungsteam der Verbraucherzentralen. Da die Politik nicht reagiert, muss sich wohl jeder selbst über Nutzen und Gefahren der Nahrungsergänzungsmittel informieren.

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