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SENDETERMIN Di, 30.4.2019 | 8:30 Uhr | SWR2

Zeitgeschichte "Camp Century" in Grönland

Umweltskandal des Kalten Krieges

Im Eis Grönlands überdauern die Reste von Camp Century – einer US-Atomraketen-Basis der Fünfzigerjahre. Durch den Klimawandel drohen jetzt unter anderem radioaktive Abfälle freizutauen. Von Jacob Grosen und Thomas Vinther Larsen

Unter dem Inlandeis im Nordwesten Grönlands verbirgt sich ein Umweltskandal aus der Ära des Kalten Krieges, der für politische Spannungen zwischen Dänemark, Grönland und den USA sorgt. Auf dänischem Territorium hatte die US-Armee Ende der Fünfzigerjahre mit großem Aufwand eine Basis in das "ewige Eis" gefräst. Sie war als Forschungsstation deklariert. Doch im Geheimen hatten die Vereinigten Staaten weit ernstere Pläne, über die sie die Regierung in Kopenhagen im Unklaren lassen wollten.

Die Reste Camp Centurys liegen heute bis zu 100 Meter tief unter dem Inlandeis verborgen, im eisigen Nordwesten Grönlands.

Die Reste Camp Centurys liegen heute bis zu 100 Meter tief unter dem Inlandeis verborgen, im eisigen Nordwesten Grönlands.

Der "Mann ohne Schatten"

Die Geheimniskrämerei der US-Amerikaner gefiel den Dänen nicht, und sie schickten drei Jahre lang ihren eigenen Mann in die Arktis – Erik Jørgen-Jensen. Offiziell war er eine Art Kontaktmann für die US-Amerikaner. Inoffiziell spionierte er deren Aktivitäten für den dänischen Militärgeheimdienst aus. Die Amerikaner akzeptierten ihn notgedrungen – doch sie müssen etwas geahnt haben, denn sie nannten Erik scherzhaft den "Mann ohne Schatten".

Der "Mann ohne Schatten": Der heute 84-jährige Däne Erik Jørgen-Jensen spionierte als junger Mann drei Jahre lang das US-Militär aus. In diesem Online-Artikel sehen Sie einige seiner Fotos von damals.

Der "Mann ohne Schatten": Der heute 84-jährige Däne Erik Jørgen-Jensen spionierte als junger Mann drei Jahre lang das US-Militär aus. In diesem Online-Artikel sehen Sie einige seiner Fotos von damals.

Mutige "Ein-Mann-Spionage"

Am Dienstag, den 22. März 1960, kam Erik Jørgen-Jensen auf der Thule Air Base an – der nördlichsten Lufwaffenbasis der Vereinigten Staaten, 1.200 Kilometer nördlich des Polarkreises, an der vergletscherten Nordwestküste Grönlands. Zunächst verbrachte Erik seine Zeit damit, die US-Basen zu erkunden: die Hauptbasis in Thule, und östlich und südlich davon eine Reihe weiterer Basen, verteilt über einen Radius von mehreren hundert Kilometern.

Im extrem rauen Klima Nordwestgrönlands wird ein Hubschrauber vor dem Start vorgeheizt. Rechts davon ein Motorschlitten zum Transport von Ausrüstung und Personal über das Eis.

Im extrem rauen Klima Nordwestgrönlands wird ein Hubschrauber vor dem Start vorgeheizt. Rechts davon ein Motorschlitten zum Transport von Ausrüstung und Personal über das Eis.

Eine Stadt unterm Eis

Sein Hauptaugenmerk lag auf "Camp Century" – einer voll funktionstüchtigen Basis mit Kino, Kapelle, Fitness-Studio, Bibliothek und Wohnmöglichkeiten für 200 Soldaten, von einem mobilen Atomreaktor üppig mit Strom versorgt. Aus der Luft war die Anlage kaum auszumachen, um sie vor den Argusaugen und den Waffen fremder Mächte zu schützen.

Zur voll funktionstüchtigen Basis von Camp Century gehörten neben einem Kino, einem Fitness-Studio und einer Bibliothek auch eine Kapelle mit einem Altar aus Eis.

Die US-Amerikaner versuchten, eine Kapelle unter dem Eis einzurichten. Doch Erik Jörgen-Jensen hatte spirituelle Erlebnisse eher in der rauen Natur Grönlands, beim Betrachten des Polarlichtes z.B.: „Wenn du da stehst, ein winziges menschliches Wesen, nur einen Meter neunzig groß“, erzählt er, „und du guckst da hinauf und siehst den Himmel verhüllt von riesigen Farbschleiern, die in absoluter Stille durch das Nichts wabern, Welle um Welle, unvorhersehbar, ohne dass man eine Ahnung hätte, woher das alles kommt oder wohin das geht, dann kann man sich vollständig überwältigt fühlen.“

Atomwaffen in der Arktis

Dänemarks Ministerpräsident Hans Christian Hansen hatte den Vereinigten Staaten bereits 1957 gestattet, Atomwaffen auf der Thule Air Base zu stationieren. Aber das wussten damals nur wenige in der dänischen Regierung – und der Öffentlichkeit in Dänemark und Grönland blieb dieses politische Zugeständnis vollkommen verborgen, denn Atomrüstung war ein heftig umstrittenes Thema.

Ein Lageplan von Camp Century: Das Lager bestand aus 21 Tunneln mit einer Gesamtlänge von etwa drei Kilometern.

Ein Lageplan von Camp Century: Das Lager bestand aus 21 Tunneln mit einer Gesamtlänge von etwa drei Kilometern. 

Vier Jahrzehnte Geheimhaltung

Was die US-Amerikaner in Camp Century tatsächlich vorhatten, wurde der Öffentlichkeit in Dänemark und Grönland erst vier Jahrzehnte nach Eriks tapferer Ein-Mann-Spionage bekannt. 1997 veröffentlichte das Dänische Institut für Außenpolitik auf Ersuchen des Parlamentes in Kopenhagen eine Dokumentation über US-Langstreckenbomber, die während des Kalten Krieges Grönland überflogen hatten – mit scharfen Atomwaffen an Bord. Am Tag nach der Veröffentlichung waren in den Zeitungen Einzelheiten der Geheimpläne vom Ende der Fünfzigerjahre zu lesen. Erik Jørgen-Jensen hatte damals einen Teil der Tunnel erkundet – aber die großen Zusammenhänge waren auch ihm verborgen geblieben.

Ein Lagerstollen Camp Centurys, unter enormem Aufwand in das Inlandeis hineingefräst.

Ein Lagerstollen Camp Centurys, unter enormem Aufwand in das Inlandeis hineingefräst.

"Project Iceworm"

Camp Century hätte das Herzstück eines gigantischen Abschusssystems für Atomraketen werden sollen. Ein Labyrinth von Tunneln unter dem Eis, Gesamtlänge über 4.000 Kilometer, in dem 600 Interkontinentalraketen jederzeit bewegt und abgefeuert werden konnten, gegen den Feind im Osten – die Sowjetunion. Die US-Amerikaner tauften dieses aberwitzige Vorhaben "Project Iceworm". Was die Amerikaner bei der Planung von "Iceworm" nicht in Betracht gezogen hatten: Das Eis bewegte sich ständig und machte es so unmöglich, dauerhafte Tunnel im Untergrund zu bauen und Gleisstränge zu verlegen.

Im Reaktorraum des mobilen Atomreaktors, der Camp Century mit Strom versorgte – und Soldaten radioaktiv verstrahlte.

Im Reaktorraum des mobilen Atomreaktors, der Camp Century mit Strom versorgte – und Soldaten radioaktiv verstrahlte.

Auf Eis gelegt

1967, nur vier Jahre nachdem Eriks geheime Mission zu Ende ging, mussten sich die Vereinigten Staaten von Amerika eingestehen, dass Mutter Natur ihnen in der Arktis haushoch überlegen war. Die unnachgiebige Kraft des Eises machte es ihnen unmöglich, ihr Prestige-Projekt zu verwirklichen. Sie beendeten das wahnwitzige Vorhaben, zogen ab – und ließen die gesamte Infrastruktur unter dem Eis zurück: 21 Tunnel mit einer Gesamtlänge von drei Kilometern und alle Gebäude. Den mobilen Atomreaktor montierten sie ab, sein schwach radioaktives Kühlwasser ließen sie in gewaltigen gefrorenen Säulen zurück.

Der heute 84-jährige Erik Jørgen-Jensen in seinem Häuschen auf der dänischen Insel Fünen.

Der heute 84-jährige Erik Jørgen-Jensen in seinem Häuschen auf der dänischen Insel Fünen.

Gefährlicher Atommüll

Bis heute liegen die Hinterlassenschaften Camp Centurys bis an die 100 Meter tief unter dem grönländischen Eis. Wissenschaftler vermuten, dass die Überreste der Gebäude und der biologische, chemische und radioaktive Abfall von Camp Century mit der Klimazerstörung in 80 bis 100 Jahren freitauen werden.

Plötzlich ist Camp Century wieder ein heißes Thema – in Dänemark und Grönland. Noch immer ist unklar, was genau unter dem Eis verborgen liegt, aber dazu könnten an die zehntausend Tonnen gewöhnlicher Müll und Schrott, 200.000 Liter Dieselöl und krebserregende Chlorverbindungen, gefrorenes Abwasser und gefrorenes, schwach radioaktives Kühlwasser aus dem Reaktor zählen.

Originaldokumente von Erik Jørgen-Jensen

Originaldokumente von Erik Jørgen-Jensen, darunter ein Passierschein des Strategic Air Command, das im Kalten Krieg für den Einsatz von US-Atomwaffen zu Lande, zur See und in der Luft verantwortlich war.

Eine Sendung des dänischen Rundfunks, in der Erik Jørgen-Jensen sein sechs Jahrzehnte währendes Schweigen brach, führte zu politischen Anhörungen in Kopenhagen und einer ersten Expedition nach Grönland.


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