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Friedhof

SENDETERMIN Fr, 19.4.2019 | 8:30 Uhr | SWR2

Dunkel ist des Todes Kammer Über den Tod und das Sterben

SWR2 Wissen: Aula

Welchen Platz haben Sterben, der Tod, Siechtum und Verfall in unserer modernen, auf Vermehrung und Optimierung angelegten Welt? Gespräch mit dem Kulturwissenschaftler Thomas Macho.

Das Gespräch mit Thomas Macho auf einen Blick:

Ist die Moderne säkular?

Nein, die These ist falsch. Man kann sagen, dass trotz Aufklärung und Säkularisierung die Vorstellungen über das Jenseits gerade im 19. Jahrhundert wieder eine neue Blüte erlebten, etwa durch das Aufkommen des Spiritismus und die Auseinandersetzung mit möglichen Geistern, einem möglichen Leben nach dem Tod.

Auf der anderen Seite stimmt es auch deshalb nicht, weil man zum Beispiel für unsere Gegenwart ganz gut zeigen kann, dass wir den Tod weniger verdrängen als vielmehr in alle möglichen Formen von Anschauung übersetzen. Es gibt so etwas wie eine neue Sichtbarkeit des Todes, in der Kunst, in den Medien.

Der Tod des Anderen

Ich habe immer schon etwas gegen die These von Heidegger gehabt, der Tod vereinzele uns, werfen jeden auf sich selbst zurück. Heidegger übersieht die Erfahrbarkeit des Todes der anderen. Paare, die zum Beispiel lange zusammengelebt haben und wissen, sie wollen einander nicht überleben.

Dieses Einander-nicht-Überleben-Wollen, dieses Am-liebsten-gemeinsam-in-den-Tod-Gehen, das wird als Motiv stärker. Der Tod des anderen, der mir nahe ist, das ist irgendwie auch mein Tod, der lässt sich nicht so scharf von meinem Tod abgrenzen. Damit wird deutlich: Der Tod wirft mich nicht auf mich selbst zurück, es gibt Situationen, in denen man ihn teilen kann.

Die Planbarkeit des Todes 

Der Tod ist planbar geworden, der Tod ist gestaltbar, und das kann im Extremfall eben auch bedeuten, dass man auch wiederum zum Beispiel mit einer schwereren Erkrankung Sterbehilfeorganisationen aufsucht oder das jedenfalls ins Kalkül nimmt. Der Sterbeprozess ist stärker in den Blick gerückt, er ist länger geworden, und das ermöglicht gleichzeitig die Planbarkeit des Todes, die Beantwortung der Frage, wie will ich sterben.

Der Tod und die Ganzheit

Ich habe mich oft gefragt, warum ein Motiv in der antiken Mythologie immer wiederkehrt, nämlich das Motiv vom Neid der Götter, weil man sich ja fragen kann, worauf sollen die Götter neidisch sein? Auf unser Sterben natürlich. Dass wir endlich sind, hat nämlich zwei große Implikationen: einmal die Chance, einen Blick auf sein Leben als Ganzes zu werfen. Das kann ein Unsterblicher nie, weil er immer so weit davon entfernt ist, das Leben als Ganzes zu sehen. Umgekehrt kann damit auch eine bestimmte Idee von Glück verbunden sein, nämlich die Idee von Vollendung. Diese Idee, das Leben als Ganzes zu haben und zu sehen, kann mit einer bestimmten Art von Glück, von Zufriedenheit verbunden sein. Auch das neiden uns die Götter. Sie sind auf eine komische Weise nie glücklich.

Der Kulturwissenschaftler Professor Thomas Macho

Der Kulturwissenschaftler Professor Thomas Macho

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