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Stau auf der Autobahn

SENDETERMIN Sa, 23.2.2019 | 8:30 Uhr | SWR2

Training für den Straßenverkehr Sicher unterwegs

Von Anja Schrum

Mit den Eltern im Auto direkt zur Schule: So verlieren Kinder wichtige Erfahrungen im Straßenverkehr, denn ihr Bewegungsradius wird immer kleiner. Da hilft nur Mobilitätserziehung.

"Generation Rücksitz" beunruhigt Verkehrsexperten

Verkehrsverstöße vor Grundschulen sind heute eher die Regel als die Ausnahme. Bundesweit klagen Lehrer und Eltern über morgendliche Blechlawinen und gefährliches Chaos. Vor einigen Berliner Grundschulen wurden kürzlich gar die Schülerlotsen abgezogen. "Zu gefährlich" hatten die jeweiligen Schulleitungen entschieden. Laut einer Studie im Auftrag des ADAC machen sich nur noch rund 50 Prozent der Schüler und Schülerinnen eigenständig auf den Weg zur Schule. Soziologen sprechen von der "Generation Rücksitz", Verkehrsexperten sind beunruhigt.

Fünftklässler sorgen für Ordnung im Verkehr

Kurz vor acht Uhr morgens vor der Reinhardswald-Grundschule wartet Emilia mit ihrer Klassenkameradin Fanny auf falsch parkende Eltern. Ein roter Kleinwagen hält in zweiter Reihe. Emilia sprintet zur offenen Autotür, reicht dem Fahrer einen Flyer. Der Flyer weist auf die beiden neu eingerichteten "Elternhaltestellen" hin. Diese sind 2016 im Rahmen eines schulweiten Mobilitätsmanagements eingeführt worden. Nun kümmern sich die Fünftklässler selbst um die Einhaltung der Parkregeln. Emilia notiert schnell die Reaktion des Vaters – da rollt schon das nächste Auto heran.

Verkehrserziehung: Mehrere Kinder mit Warnwesten fahren Fahrrad auf einem Verkehrsübungsplatz.

Verkehrserziehung sollte idealerweise unter Realbedingungen stattfinden – also im Straßenverkehr, nicht auf dem Verkehrsübungsplatz

Radfahrtraining unter Realbedingungen

Ebenfalls zum Mobilitätsprojekt gehört, dass das in der vierten Klasse obligatorische Radfahrtraining überarbeitet wurde. Jetzt wird nicht mehr in der Jugendverkehrsschule geübt und geprüft, sondern im öffentlichen Straßenverkehr rund um die Schule. Natürlich unter Aufsicht einiger Eltern und zweier Verkehrspolizisten. Denn anders als auf dem Verkehrsübungsplatz ändern sich ständig die Anforderungen: Autotüren werden plötzlich aufgerissen, Radwege sind zugeparkt, Transporter verstellen die Sicht. Die Kinder müssen lernen, mit dem Unvorhersehbaren umzugehen. Allen Viertklässlern ist das gelungen, alle haben die Radfahr-Prüfung bestanden.

Mobilität muss man üben

Gabi Jung betreut beim BUND-Landesverband Berlin das Projekt "Zu Fuß zur Schule". Das bundesweite Mobilitätsprojekt wendet sich an Grundschulen, aber auch an Kindergärten. Dabei geht es um mehr als bloße Verkehrserziehung. Wenn sie Elternabende und Schulkonferenzen besucht, Lehrerinnen und Erzieher berät, versucht sie klarzumachen, dass Schulwege Erlebnis-, Erfahrungs- und Lernwege sind. Und das nicht nur in punkto Verkehrssicherheit. 

Man müsse die Ängste der Eltern ernst nehmen, betont Gaby Jung. Aber man müsse ihnen auch klar machen, was sie ihren Kindern an Erfahrung und Bewegung vorenthalten, wenn sie sie ständig durch die Gegend kutschieren, zur Schule, zum Sport, zum Musikunterricht.

Eine Faustformel, ab wann ein Kind was können sollte, gibt es nicht, betont Jung. Weil jedes Kind und jeder Weg anders ist. Aber Mobilität im öffentlichen Raum ist etwas, was mit den Kindern immer wieder eingeübt werden muss. Ob zu Fuß, auf dem Fahrrad oder mit Bus und Bahn.

Nur wenn sie sich regelmäßig im Straßenverkehr bewegen, können Kinder lernen, Situationen richtig einzuschätzen. Das "Elterntaxi" nimmt ihnen die Chance, diese wichtige Erfahrung zu machen.

Nur wenn sie sich regelmäßig im Straßenverkehr bewegen, können Kinder lernen, Situationen richtig einzuschätzen. Das "Elterntaxi" nimmt ihnen die Chance, diese wichtige Erfahrung zu machen. Und je mehr Eltern ihr Kind mit dem Auto zur Schule bringen, desto unübersichtlicher wird dort der Verkehr.

Radschulwegpläne landesweites Ziel in Baden-Württemberg

Der Radwegplan des Ellental-Gymnasiums ist wegweisend für Baden-Württemberg, aber auch die ganze Republik. Bis 2020 sollen alle weiterführenden Schulen des Landes über einen solchen Plan verfügen. Mit ihm können Eltern und Kinder den sicheren Radweg zur Schule üben. Er kann aber auch von der Kommune als Planungsinstrument eingesetzt werden.

Viele der Gefahrenstellen wurden von der Stadtverwaltung in Zusammenarbeit mit der AG Radschulwegplan entschärft. Immer mehr Schüler und Schülerinnen schieben nun ihr Rad unter die überdachte und gut beleuchtete Abstellanlage des Ellentalgymnasiums. In den langen Reihen ist bequem Platz für Hunderte von Rädern. Alles entstanden auf Initiative der AG Radschulwegplan mit dem Ziel, das Radfahren attraktiv und sicher zu machen.

Logistisch war es anfänglich allerdings schwierig. Denn für den Plan mussten gut 1.000 Schüler und Schülerinnen des Gymnasiums nach ihrem konkreten Schulweg befragt werden. Die Umfrage war nur mit IT-Unterstützung und in Zusammenarbeit mit dem Landesamt für Geoninformation und Landentwicklung möglich. Die Kinder konnten dann am PC ihren Schulweg und die aus ihrer Sicht gefährlichen Stellen eingeben.

Ein kleines Mädchen bekommt einen Fahrradhelm aufgezogen

Sicherheit im Straßenverkehr muss geübt werden

Rücksichtnahme lässt sich nicht verbindlich einfordern

Aus einem Umkreis von bis zu fünf Kilometern kommen die Kinder mit dem Rad zur Schule. 60 Prozent nutzen es vor allem in der wärmeren Jahreszeit, ein Viertel fährt auch den Winter über. Die anderen Schülerinnen und Schüler fahren mit Bussen oder dem Elterntaxi – zu Fuß kommt kaum jemand. Einmal im Monat steht in den fünften bis zehnten Klassen Verkehrsunterricht auf dem Plan.

Für Emilia in Berlin ist währenddessen Schulschluss. Die ganze Woche über hat die Fünftklässlerin morgens mit ihren Klassenkameraden kontrolliert, ob die Eltern das Parkverbot vor der Schule beachten und ob sie die neu eingerichteten Eltern-Haltestellen nutzen. Emilia klingt ein wenig frustriert. Denn sie ist genervt davon, dass die Leute die Sicherheit der Kinder trotzdem weiter ignorieren.

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