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Eine Frau sitzt vor einem Mikroskop

SENDETERMIN Sa, 27.8.2016 | 8:30 Uhr | SWR2

Menschenversuche Wie viel Skrupel braucht die Forschung?

SWR2 Wissen. Aus der 12-teiligen Reihe: "Die Grenzen des Erlaubten" (5). Von Charly Kowalczyk und Eva Schindele

Darf man Ebola-Patienten mit ungetesteten Medikamenten behandeln? Darf man Gesunde mit nicht erprobten Wirkstoffen impfen? Die Weltgesundheitsorganisation hat diese Schritte im Kampf gegen die Epidemie empfohlen. Normalerweise werden Arzneimittel nur zugelassen, wenn sie auf Verträglichkeit und Nutzen geprüft worden sind. Pharmafirmen weichen für diese Arzneimittelprüfungen zunehmend nach Russland, in die Ukraine oder Indien aus. Das Risiko tragen dabei die Probanden, die oft nur mitmachen, weil sie sich sonst keine Gesundheitsversorgung leisten können. (Produktion 2015)

Seit jeher dienen Abhängige, Arme und Behinderte als menschliche Versuchskaninchen: Nazi-Ärzte nutzten KZ-Häftlinge für ihre grausamen Experimente. Amerikanische und russische Forscher testeten die Folgen von Radioaktivität an Unwissenden, und eine Schweizer Pharmafirma erprobte ihre Antidepressiva an Heimkindern.

Kinder als Versuchskaninchen

"Ich hab dann auch geträumt, dass ich plötzlich, ich hab ein Haus gesehen, ich hab einen See gesehen, ich hab eine Schwester gesehen, die mir Medikamente – ich war angebunden – und haben mir die Medikamente in den Mund gedrückt. Und ich hab so einen Arzt gesehen, der mir da so Drähte am Kopf anmachte und es kam mir vor, als müsste es eine Psychiatrie gewesen sein. Darauf habe ich recherchiert, was da in der Nähe von Fischingen an Psychiatrie so rum ist, wo am See ist, und dann kam ich auf Münsterlingen."

Durch diesen Traum kam bei Walter Nowak die Erinnerung zurück. Jahrzehnte später schaute er sich noch einmal in Münsterlingen um. Ganz in der Nähe verbrachte er seine Kindheit im katholischen Kinderheim Fischingen, im Schweizer Kanton Thurgau. Von dort wurden die ehemaligen Zöglinge zu Medikamentenversuchen in die Klinik gebracht. 2013 forderte Nowaks Anwalt von der staatlichen psychiatrischen Klinik Münsterlingen am Bodensee die Herausgabe der Krankenakte. Seitdem weiß der heute 58-jährige Österreicher, dass an ihm Anfang der 70er-Jahre Medikamente getestet wurden.

Verschiedene Tabletten

Jedes Medikament muss sorgfältig getestet werden

Der Psychiater Roland Kuhn war seit den 1950er-Jahren Oberarzt und später Direktor der psychiatrischen Klinik Münsterlingen. Er war in der Fachwelt ein angesehener Kollege, schließlich gilt er als Entdecker des ersten Antidepressivums. Jetzt steht der 2005 Verstorbene in Verdacht, an mindestens 1.600 ahnungslosen Patienten Psychopharmaka getestet zu haben. 23 Versuchspersonen sind in den 50er-Jahren gestorben, die Ursache ihres Todes ist bis heute ungeklärt. Zusammengearbeitet hat der Psychiater unter anderem mit den Pharmakonzernen Ciba-Geigy und Sandoz, den Vorgängerfirmen des heutigen Basler Weltmarktführers Novartis. Auch an Heim- und Pflegekindern testete er Antidepressiva.

Medien berichten über seinen Fall erstmals 2013. Daraufhin melden sich weitere ehemalige Zöglinge, die Versuchskaninchen von Roland Kuhn gewesen sind. Auch sie haben Hinweise zu den Medikamententests in ihren Krankenakten gefunden. 2014 verteidigt der Regierungsrat des Kantons Thurgau, Kaspar Schläpfer, im Ostschweizer Fernsehen die Arzneimittelforschung in Münsterlingen mit dem Argument, die Test hätten ja auch einen hohen Wert für die Forschung gehabt, Kantonsärzte melden sich zu Wort und sprechen den Geschädigten ihre Glaubwürdigkeit ab. Doch die Betroffenen lassen sich nicht einschüchtern. Sie erzählen öffentlich, was ihnen in der Kindheit von Medizinern in Münsterlingen angetan wurde. Dass an Heim- und Pflegekindern getestet wurde und nicht an Kindern von Regierungsräten, ist kein Zufall. Risikoreiche Tests in der Arzneimittelforschung werden bis heute häufig an Menschen durchgeführt, die schutzlos oder arm sind.

Studien wandern aus

Ruth Baumann-Hölzle ist Gründerin des Institutes "Dialog Ethik" in Zürich und seit vielen Jahren Mitglied in Ethikkommissionen der Schweiz. Die Motivation der Ärzte sei zunächst, kranken Menschen zu helfen, sagt sie. Mit der Zeit kämen spielten aber Anreize wie Karriere, Macht und Geld zunehmend eine Rolle. Ein Problem sei, dass das System zwischen Ärzten und Pharmafirmen geschlossen und es schwierig sei, als Außenstehender Einblick zu bekommen oder Kritikbereitschaft herzustellen.

Indische Kinder bei der Essens-Ausgabe

Gerade in armen Ländern wie Indien werden Patienten oft benutzt

Zwischen 2007 und 2011 sind die durchgeführten veröffentlichten Medikamentenstudien in der Europäischen Union um ein Viertel gesunken – unter anderem, weil in West- und Mitteleuropa immer weniger Menschen an Arzneimittel-Studien teilnehmen wollen. In etwa dem gleichen Zeitraum stieg die Zahl der Studienteilnehmer in Russland von 500 auf 6.500. Neben Russland haben Pharmaunternehmen inzwischen auch in der Ukraine, in China und in Indien kostengünstige und unbürokratische Ausweichmöglichkeiten gefunden. In diesen Ländern sind viele Menschen arm und Kranke können sich oft die teuren Medikamente nicht leisten. Die Aufklärung der Patienten und Patientinnen komme dabei zu kurz, sagt Sarojini Nadimpally. Die Gesundheitswissenschaftlerin aus New Dehli arbeitet für SAMA, eine Frauenrechtsorganisation. Die Patienten nähmen die kostenlosen Leistungen in einer Studie oft dankbar an, ohne genau zu wissen, was sie da bekämen. Sie vertrauten den Ärzten blind, so dass es leicht sei, von ihnen eine Einverständniserklärung für fast alles zu bekommen.

Vor dem höchsten Gericht Indiens gibt es verschiedene Klagen, weil Pharmafirmen Patienten nicht entschädigen wollen, wenn bei ihnen Nebenwirkungen bei den Arzneimitteltests aufgetreten sind. Inzwischen müssen sie zwar Entschädigungen zahlen – aber die Strafen fallen viel geringer aus als in westlichen Ländern.

Der EU-Kommission ist die Durchführung der Zulassungsstudien in Schwellen- und Entwicklungsländern schon lange ein Dorn im Auge – auch deshalb, weil sich die Sicherheit eines Arzneimittels bei so unkontrollierten Studienbedingungen nicht garantieren lässt. Deshalb soll eine Verordnung für Arzneimitteltests die Studienbedingungen für Pharmafirmen auch in Europa attraktiver machen. Sie soll Mitte 2016 in Kraft treten und verspricht weniger Bürokratie bei den Genehmigungsverfahren für klinische Prüfungen. Ursprünglich wollte sie sogar auf Ethikkommissionen verzichten. Dabei sind gerade diese wichtig, da sie das Wohl der Studienteilnehmer und die Patientenrechte bei klinischen Studien gewährleisten. Der Protest von Gesundheitspolitikern und Patientenorganisationen wurde gehört. Inzwischen haben sich die EU-Parlamentarier geeinigt, dass Ethikkommissionen im jeweiligen Land den klinischen Prüfungen grundsätzlich zustimmen müssen.

Eine alte Praxis

Einzelne Experimente an Menschen sind schon aus der Antike bekannt, aber systematisch durchgeführt wurden sie erst mit der Entwicklung der naturwissenschaftlich orientierten Medizin selbst. Im 18. Jahrhundert entwickelte sich diese andere Sicht vom Leib, von Gesundheit, Krankheit und menschlichem Leben. Die wissenschaftlich orientierten Mediziner sahen den menschlichen Körper als in Einzelteile zerlegbare Materie, wollten ihm seine "Geheimnisse" entreißen. Geforscht wurde vor allem an armen und ahnungslosen Menschen sowie an Abhängigen, zu Hause – aber auch in den Kolonien.

Relief Asklepios mit Schutzflehenden

Schon in der Antike gab es Versuche an Menschen

Viele Versuchspatienten starben. Solange die Menschen aus den ausgegrenzten Schichten oder den Kolonien kamen, störte dies kaum jemand. In Deutschland wurde diese Praxis erst zum Skandal, als auch bürgerliche Kreise betroffen waren: 1930 starben in Lübeck 76 Kinder bei Impfversuchen mit einem neuentwickelten Serum. Dies veranlasste 1931 das Reichsgesundheitsministerium, erstmals ethische Richtlinien für die Forschung am Menschen zu erlassen. Darin akzeptierte man zwar das Experiment als legitimes Mittel der Erkenntnis, nahm jedoch gleichzeitig die Ärzte in die Pflicht, die Verantwortung für Leben und Gesundheit der Versuchspersonen zu tragen. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 wurden diese ethischen Richtlinien wieder außer Kraft gesetzt.

Der Schritt vom Tierversuch zum Menschenexperiment in großem Maßstab wurde mit Kriegsbeginn 1939 vollzogen. Plötzlich verfügten Wissenschaftler über ein riesiges Reservoir an Menschen, die zu Unmenschen degradiert wurden: Juden, Roma und Sinti, Kriegsgefangene und zum Tode verurteilte Widerstandskämpfer. Auch während des Nürnberger Ärzteprozesses verteidigten einzelne Mediziner ihre Experimente als wissenschaftlich notwendig und sinnvoll.

Ebola macht´s möglich

Von der Medikamentenentwicklung bis zur Zulassung eines Medikaments können heute 10, manchmal auch 15 Jahre ins Land gehen. Schließlich muss das Arzneimittel nicht nur wirksam sein, sondern es darf auch keine schweren Nebenwirkungen für die Patienten haben. Einen neu entdeckten Wirkstoff erproben Forscher zunächst an Tieren, bevor sie ihn in der nächsten Phase an einer kleinen Gruppe gesunder Probanden testen. Stimmen Aufsichtsbehörde und Ethikkommissionen dem Studiendesign zu, werden die Arzneimittel an Patientinnen und Patienten getestet. Bei einer akut auftretenden Epidemie wie Ebola ist ein solch langer Vorlauf aber kaum möglich. Philipp Frisch, Koordinator der Medikamentenkampagne bei „Ärzte ohne Grenzen“:

Ebola, Liberia, Difäm, Tübingen, Hilfe, 2014

Experimentelle Medikamente werden an Patienten erprobt

Darf man einzelne Menschen opfern, um der Allgemeinheit zu dienen? Diese Frage wurde durch die Ebola-Epidemie in Westafrika hochaktuell. Eine medikamentöse Behandlung oder gar ein Impfstoff stehen nicht zur Verfügung, da sich die Entwicklung für die Pharmafirmen bisher nicht gelohnt hat. Wenn Patienten einwilligen, können aber direkt an Erkrankten Studien durchgeführt werden, zum Beispiel in Behandlungszentren  von "Ärzte ohne Grenzen" in Westafrika. Die ersten Ergebnisse waren vielversprechend, weitere stehen noch aus.

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