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Langeweile gibt es auch in Paarbeziehungen.

SENDETERMIN Do, 21.12.2017 | 8:30 Uhr | SWR2

Forschungen über ein unterschätztes Gefühl Langeweile

SWR2 Wissen. Von Martin Hubert

Langeweile: die negative Kehrseite der Muße. Menschen mit Depressionen erleben Langeweile häufiger. Auch wer esssüchtig ist oder Drogen konsumiert, kennt sie gut. Gelangweilte Menschen denken radikaler und ideologischer, haben Forscher herausgefunden. Ist Langeweile die Ursache dafür oder nur eine Begleiterscheinung?

Sie überfällt einen gern an Feiertagen, wenn sich zwischen Kaffeetrinken und Nichtstun die Zeit schier unendlich dehnt. Seit Jahrhunderten machen Menschen die gleichen Erfahrungen mit Langeweile: Manchmal hält man sie kaum aus und ist schlecht gelaunt. Aber manchmal sehnt man sich auch nach ihr und schon der Gedanke daran entspannt einen.

Schriftsteller und Philosophen haben das immer wieder beschrieben. Es hat lange gedauert, bis sich auch die "harten" Wissenschaften an dieses verzwickte Gefühl herangetraut haben. Erst seit kurzem versuchen Psychologen und Neurowissenschaftler ihm systematisch auf die Schliche zu kommen.

Psycho-Experimente mit Langeweile

Sie konzentrieren sich vor allem auf das veränderte Körper-und Zeiterleben, das mit der Langeweile einhergeht. Um solche Gefühle im Labor zu erzeugen und messbar zu machen, schrecken die Forscher vor nichts zurück.

Smartphone-Junkies versuchen die Langeweile zu vertreiben

Smartphone-Junkies versuchen die Langeweile zu vertreiben

Manche quälen ihre Probanden, indem sie ihnen seitenweise Telefonnummern vorlesen. Einige Wissenschaftler zeigen monotone Videos über Fischzucht. Andere lassen ihre Versuchspersonen permanent per Mausklick eine Klammer auf einem Computerbildschirm um ein Viertel drehen.
Der Psychologe James Danckert von der kanadischen University of Waterloo dagegen probiert es seit einiger Zeit mit dem Video "Two guys hanging in a laundry", das seine Doktorandin Colleen Merrifield produziert hat.

Gehirn schaltet ab

James Danckert untersuchte, was im Gehirn seiner Versuchspersonen passiert, während sie das Wäscheaufhängvideo sehen: Bei ihnen wird der so genannte vorderen insuläre Cortex herunter reguliert wurde. Diese Hirnregion ist nötig, um in einen Zustand überzugehen, in dem wir unser Denken und Verhalten gezielt kontrollieren und steuern.

Das deutet Danckert so: Gelangweilten Menschen bieten die Reize der Innen- und Außenwelt keinen Anreiz mehr, sich zielgerichtet mit ihnen zu beschäftigen.

Leere Bierflasche liegt auf dem Boden

Die Spannung zwischen hoher Erregung und fehlender Befriedigung sorgt dafür, dass man Langeweile letztlich immer als fürchterlich empfindet

Sie geraten zunehmend in einen Zustand reduzierter Geistestätigkeit. Entscheidend sei, dass das Gehirn irgendwann den Bereich fast völlig herunterschaltet, mit dem wir gezielt auf interessante Reize reagieren können.

Eigentlich möchte man also gerne interessante Reize erleben, das Gehirn wartet aber gar nicht mehr darauf und läuft ungesteuert vor sich hin. Also ärgert man sich und hofft sehnsüchtig darauf, dass diese Situation durch irgendetwas verändert wird.

Hohe Erregung im Körper

Eine Mehrheit der Forscher würde momentan wohl folgende Definition von Langeweile unterschreiben: Es handelt sich um eine Emotion, bei der jemand eigentlich motiviert ist, etwas Bedeutungsvolles zu tun. Dieser Wunsch wird aber nicht befriedigt, so dass unangenehme Gefühle aufkommen.

Gelangweilte Jugendliche

Langeweile und Aggression können miteinander zusammenhängen.

Die betroffene Person bewertet daher die gesamte Situation als negativ, gerät in einen inneren Leerlauf und ärgert sich deshalb. James Danckert ist außerdem davon erzeugt, dass Langeweile mit einem relativ hohen körperlichen Erregungsniveau einhergeht.

Nach Danckert belegt der gesunkene Hautwiderstand, dass die Gelangweilten die Kontrolle über ihre Aufmerksamkeit verlieren. Der Anstieg des Herzschlags und des Cortisolspiegels zeigen für ihn an, dass das körperliche Erregungsniveau hoch ist. Und das sei Ausdruck dafür, wie motiviert die Betroffenen eigentlich noch immer sind, aus dieser unangenehmen Situation heraus zu kommen.

Fantasie und Depression

Das unterscheide Langeweile von Apathie, wo dieser Antrieb verloren gegangen ist. Langeweile "lebt" sozusagen von der Spannung zwischen dem inneren Wunsch nach Aktivität und der äußeren Situation, die die Befriedigung dieses Wunsches verhindert. Letztendlich ist Langeweile für James Danckert daher im Grunde eine negative Emotion.

Spannung zwischen hoher Erregung und fehlender Befriedigung sorge dafür, dass man Langeweile letztlich immer als fürchterlich empfinde. Einige Studien anderer Forscher zeigten bereits, dass Menschen, die depressiv sind, auch häufiger Langeweile empfinden. Es ist allerdings noch nicht klar, ob Langeweile die Depression verursacht oder umgekehrt.

Menschen, die depressiv sind empfinden auch häufiger Langeweile. Es ist allerdings noch nicht klar, ob Langeweile die Depression verursacht oder umgekehrt.

Menschen, die depressiv sind empfinden auch häufiger Langeweile. Es ist allerdings noch nicht klar, ob Langeweile die Depression verursacht oder umgekehrt.

Andererseits, in mehreren Studien hat Eric Igou von der Universität im irischen Limerick zusammen mit Wijnand van Tilburg vom Kings College in London gezeigt, dass gelangweilte Menschen tatsächlich ihre Fantasie spielen lassen. Sie schwelgen in nostalgischen Erinnerungen oder entwickeln plötzlich neue Ideen zu uralten Problemen.

Langeweile kann positiv und negativ sein

In vielen Künstlerbiografien kann man ähnliches nachlesen: Quälende Langeweile kann die Fantasie beflügeln. Maler sitzen nicht selten unendlich lange gelangweilt vor ihrer Staffelei, brüten dabei aber eine Farbidee aus, die dann zu einem Bild führt. Oder Schriftsteller finden auf diesem Weg endlich die richtige Metapher oder das treffende Wort in einem Satz.

Den Umgang mit Langeweile kann man lernen

Den Umgang mit Langeweile kann man lernen.

Die nicht unbedingt künstlerisch veranlagten Versuchspersonen in den Experimenten von Eric Igou spendeten zum Beispiel mehr Geld für fingierte Hilfsorganisation als nicht Gelangweilte. Sie wollten also etwas sozial Sinnvolles tun.

Wer sich darin übt, seine Gefühle, Fantasien und Wünsche wahrzunehmen und zu regulieren, der wird auch mit der Langeweile besser zurecht kommen und sie kreativ nutzen können. Das ist das Rezept von Eric Igou. Langeweile kann also positiv und negativ sein.

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