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Zwei Lehrer sitzen in einem Klassenraum und betrachten einen Laptop

SENDETERMIN Sa, 27.1.2018 | 8:30 Uhr | SWR2

Lernen bis ins hohe Alter Erwachsenenbildung

SWR2 Wissen. Von Silvia Plahl

Die Welt verändert sich rasant. Deshalb sollen und wollen wir das ganze Leben lang lernen, auch im Rentenalter. Aber was genau ist gemeint, wenn von "Bildungsrendite" die Rede ist und vom "Wissenskapital der Nation"? Welche Kenntnisse und Fähigkeiten sollten Erwachsene trainieren? Wie kann man sie erlernen?

Wir lernen in erster Linie, um gut durchs Leben zu kommen. Doch Bildung gewinnt zunehmend auch als gesellschaftlicher Rohstoff und Wirtschaftsfaktor an Bedeutung. Deutschland hat noch viel aufzuholen in diesem Bereich – da sind sich die Experten einig.

Was ist eigentlich Bildung?

Es gibt Rechte und Pflichten, die eine gute Bildung garantieren sollen. In Deutschland fußt das Recht auf Bildung zunächst einmal auf der Schulpflicht, für die berufliche Ausbildung sind daneben auch Universitäten und Arbeitgeber verantwortlich. Danach haben Berufstätige in fast allen Bundesländern – außer Bayern und Sachsen – ein gesetzlich verankertes Recht darauf sich fortzubilden. Eine offizielle Weiterbildungspflicht für Erwachsene gibt es allerdings nicht.

Trend zum lebenslangen Lernen

Die Erfahrung zeigt, dass der Trend zum lebenslangen Lernen einer sich verändernden Lebenswelt entspringt. Für den Tübinger Professor für Erwachsenenbildung Josef Schrader ist "lebenslanges Lernen eine Reaktion auf die Tatsache, dass wir heute alle die Erfahrung machen, dass das, was wir üblicherweise zuhause, in der Schule, in der Berufsausbildung lernen, nicht reicht, um ein autonomes Leben zu führen". Schule stattet uns seiner Meinung nach nur mit einer grundlegenden Bildung aus, die einen nur begrenzt auf die Suche nach einem Arbeitsplatz, die Erziehung von Kindern oder den Umgang mit Flüchtlingen vorbereitet.

Lernen bis ins hohe Alter

Wir lernen nicht für die Schule, sondern fürs Leben.

Bildung birgt nicht nur individuelle Vorteile, sondern wirkt sich auch positiv auf die ganze Gesellschaft aus. Professor Ludger Wößmann erforscht die ökonomischen Effekte von Bildung und bestätigt, "dass höhere Bildung mit höherem Einkommen und mit einer höheren Wahrscheinlichkeit einhergeht, einen Job zu haben". Dabei gilt die Regel: Je früher man ansetzt, desto höher ist die Rendite. Bei der Bildung von Erwachsenen ist diese Rechnung nicht ganz so eindeutig. Als Erwachsener sei es besonders wichtig, seine Kompetenzen aktuell zu halten und dem strukturellen Wandel der Zeit anzupassen. Dabei geht es vor allem um Basiskompetenzen, also "Fähigkeiten, die man braucht, um erfolgreich im Leben zu sein. Gerade im Gegensatz zu Abschlüssen, die möglicherweise irgendwann nicht mehr nachgefragt werden."  

Pisa-Studie für Erwachsene

Was Basiskompetenzen sind und was sie über die Bildung eines Menschen aussagen, wurde in der 2013 veröffentlichten PIAAC-Studie des OECD untersucht. In dem "Pisa für Erwachsene" wurden Leseverständnis, mathematische Alltagsaufgaben und Problemlösungen am Computer bei 16- bis 65-Jährige in 24 Ländern getestet. Die teilnehmenden Deutschen positionierten sich im Mittelfeld.

Blickt Ludger Wößmann nun rein ökonomisch auf diese PIAAC-Aufgaben, stellt er fest, dass es nicht "berufsspezifische Kompetenzen, sondern ganz klassische Dinge wie Alltagsmathematik oder Lesekompetenz" sind, die den wirtschaftlich messbaren Ertrag steigern – "sowohl auf individueller als auch auf gesamtgesellschaftlicher Ebene".

Teilnehmer eines Computerkurses an der Volkshochschule

Besonders als Erwachsener ist es wichtig, seine Kompetenzen aktuell zu halten und sie dem strukturellen Wandel der Zeit anzupassen.

Deutsche Forscher erhoffen sich, durch die "National Educational Panel Study" (NEPS), herauszufinden, wie solche Kompetenzen sich abhängig von privaten Ereignissen und beruflichen Entscheidungen entwickeln. Neben den allgemeinen Grundkompetenzen werden in der NEPS auch Biographie und Lebensumstände berücksichtigt.

Die Basis ist entscheidend

Am Leibniz-Institut für Bildungsverläufe untersucht Pädagogikprofessor Hans-Günther Roßbach, wie sich das Lernen durch ein Menschenleben zieht. Dabei kristallisiert sich heraus, dass eine gute Grundbildung die entscheidende Basis ist, sich überhaupt weiterbilden zu können.

Eine weitere zentrale Erkenntnis ist, dass es oft unverhoffte Motivationen für Weiterbildungen gibt – freiwillig und privat. Ein Hausbau oder die Renovierung der Wohnung etwa fordern Laien kreativ und technisch heraus. Andererseits zeigen die NEPS-Daten auch: Das lebenslange Lernen im Beruf spielt meist nach wie vor die Hauptrolle. Roßbach und seine Kollegen beobachteten, dass "die Betriebe mit den größten Einfluss darauf haben, ob Erwachsene sich weiterbilden. Auch die Finanzierung durch den Betrieb und die Freistellung von Arbeitszeit ist wichtig dafür."

Große regionale Unterschiede

Ein erhebliches Problem sei allerdings die Weiterbildungsgerechtigkeit, erklärt Professor Josef Schrader. "Das ist ein genereller Befund. Hochqualifizierte nehmen etwa dreimal so viel an Weiterbildung teil wie Geringqualifizierte."

Das schlägt sich auch im Weiterbildungsatlas nieder, den Schrader am Deutschen Institut für Erwachsenenbildung (DIE) in Bonn erstellt hat. Der Atlas zeigt große regionale Unterschiede in Deutschland. Gerade in den Kommunen oder Kreisen, in denen oft sozial schwache und geringqualifizierte Menschen leben, gibt es kaum eine Möglichkeit sich fortzubilden. Eine Aufforderung an Politiker, sagt Schrader: "Es ist eine zentrale öffentliche Aufgabe dass der Staat, die Länder, die Kommunen dafür sorgen, dass es eine hinreichende Infrastruktur von Weiterbildung gibt, die für alle Adressatengruppen erreichbar ist."

Deutscher Weiterbildungsatlas

Der Deutsche Weiterbildungsatlas vom Deutschen Institut für Erwachsenenbildung zeigt deutliche regionale Unterschiede.

Grundrecht auf Bildung

Die Aufgabenstellung an die öffentliche Hand müssten dafür sorgen, dass die Rahmenbedingungen für ein deutsches Bildungskapital stimmen. Das Problem liegt für Schrader ganz klar auf der Hand: die Lehrkräfte. "Es gibt in dem Bereich mehr als in der Schule. Und sie kommen häufig ohne pädagogische Fortbildung in diesen Bereich. In der Regel stützen sie sich auf ihre fachliche Kompetenzen." Und da will man nun ansetzen, um die Weiterbildungsqualität insgesamt zu steigern. Dazu wurde das Portal www.wb-web.de ins Leben gerufen, auf dem Weiterbildungskräfte sich informieren können und ihnen ein Rüstzeug an die Hand gegeben wird.

Der Schriftzug Volkshochschule

Volkshochschulen stehen noch immer im Zentrum der Fortbildungen für Erwachsene. Aber auch der freie Markt wächst. Und mit ihm die Anforderungen.

Weiterbildungskräfte weiterbilden

Dazu zählt zum einen das Arbeiten mit digitalen Medien, aber auch eine neue Methodik, die sich an der Ermöglichungsdidaktik ausrichtet. Das bedeutet, dass Inhalte allein nicht bilden. Man könne Erwachsene zwar belehren. Ihr Lernen finde aber immer auf eigene Weise und "eigensinnig" statt. Erwachsenen müsse man die Chance geben, das zu lernen, was sie interessiert. Für einen Kurs bedeutet das: Die Lehrenden verhalten sich wie Lernbegleiter oder auch Berater. Sie stellen den Stoff vor, mischen die Methoden – und lassen sich auf die Lernbereiten ein, die allesamt schon Wissen und Können mitbringen. Erwachsenen ist meist klar, was sie lernen wollen – sie suchen nur nach neuen Anregungen dafür, sich das auch anzueignen.

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