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Eine EU Fahne mit einem Friedenssymbol

SENDETERMIN So, 9.12.2018 | 8:30 Uhr | SWR2

Europa - Der Kontinent der Kulturen

SWR2 Wissen: Aula. Von Jürgen Wertheimer

Was ist eigentlich Europa? Ein Wirtschaftsraum, ein Hort abendländischer Kulturen, die Wiege globalen Handelns und Denkens? Jürgen Wertheimer, Professor für Neuere deutsche Literatur an der Universität Tübingen, mit Antworten jenseits üblicher Klischees.

Der Vortrag von Jürgen Wertheimer auf einen Blick:


1. Suche nach Europa

Die Diskussion um Europa tritt auf der Stelle. Die einen sehen den Kontinent als in sich zerfallendes Konglomerat aus einzelnen Bestandteilen, die kaum etwas miteinander zu tun haben; die anderen beschwören wieder und wieder die Idee eines gemeinsamen Hauses Europa. 

Die einen verweisen auf höchst unterschiedliche historische und politische Erfahrungen des gespaltenen Kontinents, auf das totalitäre Erbe vieler Regionen, auf die Spätfolgen der Kolonialgeschichte.

Die anderen beschwören den inneren Zusammenhalt auf der Grundlage "europäischer Werte". Wieder andere entwerfen Strategiepapiere, um der gegenwärtig spürbaren Krise zwischen Defätismus und Vision zu entkommen.

Wir müssen angesichts dieser Verunsicherungen dringend über uns selbst nachdenken. Wir müssen fragen, was die wirklichen Eigenarten des Systems Europa sind.  

2. Europa - die Amöbe

Dieses Etwas, das sich Europa nennt, ändert seinen Umriss wie eine gigantische geografische Amöbe. Mal leckt die Zunge Europas an Sibirien, dann wieder zuckt sie zurück und reicht nur bis zum Ural oder zur Oder-Neiße-Grenze. Das spätantike Europa umfasste den byzantinischen Raum – dann wieder war in Wien Schluss. Es gab Zeiten, da erreichte Europa den gesamten Mittelmeerraum einschließlich Nordafrikas – gegenwärtig schotten wir die Außengrenzen genau davor ängstlich ab.

Unter Kaiser Trajan erreichte das Römische Reich seine größte Ausdehnung und erstreckte sich rund um das Mittelmeer über drei Kontinente.

Unter Kaiser Trajan (53 - 117) erreichte das Römische Reich seine größte Ausdehnung und erstreckte sich rund um das Mittelmeer über drei Kontinente. "Karte des Römischen Reiches in seiner größten Ausdehnung". Historische Landkarte von 1890.

Die Kontur Europas verändert sich fortwährend und ist nie auf einen Zustand fixierbar. Ständig galt und gilt es, neue Regelwerke zwischen den einzelnen Modulen zu ersinnen, Membranen zwischen ihnen aufzulösen oder zu verstärken. Kurz: Europa ist ein liquider Verbund, ein Biotop der Überlagerungen – und alles andere als ein Normierungskartell.

3. Europa ist Kommunikation

Eines war und ist für den Kontinent aus Ambivalenzen und Grauzonen, Zwischentönen und Vermischungen wichtiger als alles andere: Kommunikation und Austausch! Lebensformen, die immer wieder auf Ähnliches, oft Gleiches stoßen, sind nicht gezwungen, sich selbst infrage zu stellen.

Solchen jedoch, die sich an allen Ecken und Enden mit Neuem, mit Unbekannten, mit Fremden konfrontiert sehen, bleibt keine andere Wahl, als sich mit dem anderem vertraut zu machen oder ihm zu misstrauen, sich davon abzugrenzen oder Kontakt zu suchen.

Gemeinsamkeit und Zugehörigkeit sind immer wieder neu zu definieren und es ist nötig, einen komplizierten Modus des Zusammenlebens unter besonderen Bedingungen zu ersinnen. 

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