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Sokrates - Anklage und Prozess

Was wurde Sokrates vorgeworfen?

Was wurde Sokrates vorgeworfen? Worauf bezog sich die Anklage, Sokrates verderbe die Jugend? Kai Trampedach, Professor für Alte Geschichte an der Universität Heidelberg, beantwortet Fragen zum Prozess des Sokrates.

Was wurde Sokrates vorgeworfen?
Die Anklage lautete: Sokrates tut Unrecht, weil er die Götter, die die Polis anerkennt, nicht anerkennt; er führt stattdessen neuartige dämonische Wesen ein; er tut außerdem Unrecht, indem er die jungen Menschen verdirbt. Diese Anklage lässt sich mit dem Wort asébeia zusammenfassen, und das ist nun ein zentraler Begriff; im Athen des 5. und 4. Jahrhunderts sind relativ viele Prozesse unter dieser Anklage geführt, mit diesem Begriff begründet worden. Was heißt nun eigentlich asébeia? Was wird damit gemeint? Der Begriff bezieht sich nicht nur auf Phänomene, die wir heute ohne weiteres als religiös bezeichnen würden. Es gibt eine Definition aus der Aristoteles-Schule, die den tatsächlichen Wortgebrauch gut abbildet: Demnach ist Asebie „Frevel in Bezug auf die Götter und die Dämonen oder die Verstorbenen und die Eltern und das Vaterland“. Der religiösen Sphäre entsprungen, bezeichnet Asebie im weiteren Sinne die Verletzung aller wesentlichen sozialen Beziehungen, deswegen sind die Eltern hier mit im Spiel, nicht nur die Götter, auch die Eltern, die Verstorbenen – und eben das Vaterland, die Polis, die Patria. Das Verderben der Jugend lässt sich hier ohne weiteres anknüpfen.

Worauf bezog sich die Anklage, Sokrates verderbe die Jugend?
Sokrates’ Wirken richtete sich vornehmlich an junge Leute, und er war häufig von jungen Leuten umgeben. Aus diesem Kreis waren nun einige Leute sehr unrühmlich in Erscheinung getreten, und zwar bei den beiden oligarchischen Putschen, die es in Athen am Ende des 5. Jahrhunderts gab, insbesondere bei der Terrorherrschaft der „Dreißig“ 404/403 - Leute wie Platons Onkel Kritias und Charmides spielten hier eine hervorgehobene Rolle. Außerdem gab es noch einen ganz besonders wichtigen und intelligenten Politiker, nämlich Alkibiades, der zumindest zeitweise ebenfalls enge Beziehungen zu Sokrates unterhalten hatte. Dieser Mann hat Athen unermesslichen Schaden zugefügt. Im Großen und Ganzen konnten die Athener das Gefühl gewinnen, hier gibt es jemanden, der aufgeweckte Jugendliche aus den besseren Kreisen sozusagen auf einen falschen Weg führt.

War der religiöse Aspekt der Anklage, das Nicht-Anerkennen der Polisgötter und die Einführung von neuartigen dämonischen Wesen, nicht nur ein Vorwand, um einen lästigen Querdenker loszuwerden?
Ja, das mag zutreffen, wenn man die Motivation der Ankläger betrachtet. Gleichwohl ist die Art der Anklage nicht aus der Luft gegriffen. Sowohl Platon als auch Xenophon, unsere beiden einzigen zeitgenössischen Quellen, berichten, dass Sokrates in seiner Verteidigungsrede auf den Vorwurf eingegangen ist und sich offensiv zu den religiösen Wurzeln seiner Mission bekannt hat. Insbesondere geht es hier um das berühmte Daimonion.


Was ist das Daimonion?
Eine Art göttliche Stimme, die Sokrates häufig auch bei kleineren Anlässen hört. Nach Platon warnt die Stimme, wenn sie sich meldet, vor bestimmten Handlungen, rät aber nie zu solchen. Für Xenophon dagegen ist das Daimonion eine mantische Kommunikationsweise unter anderen (wie Orakel, Vogel- oder Opferschau) und keineswegs nur abratender Art.

Warum war das Daimonion für die Athener ein Problem?
Sokrates behauptet, dass sein Wirken eine göttliche Legitimation besitzt. Dabei beruft er sich auch auf konventionelle Phänomene wie Träume und Orakel, vor allem aber auf das berühmte Daimonion. Daß sich Sokrates zu einer Art Göttermedium erklärte, ohne auf legitimierende Bewusstseinszustände (wie Ekstase oder Trance) verweisen oder die traditionelle Rolle eines Sehers spielen zu können, erschien den Athenern vermutlich als dreiste Anmaßung. Außerdem wollten sie kein wandelndes Orakel in der Stadt haben. Denn die Athener haben ja auch durchaus selbst Orakel eingeholt; die Orakel befanden sich aber nicht in der Polis, sondern eben auswärts, man musste dazu Boten nach Delphi oder Dodona schicken. Vorher gab es dafür einen formalen Beschluss der Polis. Das ist aber eine ganz andere Situation, als wenn jetzt jemand in der Polis auftritt und behauptet, er habe göttliche Eingebungen, er sei selbst ein göttliches Medium. Denn dieses Daimonion ist ja prinzipiell nicht objektivierbar und damit auch keiner Deutung in öffentlicher Debatte zugänglich. Also wenn jemand sich auf so etwas beruft, dann bringt er das sozusagen gegen die legitimen Verfahren – in diesem Fall die Debatte und Abstimmung in der Volksversammlung – in Stellung, und das waren die Athener nicht so ohne weiteres bereit hinzunehmen. Athen war eben nicht Jerusalem!

Wie kommen Sie jetzt auf Jerusalem?
Nun, Jerusalem kann hier in gewisser Weise als ein Gegenmodell zu Athen dienen. Wenn man den Sokrates-Prozess mit dem Prozess vergleicht, der angeblich gut 100 Jahre früher gegen den Propheten Jeremias geführt wurde, werden die Unterschiede auf idealtypische Weise deutlich. Jeremias wurde vor Gericht gezogen, weil er im Vorhof des Tempels gegen die Stadt geweissagt, d.h. Unheil für Jerusalem prophezeit hatte. Ganz ähnlich wie Sokrates behauptete Jeremias zu seiner Verteidigung: "... der Herr hat mich wirklich zu euch gesandt, damit ich euch alle diese Worte in die Ohren rufe". Jedoch anders als in Athen verfing das Argument, wie der Bericht weiter zeigt: "Da sagten die Beamten und das ganze Volk zu den Priestern und Propheten: Dieser Mann hat den Tod nicht verdient; der hat zu uns im Namen des Herrn, unseres Gottes, geredet." Und einige von den Ältesten verwiesen auf den Präzedenzfall des Micha, der zur Zeit des Königs Hiskija (um 700) als Prophet wirkte. Auch wenn es zur gleichen Zeit andere Propheten in Juda gab, die die Verkündung ihrer Unheilsvisionen mit dem Leben bezahlten (Jer 26,20-24), zeigt der Fall des Jeremias, dass man sich in der öffentlichen Debatte mit Erfolg auf göttliche Inspiration berufen konnte. Genau diese Möglichkeit bestand, wie das Beispiel des Sokrates verdeutlicht, in Athen nicht. Eine politiktranszendierende Wahrheit, die einzelnen Bürgern eine hervorragende Stellung verschafft hätte, konnte und durfte es in der athenischen Demokratie nicht geben.

Gibt es weitere Gründe, die die Verurteilung des Sokrates durch die Athener erklären können?
Oh ja! Sokrates verhielt sich nicht so, wie das von einem athenischen Bürger erwartet werden durfte. Zwar erfüllte er im Rahmen der Verfassung seine Pflicht, indem er seinem Wehrdienst nachkam sowie die ihm zugelosten Ämter verwaltete. Aber er beteiligte sich nicht aktiv am politischen Geschehen; er trat nicht als Antragsteller oder Redner in der Volksversammlung auf; er bewarb sich nicht um Ämter. Gut, in Athen war jedermann so frei, Privatmensch, idiótes, sein zu können und sich aus der Politik herauszuhalten. Sokrates hielt sich aber nicht heraus, also weder betätigte er sich politisch noch das Gegenteil, er hielt sich auch nicht zurück, sondern er betrieb eine Art alternative Politik, die er die eigentliche Politik nannte – eine Politik, die programmatisch nicht im Rahmen der Institutionen verlief, die Rhetorik ab- und die Dialektik als Gesprächskunst aufwertete, die an der Seele des Einzelnen ansetzte, den Einzelnen besser machen wollte – als Bedingung der Möglichkeit einer besseren Politik. Der Nachwuchs der politischen Elite Athens ließ sich teilweise von diesen ungewöhnlichen Tönen bezaubern; und dieser Erfolg machte die Sache in Augen der Mehrheit umso schlimmer. Ein Außenseiter mit bedenklichen Umgangsformen brachte, so mochte ein Athener Durchschnittsbürger denken, der ambitionierten Jugend Normen bei, die auf eklatante Weise dem athenischen Selbstverständnis widersprachen.

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