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Zwei Personen mit Vögeln in den Armen.

SENDETERMIN Fr, 24.5.2019 | 8:30 Uhr | SWR2

Saint Kilda Das schottische Ende der Welt

SWR2 Wissen. Von Udo Zindel

Ein Dutzend Menschen und eine Million Seevögel leben auf St. Kilda - der außergewöhnlichsten Inselgruppe Schottlands. Weit draußen im Atlantik, ist sie nicht leicht zu erreichen. SWR-Reporter Udo Zindel hat sich auf den weiten Weg gemacht, das - noch - größte Seevogel-Habitat im Nordostatlantik zu erkunden und mehr über die Geschichte St. Kildas zu erfahren.

150 Kilometer vom Festland, im offenen Atlantik, liegt die Inselgruppe St. Kilda. Sie ist die einzige doppelte Welterbestätte Großbritanniens - sie steht auf der UNESCO-Liste sowohl wegen ihrer Natur als auch wegen ihrer kulturellen Bedeutung. In den jähen Abgründen ihrer Klippen fingen bereits jungsteinzeitliche Jäger Eissturmvögel und Basstölpel. In sechs Jahrtausenden entwickelte sich auf St. Kilda, weitgehend isoliert, eine ebenso robuste wie einzigartige Kultur, mit kaum hundert Menschen. Bis zu ihrer Evakuierung 1930 verstanden es die Insulaner, Seevögel nachhaltig zu jagen.

Sechs Männer von Saint Kilda

Sechs Männer von Saint Kilda, Anfang des 20. Jahrhunderts.

Die Reise nach St. Kilda

Sie beginnt grandios, wie die Hebriden-Ouvertüre von Felix Mendelssohn Bartholdy. Die ganztägige Busfahrt vom Flughafen Glasgow bis zum Ausgangshafen auf der Isle of Skye führt ins Herz der Highlands: das düstere Tal von Glencoe, flankiert von schroffen, baumlosen Gipfeln, von denen Dutzende Wasserfälle zu Tale schäumen. Hinter der lieblichen Küste des Loch Linnhe ragt Schottlands höchster Berg, Ben Nevis, in den Himmel. 

Auf Skye dann ganz großes Theater: Meeresarme reflektieren den von düsteren Wolken zerrissenen Abendhimmel, der in Rot-, Orange- und Gelbtönen leuchtet. Punkt sieben Uhr am nächsten Morgen beginnt die Überfahrt, zum 140 Kilometer entfernten St. Kilda. Erst überquert man den Minch – den rauen Meeresarm zwischen den Inneren und Äußeren Hebriden.

Blick zurück, nach der Passage des Sound of Harris.

Blick zurück, nach der Passage des Sound of Harris.

Dann passiert man den Sound of Harris, wegen seiner Unterwasserfelsen eine der am schwierigsten navigierbaren Wasserstraßen Schottlands. Und schließlich bleibt nur noch offener Atlantik – bis Boreray, die östlichste Insel St. Kildas, in Sicht kommt. Eine kilometerlange Wolkenschleppe lässt sie wie einen feuerspeienden Vulkan wirken.

Die Seevögel

Auf dem 170 Meter hohen Stac Lee, der zweitgrößten Felsnadel Großbritanniens, fingen die Insulaner einst Basstölpel. Fotos von diesem, von Guano verfärbten Monolith, sehen aus, als wären sie verstaubt. Doch die „Staubkörnchen“ sind tatsächlich zahllose Basstölpel, die um den Felsen kreisen. St. Kilda ist das größte Seevogel-Habitat im Nordost-Atlantik, mit einer Million brütender Tiere: Papageientaucher, Eissturmvögel, Trottellummen, Tordalken, Raubmöwen, Wellenläufer und ein Dutzend anderer Arten.

Vogeljäger von Saint Kilda

Vogeljäger von Saint Kilda.

Bei der Ankunft auf der Hauptinsel Hirta sind zunächst weniger Vögel zu sehen, als auf einer norddeutschen Ferieninsel, wo schon über den Fähren Dutzende Möwen kreisen, mit ihrem Fernweh weckenden Ruf. Auf St. Kilda muss man zu den Vögeln wandern. Sie brüten in Klippen, die zu den höchsten Europas zählen. Bei böigem, starkem Wind rutsche ich auf dem Hosenboden an die Abbruchkante des Hauptgipfels Conachair.

Als ich dort leidlich sicher sitze, kann ich mich nicht satt sehen an den kühnen Flugmanövern der Eissturmvögel z.B., die aus Neugier und schierer Lust am Fliegen um mich herum wirbeln. Traurig zu wissen, dass ihre Bestände wegen des Klimawandels dramatisch zurückgehen. Bedingt durch den Klimawandel gibt es immer weniger Vögel. "Die Inseln könnten sich bis zur Unkenntlichkeit verändern", warnt der National Trust for Scotland

Blick in die höchste Klippe Großbritannines

Blick in die höchste Klippe Großbritannines.

Die Menschen

St. Kilda war, bis zur Evakuierung der letzten Bewohner 1930, eine der am meisten fotografierten Inselgruppen der Welt. Schwarz-Weiß- Fotos zeigen Gesichter, die die längste Zeit des Lebens unter freiem Himmel, in Wind und Wetter verbringen. Bloße Füße, bei fast jeder Wetterlage. Die Frauen in hochgeschlossenen, von ihren Männern genähten Arbeitskleidern, die Haare in der Mitte gescheitelt und zurückgebunden. Die Männer in zerschlissenen Schafwollhosen und –Kitteln, auf ihren bärtigen Köpfen tam o’shanters – flache Bommel-Mützen.

Bewohner von Saint Kilda in den 1890er Jahren.

Bewohner von Saint Kilda in den 1890er Jahren.

Sechs Jahrtausende haben Menschen auf Schottlands entlegenstem Archipel überdauert – und vor allem von Seevögeln gelebt. Männer wurden in den Abgründen der Klippen kletternd fotografiert, wo sie in den Sommermonaten Zehntausende von Vögeln fingen. Fleisch und Eier dienten ihnen als Nahrung. Mit dem Öl der Tiere füllten sie ihre Lampen, mit Tonnen von Seevogel-Federn zahlten sie ihren Zehnten an die Feudalherren auf Skye. Mit den Gerippen der Tiere düngten sie ihre Äcker – und ruinierten sie so, ohne es zu ahnen. Seevogelknochen enthalten Schwermetalle und übersäuern den Boden. Das war einer der Gründe, weshalb die letzten drei Dutzend Insulaner 1930 aufgaben.

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Einblicke in die Geschichte von St. Kilda

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Fünf Männer rudern in einem Boot zu den Sea Stacs.

Fünf Männer rudern in einem Boot zu den Sea Stacs.

Vier Kinder, die auf Saint Kilda lebten.

Drei Männer bereiten sich zum Abseilen vor - zur Vogeljagd in den Klippen.

Tote Eisturmvögel werden ins Dorf getragen

Ein Mann bei der Vogeljagd in den Abgründen der Hauptinsel Hirta

Die Landschaft

Es ist die dramatischste Küstenszenerie Großbritanniens. Die fünf schroffen Inseln des Archipels und seine gewaltigen Sea Stacks sind die Trümmer eines Supervulkans, der bei der Bildung des Atlantischen Ozeans vor rund 65 Millionen Jahren explodierte. Schon vor der Ankunft der ersten Menschen in der Jungsteinzeit waren die Inseln wohl vollständig baum- und strauchlos. Wegen seiner enormen ökologischen Bedeutung als größtes europäisches Seevogelhabitat wurde Saint Kilda zur UNESCO-Welterbe-Stätte gekürt.

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Saint Kilda - Ansichten einer besonderen Insel

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Ein gut erhaltener Cleit- ein Vorratsraum, in dem Vogeleier, getrocknete Vögel und anderes gelagert wurden.

Ein gut erhaltener Cleit- ein Vorratsraum, in dem Vogeleier, getrocknete Vögel und anderes gelagert wurden.

„Infinity“, eines der schnellen, seetüchtigen Motorboote, die Saint Kilda anlaufen.

Die östlichste Insel von St. Kilda - Boreray - kommt in Sicht.

Die Rangerin des National Trust for Scotland, Vivi Bolin, heißt Besucher willkommen.

Die düstere Nordwand der Felsnadel Stac Lee.

Basstölpel im Flug.

Ein junger, noch flugunfähiger Eissturmvogel.

Village Bay, der einzige Hafen Saint Kildas.

Von der Überfahrt „durchgeblasene“ Touristen gehen an Land.

Blick in die höchste Klippe Großbritannines.

The Fairie's House – eine unterirdische Vorratskammer aus der Eisenzeit, bis zu 2.500 Jahre alt.

Der Archäologe des NTS, Craig Stanford.

Der „Feather Store“, ein Lagerhaus für Federn und andere Naturalien, gebaut Ende des 18. Jahrhunderts.

Wiederaufgebaute Cottages im Vordergrund, dazwischen und im Hintergrund Ruinen des alten Dorfes.

Der untere Teil der Klippen am Nordabfall des Hauptgipfels Conachair.

Ein Blick über die kahlen Hügel der Hauptinsel Hirta auf das benachbarte Boreray.

Der Caolos an Duin, ein schmaler Durchlass zwischen der Hauptinsel Hirta und seiner Nachbarinsel Dun.

Soay-Schafe, eine der drei endemischen Arten Saint Kildas. Die Tiere wurden von Siedlern der Jungsteinzeit vor 4.000 bis 5.000 Jahren auf die Inseln gebracht.

Gut erhaltene claitan nahe des Dorfes.

Village Bay mit den Ruinen des alten Dorfes und der Militärbasis dahinter.

Heute bringen Hubschrauber zweimal die Woche Lebensmittel, Post und Medikamente für die Militärangestellten und Rangers, die auf Saint Kilda zweitweise leben und arbeiten.

Das Dorfkirchlein auf Hirta.

Wiederaufgebaute Cottages des alten Dorfes. Dort leben heute Forscher und freiwillige Helfer, und in einem der Gebäude wurde ein kleines Museum eingerichtet.

Die Kulturlandschaft der Insel ist weltweit einzigartig. Im Laufe vieler Jahrhunderte mauerten die Insulaner etwa 1.500 Vorratshäuschen – cleitan auf Gälisch – aus unbehauenem Naturstein und bepflanzten die Dächer mit Gras. Sie dienten ihnen zum Lagern getrockneter Seevögel und ihrer Eier, zum Trocknen von Torf und Grassoden, den einzigen Brennstoffen, und um Vorräte, Werkzeuge und Ackergerät vor rauem Seewetter zu schützen. Und so ist das entlegene Saint Kilda, neben seiner überwältigenden Natur, auch die weltweit am besten erhaltene Kulturlandschaft ihrer Art.

Die Frage nach dem Glück

Sie seien „Wilde“ sagte man den Insulanern im 19. Jahrhundert nach, fern der Zivilisation und aus der Zeit gefallen. Sie hausten im Dreck wie Tiere und seien erschreckend ahnungslos, was die Welt jenseits ihres Horizontes angehe. Tatsächlich waren Schulbildung und Hygiene auf Saint Kilda aus heutiger Sicht katastrophal. In den Wintermonaten erreichte die Insulaner weder Post, noch ein Arzt, der Kranke hätte versorgen, oder ein Priester, der Paare hätte trauen, Kinder taufen und Tote bestatten können.

Calum Mor's House: die einzige, erhalten gebliebene Behausung eines einfachen Menschen vor 1.600 auf den britischen Inseln, eine archäologische Situation.

Calum Mor's House: die einzige, erhalten gebliebene Behausung eines einfachen Menschen vor 1.600 auf den britischen Inseln, eine archäologische Sensation.

Doch hätten die Insulaner mehr Bildung, Komfort oder Kontakt zum Festland gebraucht, um glücklich zu sein? Nein, antworten Kenner des Archipels. Ihr Leben war hart und entbehrungsreich. Aber kein Bewohner St. Kildas soll je in einem Krieg gekämpft haben. Ihre kleine Gemeinschaft kannte kein Verbrechen, keine Armut und keinen unverschämten Reichtum, und – bis zur Ankunft der ersten Priester – auch keine Hierarchie. Alle waren aufeinander angewiesen, jeder hatte seinen Platz. Und sie hatten uns eine entscheidende Zutat zum Glück voraus: Sie waren unter Ihresgleichen geborgen. Vereinzelung, Einsamkeit und Desorientierung waren ihnen ebenso unbekannt wie Äpfel und anderes Obst.

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