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SENDETERMIN Mo, 25.3.2019 | 8:30 Uhr | SWR2

Heilpraktiker vor Gericht Risiko Alternativmedizin?

Von Martina Keller

Ein Heilpraktiker gibt Krebspatienten unerforschte Wirkstoffe, drei Menschen sterben. Ein Einzelfall? Oder ein strukturelles Problem?

Der Fall des Heilpraktikers Klaus R. ging durch die Medien: Er verabreichte Krebspatienten den Wirkstoff 3-Bromopyruvat, auch bekannt als Brombrenztraubensäure. Jetzt steht der Heilpraktiker vor Gericht – unter anderem wegen fahrlässiger Tötung in drei Fällen. Am 29. März ist der Prozessauftakt.

Eine seiner Patienten war Leentje Callens aus Belgien. 2015 wurde bei ihr Bauchspeicheldrüsenkrebs diagnostiziert. Zwar sah es für sie auf dem Papier gut aus – die Ärzte konnten keinen Krebs mehr in ihrem Körper entdecken. Doch sie fühlte sich elend, litt unter Durchfällen, gegen die kein Medikament half, verlor jede Woche an Gewicht.

Alternativmedizin sehr beliebt bei Krebspatienten

Klaus R. ist sicherlich ein extremer Fall, seine Behandlungen stehen nicht stellvertretend für die anderer Heilpraktiker. Tatsache ist aber: 40 bis 50 Prozent der Krebspatienten nehmen wie Leentje Callens Alternativmedizin in Anspruch, so die Arbeitsgemeinschaft Prävention und integrative Onkologie der Deutschen Krebsgesellschaft. Sie zahlen dafür viel Geld. Mehrere Milliarden Euro geben die Bundesbürger im Jahr für Alternativmedizin aus. Ein beträchtlicher Anteil entfällt auf „Antikrebsmittel“ - Aprikosenkerne, Gleichstromtherapie oder Mittel nach selbst erdachter Rezeptur.

Der Heilpraktiker Klaus R. stellte seine 3-Bromopyruvat-Anwendung selbst her und gab Leentje Callens am 27. Juli 2016 einige Tropfen und Spritzen. Bald nachdem Callens die Infusion erhalten hatte, verschlechterte sich ihr Zustand dramatisch. Der Heiler schickt sie am späten Nachmittag nach Hause, in der Nacht wird sie mit Krämpfen ins Krankenhaus eingeliefert. Am nächsten Tag verstirbt Leentje Callens. Ihre Ehefrau, Françoise Goedhuys, hat gegen den Heilpraktiker Klaus R. Anzeige erstattet. Außer Leentje Callens starben zwei weitere Patienten. Die Praxis von R. in Brüggen-Bracht wurde geschlossen, die Staatsanwaltschaft Krefeld begann zu ermitteln.

Das Biologische Krebszentrum, in dem der Heilpraktiker Klaus R. Krebspatienten behandelt hat

In diesem Gebäude in Nordrhein-Westfalen behandelte der Heilpraktiker Klaus R. die Krebspatienten.

Behandlung mit unerforschtem Wirkstoff

Doch solche Therapien zu ahnden, ist nicht so leicht. Das Problem fasst Jutta Hübner, Professorin für integrative Onkologie an der Universitätsklinik Jena zusammen: „Zwischen dem Heilpraktiker und dem Patienten gibt es letztendlich eine private Rechtsbeziehung. Und wenn der Patient einwilligt, dass er damit einverstanden ist, dann kann der Heilpraktiker praktisch alles machen.“

Und gerade weil 3-Brompyruvat bislang kein zugelassenes Medikament ist, sondern nur ein weitgehend unerforschter Wirkstoff, war die Rechtslage nach Einschätzung verschiedener Behörden offenbar unklar.
Klinische Studien zu 3-Brompyruvat gibt es bisher nicht. Falls die Substanz irgendwann einmal als Medikament zugelassen werden sollte, müsste sie erst in langjährigen Tests am Menschen auf Sicherheit, Verträglichkeit und Wirksamkeit geprüft werden. Als zugelassenes Krebspräparat wäre sie dann rezeptpflichtig, und rezeptpflichtige Mittel darf ein Heilpraktiker nach dem Arzneimittelgesetz nicht verschreiben.

3-Brompyruvat: Genaue Dosierung lebenswichtig

Einer der wenigen Ärzte, die überhaupt zu 3-Brompyruvat veröffentlicht haben, ist der Frankfurter Radiologie-Professor Thomas Vogl. Die Substanz habe einen ganz interessanten Mechanismus, der in der Lage sei, auf die Zellteilung von bestimmten Tumorzellen zu wirken, sagt er. Doch man müsse aufpassen: „Die Substanz hat ein ganz enges therapeutisches Fenster, das heißt, wenn man sie zu hoch oder zu niedrig dosiert, dann kann das in einer Katastrophe münden.“

Vogl behandelte 2009 einen 17jährigen Jugendlichen mit fortgeschrittenem Leberkrebs. Der Junge starb rund zehn Monate später. Ob 3-Brompyruvat sein Leben verlängerte, lässt sich aus dem Einzelfall nicht schließen.

Zwei Behandlungen - große Unterschiede

Der Unterschied von Vogls Behandlung zu der durch den Heilpraktiker Klaus R.:

1. Der Frankfurter Arzt ließ den Behandlungsversuch von der Ethikkommission der Universitätsklinik Frankfurt genehmigen.

2. Er stand im Austausch mit führenden Experten für 3-Brompyruvat in den USA.

3. Er verabreichte den Wirkstoff anders als der Heiler Klaus R. nicht als Infusion, sondern lokal, direkt in die Blutgefäße der Leber.

Der Gesetzgeber sieht keine routinemäßige Überwachung der Heilpraktiker vor. Das zuständige Kreisgesundheitsamt prüft lediglich, ob jemand, der sich im Kreisgebiet als Heilpraktiker niederlässt, über die staatliche Erlaubnis verfügt. Das Amt hat nicht die Aufgabe, Therapien des Heilpraktikers zu kontrollieren und zu bewerten. Vielmehr wird es nur aus konkretem Anlass tätig, etwa wenn Patienten sich beschweren.

Rote pflanzliche Stoffe werden in einem Mörser verarbeitet

Heilpraktiker mischen ihre Wirkstoffe zum Teil selber an. Klinisch getestet werden müssen sie nicht.

Ein Kritikpunkt, er immer wieder genannt wird: Die wenig regulierte Ausbildung zum Heilpraktiker oder Heilpraktikerin. Voraussetzung ist ein Schulabschluss, ein Hauptschulabschluss reicht. Dazu komm eine Überprüfung beim Gesundheitsamt, bestehend aus einem Multiple-Choice Test und einer mündlichen Prüfung.

Selbststudium möglich, Praktika nicht verpflichtend

Die Überprüfung dient der Gefahrenabwehr, wie es im Behördendeutsch heißt. Anders als bei Gesundheitsfachberufen, wie dem Krankenpfleger, existiert kein verbindliches Curriculum. Es gibt kaum Vorgaben, welche Kenntnisse und Kompetenzen ein angehender Heilpraktiker nachweisen muss. Die Kandidaten sind nicht mal verpflichtet, eine der privaten Heilpraktikerschulen zu besuchen. Sie können sich allein im Selbststudium vorbereiten, müssen nicht hospitiert oder unter Aufsicht Patienten behandelt haben. Krankenpfleger etwa lernen während der Ausbildung, wie man eine Spritze setzt – für Heilpraktiker ist das nicht zwingend vorgeschrieben.

Eine Frau hat ihren Kopf bei einer Behandlung in die Hände von einem Heilpraktiker gelegt

Die Behandlung von Patienten können Heilpraktiker auch im Selbststudium erlernen.

Ulrich Sümper, Präsident des Bunds Deutscher Heilpraktiker, warnt jedoch davor, den ganzen Berufsstand in Frage zu stellen. „Es gibt ab und zu mal jemanden, der sich vergaloppiert und der diesem Berufsstand schadet. Das ist richtig, aber das hat mit dem Berufsstand als solchem nicht das Geringste zu tun. Es ist nicht so, dass Heilpraktiker die Scharlatane der Nation sind und pausenlos und permanent Schäden verursachen.“ Das Gros der Heilpraktiker behandle Patienten mit chronischen Erkrankungen, etwa des Darms oder der Haut und verzeichne erstaunliche Erfolge, so Sümper. Bei Krebs hingegen dürfe ein Heilpraktiker allenfalls unterstützend tätig werden.

Gesundheitsminister: Heilpraktikerwesen braucht Reform

Die Gesundheitsministerkonferenz stellte im Juni 2018 fest, das Heilpraktikerwesen sei dringend reformbedürftig. Sie forderte den Bund auf, eine gemeinsame Arbeitsgruppe einzurichten, um eine Reform zu prüfen – diese Arbeitsgruppe gibt es jedoch noch nicht. Immerhin: Heilpraktiker sollen künftig verschreibungspflichtige Medikamente nur herstellen dürfen, wenn sie zuvor eine Erlaubnis eingeholt haben. Dies sieht der Entwurf des Gesetzes für mehr Sicherheit in der Arzneimittelversorgung vor.

Und was macht Klaus R. unterdessen? Die Kreise Wesel und Viersen hatten ihm vorübergehend untersagt, als Heilpraktiker zu praktizieren. Das Landgericht Düsseldorf hob das Verbot jedoch wieder auf. R. verfüge „unstreitig über die Erlaubnis zur Ausübung der Heilkunde, ohne als Arzt bestallt zu sein“. Die Heilpraktikererlaubnis war von der Stadt Krefeld ausgestellt worden. Auf Anfrage teilt sie dem Südwestrundfunk mit, die arzneimittelrechtliche Prüfung sei aufgrund der Fülle des Datenmaterials der Staatsanwaltschaft noch nicht vollständig abgeschlossen. Sobald das Ergebnis dieser Überprüfung vorliege, könne eine Entscheidung über der eventuellen Entzug der Heilpraktikererlaubnis getroffen werden.

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