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Eine Drohne fliegt über ein Feld

SENDETERMIN Mo, 30.5.2016 | 8:30 Uhr | SWR2

SWR2 Wissen Regeln für Spielzeugdrohnen

Von Moritz Metz

Das Bundeskabinett will heute strengere Sicherheitsregeln für zivile Drohnen beschließen. Denn der zunehmende Drohnenverkehr sorgt für Probleme.

Quadrocopter erweitern unseren Handlungsspielraums in die 3. Dimension. Man kann mit Copterschwärmen Musikinstrumente bedienen. Man kann Medikamente zustellen, den Nachbarn ausspionieren oder Wärmebilder von Gebäuden anfertigen, Brücken bauen, Erdbebengebiete kartographieren, Impfstoffe transportieren oder sogar Fische fangen oder ganz im Sinne der Hacker-Kultur, politischen Aktivismus betreiben.

Wenn Internet-Berühmtheit Trappy unter eine Videobrille schlüpft, die das Live-Bild seiner Drohnenkamera zeigt, tauscht er die Realität gegen etwas, das zwar immer noch die Realität ist, im Videobild aber wirkt wie ein Computerspiel. Man bewegt sich mit fast verächtlicher Leichtigkeit zwischen den Weltsehenswürdigkeiten hindurch und nimmt den "Blick von Oben" ein, die neuerdings demokratisierte Gottesperspektive.

Legal oder illegal? In vielen Ländern gibt es schlichtweg noch gar keine Gesetze für oder gegen solche Flugaktionen.

Aktivismus mit Drohnen

Anfang April 2015 war auf dem Amtsitz des japanischen Ministerpräsidenten ein Spielzeug-Copter gelandet, beladen mit leicht radioaktivem Sand aus Fukushima. Der Pilot wollte mit der harmlosen Ladung gegen Atomkraft demonstrieren.

Die Organisation "Women on Waves" demonstrierte im Juni 2015 gegen das Abtreibungsverbot in Polen - und flog einen Quadrocopter mit Abtreibungspillen über die Oder von Frankfurt nach Slubice.

Im April gab es in London möglicherweise den ersten vermeintlichen Zusammenstoß eines Flugzeuges mit einer Drohne. In den USA hat die Luftsicherheitsbehörde jüngst eine Registrierungspflicht eingeführt für Spielzeugdrohnen. Innerhalb der ersten drei Monate gab es gleich 400.000 Anmeldungen. In Deutschland und der EU planen Politiker und Verbände längst ähnliches - brauchen aber etwas länger. Die Flugsicherung setzt solange auf Weiterbildung.

Es gibt bereits Gesetze

Ohnehin ist bereits vieles gesetzlich geregelt. Das Fliegen über Menschenansammlungen und fremden Grundstücken ist verboten, nahe Unglücksorten oder Polizei-Einsätzen, Gefängnissen, Kasernen, Kraftwerken, Naturschutzgebieten auch.

Untersagt sind Bilder von sonst uneinsehbaren Orten oder von erkennbaren Personen. Geflogen werden darf nur mit Sichtverbindung, tendenziell weniger als die geforderten 100 Meter Höhe. Auch für Hobby-Piloten ist zudem eine Modellbau-Versicherung nötig.

Sowieso verhindern in immer mehr Spielzeug-Coptern einprogrammierte "Geofences" das Abheben und Fliegen in gesperrten Lufträumen weltweit.

Fliegende Kettensägen

Vielleicht wecken Drohnen eine menschliche Urangst, wie die vor Insekten. Ein unangenehm surrender, emotionsloser Flugroboter mit messerscharfen Propellern. Der plötzlich auftaucht und unberechenbar herumschwirrt. Dessen Kameras alles erspähen. Und der gewalttätige Lasten tragen könnte.

Finnischer Winter: Auf einem Bauernhof befestigen drei Männer eine Kettensäge an einem "Oktocopter". Acht Propeller reißen die "Killerdrone" in den Himmel.

Auch echte Waffen wurden bereits an Coptern befestigt, so wie im Video "Flying Gun" des 18jährigen Austin Haughwout aus Connecticut, USA. Eine Pistole an einer Drohne feuert ferngesteuert Schüsse ab. Der Rückstoß drückt die DIY-Flugwaffe nach hinten. Aber das Konzept funktioniert.

Provokation im Stadion

Das Verstörungspotenzial von Drohnen zeigte sich im September 2014, als ein Quadrocopter während eines Fußballspiels  zwischen Serbien und Albanien über dem Spielfeld schwebte, mit einer großalbanischen Flagge.

Die Folge der Provokation: Pfeifkonzert, Schlägerei zwischen den Nationalteams, Spielabbruch. Die Fernbedienung wurde später gefunden beim Bruder des albanischen Regierungschefs.

Von der neuen Drohnen-Terror-Angst, die beispielsweise in Frankreich auch durch geheimnisvolle Atomkraftwerk-Überflüge geschürt wurde, profitiert eine ganze Branche: Alte Player der Rüstungsindustrie aber auch kleinere Multicopter-Enthusiastenbetriebe.

Mit Helikoptern auf Drohnen schießen?

Um die wendigen Minicopter abzuwehren gibt es verschiedenste Methoden. Viele zielen auf die Funkverbindungen. Das Startup Skysafe will Spielzeug-Drohnen per Funk hacken und landen können - verrät aber noch nicht wie.

Das Antennen-Gewehr DroneDefender™ vom Battelle Institut in Ohio stört den GPS-Empfang und die Fernsteuerungs-Frequenzen, genauso ein System von Airbus Defence. Die meisten Copter leiten bei Signalverlust eine Notlandung ein oder kehren zu ihrem Startpunkt zurück.

Andere Abwehr-Methoden sind noch offensiver als die Funkstrahlenwaffen. Die Airbus-Tochter und Missile-Weltmarktführerin MBDA baut eine Laserkanone mit bis zu 2,5 Kilometern Reichweite. Auch Boeing benutzt Laserstrahlung.

Fangnetze in der Luft

Anvisierte Ziele fallen brennend zu Boden. Und der Überlinger Rüstungskonzern Diehl Defence verstört die Bordelektronik von Coptern mit einer Mikrowellenkanone, die sogar Autos stoppen kann.

Wieder andere nutzen Netze. Die handliche NetGun der Schweizer Firma Koller schießt mit Luftdruck ein Fangnetz in den Himmel, das auch für entlaufene Katzen geeignet ist.

Die britische "Skywall 100"-Netz-Bazooka wirkt für die Haustierjagd zu martialisch - erreicht aber auch höherfliegende Copter. Und die US-Firma Snake River verkauft spezielle "Drone Munition" für die Schrotflinte. Laut Herstellerangaben bleifrei - und auch hervorragend gegen Hasen, Enten und Truthähne.

Adler versus Drohnen

Doch welche Sicherheit bringt es, wenn Polizisten eine Drohne über Menschenmengen abschießen, wie im Sommer 2013 bei Demonstrationen im Gezi Park von Istanbul? Wird die Panik dann nicht angeschürt?

An einem riesigen Abfangcopter baumelt ein mehrere Quadratmeter großes Fangnetz. Damit jagt und fängt der Riesen-Copter eine kleinere Drohne, deren Propeller sich schnell im Netz verfangen.

Und Adler? Die Raubvögel sind mit ihren scharfen Augen und ihrem Jagdinstinkt die perfekten Drohnenjäger, sagt die niederländische Firma "Guards from Above" - und bildet eine vielbeachtete Adler-Abwehreinheit aus.

Auto-Pilot inklusive

Der Greifvogel-Zugriff funktioniert bereits bestens, nun müssen die Low-Tech-Vögel nur noch lernen, ihre High-Tech-Opfer auch zum richtigen Ort zu apportieren - berichtet die BBC.

Neueste Spielzeugdrohnen wie die "Phantom 4" des chinesischen Marktführers DJI erkennen jedenfalls etwaige Hindernisse über eine Analyse des Kamerabilds - und weichen automatisch aus.

In einer jüngsten Produktdemonstration des IT-Riesen Intel folgt ein Quadrocopter einem Mountainbiker durch einen künstlichen Wald - und umkurvt dabei selbstständig alle Bäume.

Wem gehört der Luftraum?

Die Westcoast-Internetriesen Amazon und Google scheinen an Science Fiction zu glauben - beide forschen jedenfalls an autonomen Lieferdrohnen.

Amazon will auch gleich den Luftraum reservieren und schlägt vor, ihn in mehrere Zonen einzuteilen: Unter 60 Metern für langsamen, lokalen Luftverkehr, darüber und bis zu 120 Metern als Hochgeschwindigkeits-Flugzone für komplett autonome Superdrohnen.

Und die kleinen Spielzeug-Copter von Hobbypiloten? Müssen verboten werden. Forderte der damalige Google-Vorstandsvorsitzende Eric Schmidt 2013 im Guardian. Der "niedrige Luftraum" wird damit immer mehr zur umkämpften Ressource.

Ein Himmel voller autonomer Fluggeräte: wir werden uns daran gewöhnen müssen. Auch wenn die Hobbycopter derzeit so beliebt sind wie Wespenschwärme. Doch allerspätestens nach einer halben Stunde: landen sie alle. Denn der Akku hält nicht länger.

 

 

 

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